Ausgabe Nummer 16 (2010)
Ein kurzer Blick über die Grenze
Wie gehen deutsche Tabakpflanzer mit den einschneidenden Veränderungen bei den Direktzahlungen um?
Die Reform der gemeinsamen Agrarpolitik der EU hat innerhalb der europäischen Landwirtschaft zu diversen Veränderungs- und Anpassungsprozessen geführt. Besonders intensiv von diesen Prozessen sind die Tabakpflanzer betroffen, da ihre Direktzahlungen nach und nach abgeschmolzen und letztendlich komplett abgeschafft werden. Somit stehen die Tabakpflanzer vor großen Herausforderungen. Der Autor dieses Beitrages hat zwei Jahre (2006 bis 2008) in einem Projekt der Länder Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gearbeitet, um die Tabakpflanzer in dieser schwierigen Situation zu unterstützen. Aus diesen Erfahrungen heraus sollen hier einige verschiedene Verhaltensweisen der Betroffenen beim Umgang mit Veränderungen charakterisiert werden.
Ausgangssituation – Schock
Mit dem Anbau von Tabak konnte viele Jahre eine relativ hohe Wertschöpfung je Flächeneinheit erzielt werden. Zudem ist der Tabak in einigen Regionen (zum Beispiel der Pfalz) mehr als nur ein landwirtschaftliches Erzeugnis. Er stellt vielmehr seit Jahrhunderten eine kulturelle Identität dar, die sich beispielsweise in vielen Ortsbildern widerspiegelt, wo eine Tabakscheune neben der anderen steht und der Tabakanbau die Landwirtschaft intensiv mitgeprägt hat. Die EU-Agrarreform aus dem Jahr 2004 hat deshalb zu einem grossen Schock bei den Tabakpfl anzern geführt. Seitdem herrscht im deutschen Tabakanbau grosse Unruhe, da in der Ausgangssituation bis zu 75 Prozent der Erlöse im Tabak über Direktzahlungen generiert wurden. Jetzt, im Jahre 2010, sind sämtliche Direktzahlungen für den Tabak gestrichen und die Förderung erfolgt derzeit im Rahmen der Betriebsprämie, die bei den Tabakbetrieben bis zum Jahr 2013 komplett gestrichen wird (siehe Grafi k). Diese Situation verdeutlicht, dass der Tabakanbau in Deutschland als Ganzes gefährdet ist und somit alle Tabakanbaubetriebe vor grossen Herausforderungen stehen, entweder in der Tabakproduktion selber oder in alternativen Bereichen innerhalb oder ausserhalb der Landwirtschaft.
Umgang mit der veränderten Situation
Viele Tabakpfl anzer haben zunächst einmal nicht wahrhaben wollen, dass extreme Veränderungen auf sie zukommen werden. In den ersten beiden Jahren nach dem Beschluss der EU stand bei vielen Betrieben die Verdrängung der Problematik im Vordergrund. Die Realität wurde grösstenteils ausgeblendet, und erst langsam wuchs die Erkenntnis, dass man sich intensive Gedanken um die Zukunft des eigenen Betriebes machen muss. Verstärkt wurde diese Haltung noch dadurch, dass durch die Absicherung über die Prämie bei vielen Betrieben ein marktorientiertes Bewusstsein nur bedingt ausgeprägt war und man weiter intensiv darauf setzte, dass die Interessenvertreter durch Lobbyarbeit in der Lage sein würden, die EU zu einer Revision der Beschlüsse zu bewegen. Erst als die ersten Veränderungen im Jahr 2006 persönlich wahrnehmbar wurden, stellte sich bei vielen Betrieben das notwendige Problembewusstsein ein. Allerdings gibt es auch einige Betriebe, die bereits von Beginn an ihre Strategien überdacht und verändert haben. Es gibt aber auch diejenigen Betriebe, die selbst heute im Jahr 2010 noch ohne Anpassungen oder Veränderungen Tabakbau so betreiben wie vor zehn Jahren. Ganz grob können deshalb drei verschiedene Typen unterschieden werden, die in diesem Artikel als «Gestalter», «Anpasser » und «Bewahrer» bezeichnet werden, wobei es sich nicht um eine allgemeingültige Klassifi zierung handelt. Selbstverständlich sind diese Typen beziehungsweise die Strategien, die sich hinter diesen Typen verbergen, immer auch abhängig von der grundsätzlichen Situation des Betriebes – gibt es einen Betriebsnachfolger, wie alt ist der Betriebsleiter, wie gross ist der Betrieb usw. Am Beispiel der deutschen Tabakpflanzer sollen diese drei Typen etwas genauer betrachtet werden.
