Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
19. Januar 2018


Eine Rückkehr mit Nebengeräuschen

Ausgabe Nummer 24 (2016)

Vor 50 Jahren wurden im Kanton Thurgau fünf Biber ausgewildert. Heute liegt der Biberbestand bei ungefähr 500 Tieren. Schweizweit geht man von 2800 Tieren aus.

Die putzigen Nager mit den grossen Schneidezähnen und dem flachen, beschuppten Schwanz, geniessen viel Goodwill in der Bevölkerung. Weil vor 50 Jahren die ersten Biber im Thurgau angesiedelt wurden und das Zusammenleben mit der immer grösser werdenden Population nicht immer ganz einfach ist, hat sich das Naturmuseum Thurgau in Frauenfeld entschieden, diesem spannenden Stück Thurgauer Naturschutzgeschichte eine Ausstellung zu widmen.
An der Medienvorbesichtigung erklärte Hannes Geisser, Museumsdirektor, dass die Ausstellung die unterschiedlichen Sichtweisen auf den Biber vermittle und damit Information und Diskussion über ein Thema ermögliche, das kürzlich auch auf der nationalen Politbühne für Gesprächsstoff sorgte. Die Ausstellung bietet nicht nur öffentliche und spezielle Familienführungen an, sondern lädt auch zu Tischgesprächen mit Experten aus Umweltverbänden, der Kantonalen Jagd- und Fischereiverwaltung und der Politik ein.

Haakon und Olaf waren die Ersten
Wie Hannes Geisser ausführte, wurden die Biber in der Schweiz um 1800 ausgerottet. Ihr Fell und Fleisch waren begehrt und das Bibergeil, ein Drüsensekret, diente als Wundermedizin. Auch als vermeintlicher Fisch- und Krebsräuber wurde der rein vegetarisch lebende Biber intensiv bejagt. Nach seiner Ausrottung vor gut 200 Jahren wird es am 12. November genau 50 Jahre her sein, seit im Thurgau zum ersten Mal Biber ausgesetzt wurden. Anton Trösch aus Bottighofen hatte mit Gleichgesinnten zusammen im Augsburger Zoo zwei Tiere, sie wurden Haakon und Olaf genannt, für 2000 Franken erstanden und diese am 12. November 1966 im Stickbach bei Bottighofen freigelassen. Bis Ende der 60er-Jahre wurden 18 Tiere, es waren norwegische Biber, ausgesetzt. «Lediglich fünf bis sieben Tiere haben überlebt, und aus diesen hat sich später der ganze Bestand am Nussbaumersee weiterentwickelt », erklärte Geisser. Zur gleichen Zeit seien in der Westschweiz ungefähr 140 Biber aus Frankreich, sogenannte Rohnebiber, ausgesetzt worden. Heute haben sich die beiden Arten von der West- zur Ostschweiz ausgedehnt und im Mittelland teilweise auch vermischt.

Die grösste Population liegt im Thurgau
Heute besiedeln Biber einen grossen Teil des Kantons, nach letzten Schätzungen ungefähr 500 Tiere, welche sich an sämtlichen Zuflüssen der Thur ihre Reviere suchten. Der Thurgauer Bestand sei damit der grösste der Schweiz und für die Schweizer Population, aber auch für die Bestände und die weitere Ausbreitung, in den angrenzenden Nachbarländern von zentraler Bedeutung. Heute stelle man fest, dass der Bestand seit 2008 flacher werde. Der Biber reguliere seinen Bestand selber. Der Stress für Jungtiere, die sich oft auch Kämpfen mit Rivalen stellen müssen, führe zu Bissverletzungen, beeinträchtige die Fortpflanzung und ein paar wenige werden von Automobilisten angefahren oder sterben aus anderen Gründen. Biber leben in Kleinfamilien mit zwei Würfen zusammen. Jungtiere suchen sich im dritten Jahr ein eigenes Revier und wandern oft bis zu 100 Kilometer weit, wenn nötig auch über Land.

