Ausgabe Nummer 16 (2004)

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Ein neues Produkt mit Zukunft

="text">Tafeltrauben aus dem Thurgau  
Ein neues Produkt mit Zukunft
 

Weltweit ist die Tafeltraube die am meisten angebaute Früchteart, mehr als Äpfel, Bananen und Orangen zusammen. Die jährliche Einfuhr in die Schweiz beträgt rund 40 000 Tonnen. Als Vergleich dazu beträgt die jährlich konsumierte Menge Tafeläpfel in der Schweiz rund 100 000 Tonnen. Damit lässt sich erahnen, welch grosses Marktpotenzial für die inländische Produktion brachliegt. Bei einem Selbstversorgungsgrad von minimalen 10% könnten in der Schweiz rund 4000 Tonnen Tafeltrauben auf einer Fläche von 200 bis 300 ha angebaut und vermarktet werden.
Gemäss der Weinverordnung des Bundes vom 7. Dezember 1998 unterliegt der Anbau von Tafeltrauben nicht mehr dem Weinrecht und ist damit nicht mehr an den Rebkataster der Weinproduktion gebunden. Der Anbau von Tafeltrauben ist frei. Er wird daher zu einer sehr interessanten Nischenproduktion für den inländischen Früchteproduzenten.
Die Fachstelle Obst- und Rebbau vom LBBZ Arenenberg hat während der letzten fünf Jahre die Tafeltraubenproduktion studiert und anhand einer eigenen Versuchsanlage auf Arenenberg erste Erfahrungen mit den Sorten, der Erziehung, den Pflegemassnahmen, dem Witterungsschutz, der Fruchtqualität und auch der Vermarktung gesammelt.

Erste Erfahrungen mit den Sorten
Im Frühjahr 1999 sind am Standort Arenenberg 18 verschiedene Tafeltraubensorten gepflanzt worden. In der Zwischenzeit kamen zehn weitere Sorten dazu. Im Herbst 2001 konnten die ersten Trauben beurteilt und geerntet werden. Aufgrund dieser ersten Erfahrungen war es möglich, grobe Vorentscheide für unser zukünftiges Sortiment zu fällen. Einige Sorten wurden in der Zwischenzeit bereits wieder gerodet. Zurzeit werden die verbleibenden 23 Sorten weiter gepflegt, um damit weitere Erfahrungen zu sammeln. Zudem wird das Sortiment im Frühjahr 2004 mit neuen Sorten ausgedehnt.

Erziehung der Tafeltrauben
In der Testparzelle am LBBZ Arenenberg hat sich das V-System (Arenenberger V-System) gut bewährt und wird weiterhin empfohlen. Mit diesem System erreichen wir, dass die Trauben frei hängen und sich nicht mit den Binde- und Heftdrähten verranken, um die schonende Ernte zu erleichtern. Alle Tafeltraubenproduzenten im Thurgau haben das Arenenberger V-System gewählt. Auch viele Produzenten aus dem benachbarten Deutschland haben unser Anbausystem übernommen (Grafik und Bild).

Arbeitsintensive Pflegemassnahmen sind erforderlich
Die Pflege der Tafeltraube ist mit derjenigen der Weintraube nur bedingt vergleichbar. Winterschnitt und Laubarbeiten sind dem Weinbau sehr ähnlich, wobei mit dem variablen Heftdraht analog der Lorenzklammer im Weinbau gearbeitet werden kann und somit das Einschlaufen der Schosse erleichtert.
Die Behangsregulierung gehört zu den wichtigsten Massnahmen. Bei den Tafeltrauben ist zwar keine Mengenbegrenzung vorgeschrieben, aber trotzdem dürfen die Rebstöcke nicht überlastet werden, und die Trauben müssen vor allem am rechten Ort hängen, sodass sie sich nicht verranken und zwischen den Drähten einwachsen.
Ohne Pflanzenschutz ist eine erwerbsmässige Tafeltraubenproduktion undenkbar. Leider sind viele der bis jetzt bekannten mehltauresistenten Sorten für eine wirtschaftliche Tafeltraubenproduktion ungeeignet. Die neuen ungarischen Sorten wie Lilla, Fanny, Angela und Nero sind krankheitswiederstandsfähig gegenüber Mehltau und müssen folgedessen deutlich weniger gespritzt werden als die konventionellen Tafeltraubensorten aus Italien und Frankreich.
Ein grosser Arbeitsaufwand ist im Bereich des Witterungs-, Vogel- und Wespenschutzes notwendig. Ohne Regendach ist eine wirtschaftliche qualitätsbewusste Tafeltraubenproduktion undenkbar.
Die Erntearbeiten sind am ehesten mit der Kirschen- oder Zwetschgenernte zu vergleichen. Unsere Produzenten ernten die Tafeltrauben für den Sofortkonsum teils ins Verkaufsgebinde und teils ins Lagergebinde. Für die spätere Vermarktung werden die Tafeltrauben in G-2-Kisten geerntet. Dieses Gebinde eignet sich auch für die spezielle Lagerung

Vermarktung der Tafeltrauben
Unser Ziel ist es, dass die Tafeltrauben nicht nur während der Hauptimportmonate August und September vermarktet werden, sondern dass wir mit unserem neuen Produkt dank der Sortenwahl und der Erkenntnisse in der Lagerung auch in den Monaten Oktober, November und Dezember auf dem Markt sind. So ist es möglich, eine höhere Wertschöpfung für die einheimischen Tafeltrauben zu realisieren.
Mit unserem Produkt sprechen wir nicht nur die Direktvermarktung und die örtlichen Detaillisten an, sondern wir möchten auch beim Grossverteiler Fuss fassen. Es ist uns aber bewusst, dass sich die Verkaufspreise gegenüber den Importtrauben deutlich abheben werden. Wir sehen dies aber auch als Chance für die Profilierung der einheimischen Produkte und die Vermarktung unter dem Logo «Aus der Region – für die Region».

