Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
26. Juni 2020


Ein vegetativer Blitzstart in den Rebbergen

Ausgabe Nummer 21 (2018)

Erste grosse Rebbegehung in Löhningen

An der ersten Rebbegehung dieses Jahres konnten die zahlreichen Teilnehmer den vegetativen Blitzstart mit eigenen Augen erleben. Thematisiert wurden dabei die Düngung, das physiologisches Gleichgewicht sowie der Pflanzenschutz.

«Wir durften im April und Mai ein einmaliges Rebenwetter verzeichnen und von einem guten Traubenschuss Kenntnis nehmen», hielt Rebbaukommissär Markus Leumann an der ersten diesjährigen Rebbegehung der Fachstelle Weinbau für die beiden Kantone Schaffhausen und Thurgau in Löhningen fest. Diese Rebgemeinde, welche zusammen mit Beringen über eine Rebfläche von etwas mehr als 15 ha verfügt, ist insbesondere für seine Riesling-Sylvaner- Weine bekannt. «Bei uns ist die Hälfte der Fläche mit Riesling-Sylvaner bestockt, dies auch wegen unserer speziellen Rebböden», hielt Bernhard Zoller, Präsident der gastgebenden Rebbaugenossenschaft Löhningen- Beringen, fest.
Mitten in einer Riesling-Sylvaner-Parzelle hatte Markus Simmler ein Bodenprofil ausgehoben und dabei, für die Lage am Südfuss des Randes, etwas überraschend einen eher tiefgründigen Boden vorgefunden. Das Bodenprofil und dessen Zusammensetzung ist für das Wachstum der Rebe mit ihren Wurzeln entscheidend. Diese stellen die Rebleute vor grosse Herausforderungen, die richtige Bearbeitungsweise zu finden, damit sich die Rebwurzeln optimal entwickeln und die Nährstoffe aufnehmen können. «Die meisten Rebwurzeln gehen nicht tiefer als 40 cm, wobei die stärkste Wurzelaktivität Mitte Mai stattfindet», führte Lucie Leumann von ökohum aus. Der Boden ist bezüglich der Wasserversorgung der Reben entscheidend. «Zuviel oder zu wenig Wasser behindert die Nährstoffaufnahme», rief Simmler in Erinnerung. Entsprechend wies er daraufhin, dass bei Jungreben die Bodenpflege für eine spätere erfolgreiche Anlage nicht vernachlässigt werden sollte. «Jungreben sind wie kleine Kinder. Was bei Erziehung und Pflege in den ersten Jahren verpasst wird, wirkt sich negativ auf die spätere Entwicklung aus», so Simmler. Die Nährstofffrage thematisierte Rebbauberater David Walter. Bei der Düngung ist ein physiologisches Gleichgewicht anzustreben, welches bereits als erster Schritt mit dem Schnitt erfolgt. «Die anschliessende allfällige Düngung soll mit einer ausgeglichenen Ernährung für ein zügiges Wachstum sorgen», rief Walter in Erinnerung. Er machte deutlich, dass die Nährstoffversorgung nicht allein von den Düngergaben abhängig ist, sondern der Boden und die eingelagerten Nährstoffe und Spurenelemente eine zentrale Rolle spielen.
«Nährstoffe haben auch einen wichtigen Einfluss auf den späteren Wein. Boden und Luft sowie Wärme und Wasser sind für die Einlagerung von Mineralstoffen in den Trauben verantwortlich», hielt GVSKellermeister Michael Fuchs fest. Dabei verwies er auf den wichtigen Stickstoff, welchen auch die Hefen für die Vergärung des Mostes benötigen. Für Fuchs nimmt die Wasserversorgung der Rebe bezüglich der späteren Weinqualität eine zentrale Rolle ein. Entsprechend rät er beim Anlegen von Terrassenanlagen zum Anbringen einer Tropfbewässerung.

Pflanzenschutz und neue Alternativen thematisiert
Das schnelle Wachstum fordert auch vermehrt den Pflanzenschutz. «An der Wetterstation Hallau sind bis anhin aufgrund der Wetterlage zwei Infektionstage mit dem falschen Mehltau verzeichnet worden», führte Pflanzenschutzberater Hansueli Graf aus. Entsprechend muss jetzt gehandelt werden, damit die Rebe vor einer Infektion geschützt wird. Eine Erkrankung kann auch auf den jungen Gescheinen erfolgen und zu einem Totalausfall führen.
Zudem präsentierte Graf eine Technologie für die natürliche Bekämpfung des Traubenwicklers mittels der Verwirrungstechnik. «Wir setzen in diesem Jahr erstmals in Trasadingen und Dörflingen Geräte ein, welche während den Abend-, Nacht- und frühen Morgenstunden in regelmässigen Abständen Duftnoten ausstäuben, die zur gleichen Verwirrung wie mit den Ampullen führen», hielt Graf fest. Je nach Lage sind dabei pro Hektare 2 bis 3 dieser kleinen technischen Kästchen nötig, welche mit einem Duftgerät, beispielsweise in einer Toilette, zu vergleichen sind. Er zeigte sich zuversichtlich, dass sich diese neue Methode behaupten kann, sodass man damit das arbeitsintensive Aufhängen mehrerer hundert Ampullen pro Hektare ersetzen könnte.
«Wie kann ein gleichmässiges, stressfreies Pflanzenwachstum gefördert, und wie können Pflanzen resistenter gegen Stressfunktionen gemacht werden?», war die Frage von Pflanzenschutzberater David Böhni. Die Antwort, wie dies mit der Ausnützung des genetischen Potenzials unterstützt und zugleich die Produktivität gesteigert werden kann, lieferte er gleich selber. Das Geheimnis liegt in der Wirkungsweise der Stoller-Produkte aus den USA, welche auf der Grundlage der Phytohormone basieren. Diese sind im Gleichgewicht zu halten, damit sie pflanzenfördernd sind. Dabei kommen Mischungen und Kombinationen verschiedener Stufen von Pflanzenhormonen in Verbindung mit wichtigen Nährstoffen zum Einsatz, welche zu einer besseren hormonellen Balance führen, diese gar steigern oder auch regulieren. Mit der damit angestrebten Wirkung wird beispielsweise die Ethylenproduktion in der Pflanze blockiert, was diese widerstandsfähiger macht und Stresssituationen einfacher überstehen lässt. «Diese Stoller-Technologie aktiviert die Zuckerproduktion in den Reben oder auch Zuckerrüben und Kartoffeln und sorgt dafür, dass diese in die Ernte- und Reserveorgane verlagert werden», hielt Böhni fest. Erste amtliche Versuche haben im Weinbau gezeigt, dass beim Blauburgunder deutlich höhere Zuckergehalte erreicht worden sind.


Roland Müller










« zurück zur Übersicht