Biberkonzept Thurgau als Grundlage
Biber gestalten ihren Lebensraum, davon profitieren andere Tiere und Pflanzenarten, erklärte Geisser. So positiv das Fällen von Bäumen oder das Stauen von Bächen aus Sicht der Artenvielfalt sei, so konfliktträchtig seien aber auch die Aktivitäten des Bibers in einer von Menschen genutzten Kulturlandschaft. Gleichermassen teuer wie gefährlich werde es, wenn Strassen oder Hochwasserschutzbauten unterhöhlt werden und grosse Schäden entstehen. Diese werden nicht vergütet, im Gegensatz zu Frassschäden an Landwirtschafts- oder Forstkulturen, für deren Abgeltung durch den Kanton eine gesetzliche Grundlage vorhanden sei. Heute bilde das «Biberkonzept Thurgau» von 2013 die Grundlage für das zukünftige Zusammenleben. Dieses habe die Sicherung einer selbsterhaltenden Biberpopulation sowie die Minimierung von Konflikt- und Schadenfällen zum Ziel. Dafür seien unter bestimmten Bedingungen auch der Abfang oder die Tötung von Bibern vorgesehen, so Geisser. «Langfristiges Ziel aber ist es, die Konflikte erst gar nicht aufkommen zu lassen.» Im Dezember 2014 reichte der Thurgau eine Standesinitiative ein, damit Bund und Kanton für Biberschäden entschädigungspflichtig werden. Im vergangenen Februar hat nun die Umweltkommission des Ständerates (Urek) die Standesinitiative des Thurgaus abgelehnt. Hannes Geisser geht davon aus, dass sich die Lage mittelfristig entspannen wird. Spätestens dann, wenn das Gewässerschutzgesetz umgesetzt sei und die Biber entlang der Gewässer mehr Platz erhalten.


Interview mit Markus Hausammann, Nationalrat SVP, Präsident Verband Thurgauer Landwirtschaft

Bossert: Wenn Biber Strassen, Kanalböschungen und andere Infrastrukturen beschädigen, bezahlt der Bund nichts. Dies beschloss der Ständerat nach dem Einreichen der Standesinitiative des Kantons Thurgau vor zwei Monaten. Der Entscheid fiel sehr knapp aus. Nun geht die Vorlage zum Nationalrat. Wie werden Sie abstimmen?

Hausammann: Der Grosse Rat des Kantons Thurgau hat mit seiner Standesinitiative eine wichtige Grundsatzfrage aufgegriffen. Wer bezahlt die Schäden, verursacht durch unter Schutz gestellte Tiere? Es erscheint mir logisch, dass die Ebene, welche einen Schutzartikel erlässt, im Fall des Bibers der Bund, auch die finanzielle Verantwortung für allfällige Folgekosten übernehmen muss. Ich werde mich deshalb für die Standesinitiative einsetzen und ihr zustimmen.

Im Ständerat wurde gefordert, die Massnahmen zur Verhinderung von Schäden sollten vorangetrieben werden. Gemeint waren die Auswirkungen des neuen Gewässerschutzgesetzes, das der Landwirtschaft nicht nur Freude bereitet. Werden die Biberschäden in Zukunft abnehmen?
Diese Aussagen erscheinen mir etwas blauäugig. Ein solches Szenario ist nicht zu erwarten. Wenn wir den Lebensraum für dieses intelligente Nagetier ohne natürliche Feinde weiter ausbauen, wird sich auch dessen Population weiterentwickeln und die Schäden werden sich auf Gebiete ausweiten, welche bis jetzt noch nicht von Bibern besiedelt sind.

Braucht es aus Ihrer Sicht andere Lösungen, um Gemeinden und Privateigentümer finanziell zu entlasten, wenn diese Biberschäden zu beklagen haben?
Wenn der Schutz des Bibers in seiner relativen Absolutheit aufrecht erhalten bleibt, werden wir mit Schäden leben und unsere Infrastrukturen schützen müssen. Die in diesen Fällen anfallenden Kosten müssen von der Allgemeinheit getragen werden und können nicht zusätzlich zu den Umtrieben den Direktbetroffenen aufgebürdet werden.

Von wie hohen Kosten sprechen wir?
Auf Bundesebene besteht nur eine Statistik zum Hauptschadenverursacher Wildschwein. Der Bundesrat schätzte aber schon in seiner Beantwortung der Motion Piller Carrard (2013) die notwendigen Mittel zur Entschädigung von Infrastrukturschäden des Bibers sowie deren Prävention auf 2 bis 3 Millionen Franken. Diese Kosten würden bei einer Ablehnung der Standesinitiative an den betroffenen Grundbesitzern hängen bleiben.


Ruth Bossert
















« zurück zur Übersicht