Produktionskosten
Genaue und verbindliche Produktionskostenberechnungen liegen zurzeit noch nicht vor. Die Erhebungsstelle «Service romand de vulgarisation agricole» in Lausanne, unter der Leitung von Philippe Droz, hat die ersten Daten unserer Produzenten erhalten und wird anhand dieser Aufzeichnungen in ein bis zwei Jahren genaue Berechnungen vorlegen können. Bisher haben wir aufgrund unserer Erfahrungen eine provisorische Kostenberechnung erstellt, mit dem Ergebnis, dass mit Produktionskosten von rund Fr. 3.80/kg gerechnet werden muss.

Aktive und interessierte Thurgauer Tafeltraubenproduzenten
Am 12. März 2003 haben die Thurgauer Pioniere die Arbeitsgemeinschaft Thurgauer Tafeltrauben «THURTA» gegründet, mit dem Zweck, die Tafeltraubenproduktion im Thurgau zu fördern, die Mitglieder auszubilden und die Produktion den Bedürfnissen des Marktes anzupassen. Die THURTA ist in der Schweiz die erste Produzentenorganisation, die sich mit Tafeltrauben beschäftigt. Sie zählt zurzeit 12 Mitglieder. Diese haben inkl. Pflanzung 2004 rund 6 ha Tafeltrauben angepflanzt. Die Hauptsorten sind Lilla mit 1,08 ha (Bild 1), Muscat bleu mit 1,0 ha (Bild 5), Nero mit 0,96 ha (Bild 4), Birstaler Muscat mit 0,80 ha, Angela mit 0,63 ha (Bild 3), Fanny mit 0,37 ha (Bild 2), Palatina (0,33 ha) und einige Versuchssorten.

Fachzentrum Tafeltrauben des Schweizerischen Obstverbandes
Auf Initiative der THURTA wird der Schweizerische Obstverband am 22. April 2004 das Fachzentrum Tafeltrauben gründen. Somit ist klar, dass zukünftig die Tafeltraubenproduktion endgültig zur Früchteproduktion gehören wird, denn die Tafeltraube liegt mit der Produktion und der damit verbundenen Nachlagerung und Vermarktung näher beim Obst als beim Wein. Als erster Präsident des Fachzentrums Tafeltrauben des SOV wird Christian Krebs, Leiter des Versuchsbetriebs in Güttingen, vorgeschlagen.

Ausblick
Die Tafeltraube ist eine sehr beliebte Frucht. Dank neuer Sorten ist es möglich, diese auch in der Schweiz anzubauen. Obwohl die Produktion bei uns sehr kostenintensiv ist, wird der Wertschätzung der Tafeltraube aus eigener Produktion ein grosser Stellenwert beigemessen.
Die Tafeltraube ist nicht nur eine beliebte Frucht, sie nimmt auch eine Sonderstellung ein, da sie einige besonders wirksame gesundheitliche Schutzstoffe enthält, die sich nur noch in wenigen anderen Lebensmitteln finden lassen. Zudem gehört die Traube zu jenen Früchten, deren Energie dank dem sehr rasch verfügbaren Traubenzucker schnell und direkt ins Blut übergeht und somit als «Sofortenergie» wirkt.
Diese Sofortenergie wird auch von unseren Produzenten genutzt, die dank ihrer Initiative bereits im kommenden Herbst eine Ernte von rund 30 000 kg erwarten und diese wertvolle Energie dem Konsumenten weitergeben.

LBBZ Arenenberg, Fachstelle
Obst- und Rebbau, Bruno Hugentobler


Die erste Generalversammlung der THURTA findet am 21. April statt (siehe Agenda).

Lilla – Frühreife weisse Tafeltraube mit grossen Trauben und grossen, leicht ovalen festfleischigen Beeren. Die Frucht schmeckt angenehm süss und fruchtig. Fanny – Mittelfrühreife weisse Tafeltraube mit grossen Trauben und grossen, leicht ovalen, festfleischigen Beeren. Die Frucht schmeckt angenehm süss und neutral.
Angela – Späte weisse Tafeltraube mit grossen Trauben und grossen, gelbgrünen, festfleischigen Beeren. Die Frucht schmeckt angenehm mild, frisch und fruchtig. Muscat bleu – Frühreife blaue Tafeltraube mit grossen Trauben und mittelgrossen Beeren mit einer lockeren Traubenstruktur. Die Frucht schmeckt angenehm süss mit fruchtigem, leichtem Muskatton.


Nero – Mittelfrühreife blaue Tafeltrauben mit grossen Trauben und mittelgrossen, ovalen Beeren mit einer kompakten Traubenstruktur. Die Frucht schmeckt