Die Gestalter
Diese Gruppe der Tabakpfl anzer hat sich seit Bekanntwerden der Agrarreform sowohl intensiv mit der Situation des Tabakanbaues als auch mit den anderen landwirtschaftlichen Betriebszweigen auseinandergesetzt, um Chancen und Risiken abzuwägen. Sie haben intensive Marktbeobachtung betrieben, haben viele Kontakte zu Produzenten, Händlern und Beratern gesucht, vor allem aus anderen Bereichen der Landwirtschaft, und sind vielfältig aktiv gewesen, um nach möglichen Potenzialen für ihren Betrieb zu suchen. Charakteristisch für diese Gruppe ist, dass sie diese Aktivitäten auch schon lange vor der Reformentscheidung durchgeführt und die Strategien ihrer Betriebe immer wieder neu überdacht und ausgerichtet haben. Darunter fi nden sich dann ganz verschiedene Betriebsmodelle wieder, die mal intensiv auf den Tabak zugeschnitten, mal auf Diversifi zierung ausgerichtet sind oder Tabak «lediglich» als zweites Standbein zur Absicherung neben einer Spezialisierung auf einen anderen Bereich betrieben haben. Die Betriebsleiter aus dieser Gruppe haben schon relativ früh nach der Reformentscheidung ihre Betriebsausrichtungen angepasst, wobei die Anpassungen betriebsindividuell sehr unterschiedlich ausgefallen sind. Einige haben den Tabakanbau sehr schnell aufgegeben, andere haben konsequent andere Betriebszweige ausgebaut, so dass die Bedeutung des Tabaks für den Gesamtbetrieb immer geringer wurde. Ganz wenige haben trotz der grossen Herausforderungen den Tabakanbau ausgebaut und kulturtechnisch verändert, weil sie auf steigende Weltmarktpreise ab 2010 und Kostendegression durch grössere Einheiten und verstärkten Technikeinsatz setzen. Allen diesen Veränderungen liegen intensive Analysen des eigenen Betriebes und des Umfeldes zugrunde, wobei sich die Betriebsleiter vor allem durch hohe Eigeninitiative auszeichnen.
Die Anpasser
Bei dieser Kategorie handelt es sich um die grösste Gruppe der Tabakpfl anzer. Sie haben in der Regel die Notwendigkeit für Veränderungen erkannt, haben aber dennoch sehr lange darauf gesetzt, dass die Reformen noch einmal überarbeitet werden oder dass ihnen über andere Förderprogramme weiterhin intensiv geholfen wird. In dieser Gruppe fi nden sich sehr viele traditionsbewusste Landwirte wieder, die Tabakanbau oft über 200 Jahre in ihrer Familie betrieben haben und für die Tabak keine Kultur darstellt, die einfach ausgetauscht werden kann. Die meisten wissen sehr genau, dass sie etwas verändern müssen, können sich mit diesen Prozessen aber nur schwerlich anfreunden. Dennoch stellen sie sich der Problematik, umso näher die Veränderungen bei den Prämien rücken. Seitens des Projektes war sehr deutlich zu erkennen, dass das Interesse nach Informationen und Kontakten in andere Bereiche aus dieser Gruppe heraus im Jahr 2006 noch sehr gering war, jedoch bis zum Jahr 2008 intensiv angestiegen war. Von da an entwickelten die Betriebe ähnlich viele Konzepte wie die Gruppe der Gestalter, sei es beim Ausbau der Direktvermarktung, sei es beim Aufbau eines Hofkaffees, sei es bei der Produktion von Kräutern oder aber auch bei einer Abkehr von der Landwirtschaft. Charakteristisch für diese Gruppe ist die Tatsache, dass die Betriebsleiter eigentlich wenig verändern möchten, sich aber nach und nach den veränderten Bedingungen pragmatisch anpassen, mal etwas schneller, mal etwas langsamer.
Die Bewahrer
Bei den Bewahrern besteht wenig Wille, sich auf die veränderten Bedingungen einzustellen. Speziell in dieser Gruppe konnte oftmals eine Verhaltensweise beobachtet werden, die als Verdrängung der Realität bezeichnet werden kann. Betriebsleiter aus diesem Bereich stellten immer wieder die Bedeutung des Tabakanbaus für die Region heraus und leiteten daraus für sich einen Anspruch auf Beibehaltung des Status quo ab. Im Gegensatz zu den ebenfalls traditionsbewussten Anpassern, fehlt den meisten Bewahrern der Pragmatismus, um sich den Herausforderungen konsequent zu stellen. Sie sind eher auf der Suche nach «Schuldigen» (Politik, EU, Gesundheitsexperten), die nun ihren Tabakanbau zerstören wollten und betonen deshalb sehr intensiv den «Kampf» für ihren Tabakanbau. Betriebe aus dieser Gruppe sind dementsprechend auch diejenigen, die erst dann auf die Veränderungen reagieren, wenn es alle anderen bereits getan haben. Das führt letztendlich dazu, dass sie es auch schwer haben, sich neue Märkte zu erschliessen, weil diese bereits von anderen besetzt sind, die wesentlich schneller reagiert haben.
Abschliessende Bemerkung
Es bleibt festzuhalten, dass alle Bereiche der Landwirtschaft immer wieder Veränderungen und Anpassungsprozessen unterworfen und somit die landwirtschaftlichen Unternehmen vor neue Herausforderungen gestellt sein werden. Der Tabakanbau in Deutschland wurde dafür stellvertretend als Beispiel ausgewählt. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang, dass man die Augen vor den Realitäten nicht zu lange verschliesst und sich offensiv den Veränderungen stellt. Unternehmen müssen sich immer wieder neu ausrichten beziehungsweise ihre Strategie anpassen, um weiterhin erfolgreich auf dem Markt bestehen zu können. Dazu zählt, dass Betrieb und Umfeld regelmässig analysiert werden, insbesondere in Bezug auf Stärken und Schwächen sowie auf Chancen und Risiken. Grundsätzlich ist es Zeitachse für Veränderungsprozesse Gestalter Anpasser Bewahrer 13 bei Veränderungsprozessen stets wichtig, sich gut zu informieren, Weiterbildungen zu besuchen, keine Angst vor fremden landwirtschaftlichen Bereichen zu haben, sich marktorientiert zu verhalten und intensive Kontaktpfl ege zu betreiben.
BBZ Arenenberg, Ludger Knapp
