Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
14. Februar 2020


Eine gute Ernte reicht nicht für ein gutes Rebenjahr

Ausgabe Nummer 4 (2020)

Fachtagung Winzer

Die Winzer stehen vor grossen Herausforderungen: Der weltweite Weinmarkt ist überfüllt, die Preise sind zu niedrig und zwei Abstimmungsinitiativen machen den Rebleuten das Leben schwer. Die Weinproduktion erreichte im Jahr 2018 weltweit einen Höchststand von rund 30 000 Millionen Liter. Der weltweite Weinkonsum ist seit 1990 allerdings um einen Drittel zurückgegangen. Auch in der Schweiz war das Jahr 2018 ein Rekordjahr. Mit 111 Millionen Liter wurde im Schnitt 12 % mehr Wein produziert. Der Konsum von Schweizer Wein betrug aber lediglich rund 90 Millionen Liter. Auch die Schaffhauser Winzer produzierten vor zwei Jahren auf rund 480 Hektaren eine Rekordmenge von 3,4 Millionen Liter Wein, drei Prozent von der Schweizer Gesamtmenge. Der Konsum von Schaffhauser Wein lag aber lediglich bei 2,9 Millionen Liter. Im Schaffhauser Blauburgunderland gibt es eine Überkapazität von 80 bis 100 Hektaren Reben.

Rebleute trafen sich zur jährlichen Fachtagung
Der Leiter des Schaffhauser Landwirtschaftsamtes, Markus Leumann, konnte in Schleitheim (SH) neun Referenten und über 100 Reb- und Weinfachleute zum jährlichen Weiterbildungsmorgen vom Schaffhauser Branchenverband «Blauburgunderland » begrüssen. Der für die Kantone Thurgau und Schaffhausen zuständige Rebbaukommissär betonte, dass gute Qualität für ein gutes Rebenjahr nicht mehr ausreiche; der Wein muss auch verkauft werden. Wenn das Angebot grösser als die Nachfrage ist, geht der Preis herunter und kann bis zur defizitären Produktion führen. Jedes Jahr hören im Blauburgunderland zehn bis 20 Traubenproduzenten auf. Im Kanton Schaffhausen sind über 100 Hektaren mit Reben bestockt, die älter als 36 Jahre und abgeschrieben sind. «Alte Blauburgunderreben pflegen, nur dass man abends müde ist, macht keinen Sinn», sagte der Branchenverbandspräsident Christian Roth und empfahl den Produzenten, die unwirtschaftlichen Ertragsflächen zur Marktentlastung zu roden und nach ein paar Jahren ohne grosse Auflagen mit neuen Rebsorten wieder etwas zu riskieren.

Chef des Landwirtschaftsamtes erwartet schwieriges Rebenjahr
«Der Strukturwandel im Rebbau ist akut gefährdet und mit der Milchproduktion zu vergleichen», sagte Leumann. Er warnte vor neuen Krankheiten und Schädlingen, die durch die Globalisierung eingeschleppt werden, insbesondere vor der Goldgelben Vergilbung. «Wenn wir diese Krankheit bekommen, haben wir den Feuerbrand im Rebberg», sagte Leumann. Positiv bewertete er, dass mittlerweile rund 20 % der Schaffhauser Winzer zumindest teilweise auf Fungizide und Herbizide verzichten. «Die Thurgauer sind uns da sogar noch etwas voraus», sagte Leumann und bemerkte, dass der gesellschaftliche Druck unweigerlich in diese Richtung führe. Mahnende Worte bezüglich der bevorstehenden Abstimmungsinitiativen gab es vom Schaffhauser Bauernverbandspräsident Christoph Graf. «Man kann jede Woche irgendwo einen Bericht lesen, wo es darum geht, was wir alles falsch machen und wo wir überall die Umwelt vergiften», sagte Graf. Für ihn passt es einfach nicht mehr zusammen, wenn man auf der einen Seite das Klima verbessern will und sich auf der anderen Seite das Konsumverhalten in der Gesellschaft nicht verändert. «An die Bauern werden zahlreiche Forderungen gestellt, aber der Konsument ist nicht bereit, den Mehrpreis dafür zu bezahlen », sagte Graf. Er betonte, dass sich bei einer Annahme der Initiativen die Produktionskosten verteuern, die Preise steigen sowie Importe und Einkaufstourismus zunehmen würden. «Die Initiativen sind zu radikal», schimpfte Graf.

Weinbauern haben eine neue Strategie
Johannes Ermatinger stellte die neue Strategie 2020 vor und bemerkte, dass sich die Qualität des Weines in den letzten 20 Jahren positiv entwickelt habe. «Gegen den Preis von ausländischen Weinen müssen wir aber nicht kämpfen», sagte der Unternehmensberater. Die neue Strategie zielt auch auf die Biodiversität in den Rebbergen ab, indem Monokulturen reduziert, Ausgleichsflächen, biologische Hotspots sowie robuste und selbst regulierende Bestände geschaffen werden. Es braucht innovative Köpfe, die über den eigenen Rebberg hinaus schauen, sich vernetzen und den verloren gegangenen Pioniergeist wieder aktivieren. «Die Zukunft des Blauburgunderlandes können Rebbauern und Einkellerer nur gemeinsam erfolgreich gestalten», betonte Ermatinger.

Weintourismus ist eine grosse Chance
Für den Tourismusfachmann Fredi Gmür sind Wein und Tourismus wichtige Wertschöpfungspartnerschaften für den regionalen Wirtschaftskreislauf. Die grössten Güter für beide Organisationen sind Natur, Kultur, Genuss und Lebensfreude, die gemeinsamen Herausforderungen, hohe Produktionskosten, Witterungsabhängigkeit, Überangebot und der Preisdruck der ausländischen Mitbewerber. Gmür lobte die Weitsichtigkeit im Kanton Schaffhausen, wo auf Kosten der Quantität auf Qualität gesetzt wird. «Nachhaltigkeit ist ein Gesamtwerk von funktionierenden, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, sozialen und ökologischen Aspekten, und nur wenn diese Zahnräder ineinander laufen, gibt es einen Fortschritt», sagte Gmür und bemerkte, dass es nicht für alle funktioniert, wenn der Investor nur die absolute Höchstrendite anstrebt. Er bemerkte, dass man bei den Megatrends mitgehen muss und dass jeder Megatrend auch Gegentrends auslöst. Die Anonymisierung in den Städten schaffe Bedürfnisse, die gerade mit Weinerlebnissen abgedeckt werden könne. Wenn der Gast und Konsument mit seinen Wünschen in den Mittelpunkt gesetzt wird, ist er auch bereit, einen Preis dafür zu bezahlen.


Text und Bilder: Thomas Güntert







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