Ausgabe Nummer 45 (2007)
Einkorn – das anspruchlose Urgetreide
Getreideart mit einer 9000-jährigen Geschichte
Das Urgetreide Einkorn hat eine Jahrtausend alte Geschichte und gehörte einst zu den wichtigsten Kulturpflanzen. Wegen seiner eher geringen Erträge wurde das anspruchslose Getreide aber von ertragreicheren Sorten verdrängt. Erst seit kurzem wird das Getreide in der Schweiz wieder angebaut. Auf den Anbauflächen finden seltene oder vom Aussterben bedrohte Tiere und Pflanzen neuen Lebensraum. Die Bäckerei Hiestand unterstützt dieses Projekt und produziert aus dem Mehl das Einkorn Brot.Einkorngetreide ist ein qualitativ hochstehendes Naturprodukt für eine gesunde, moderne Ernährung. Im Vergleich mit herkömmlichen Getreidearten bietet Einkorn grosse Anteile an Mineralstoffen, essentiellen Aminosäuren und Carotinoiden, welche dem Einkorn Brot seinen einzigartigen Nussgeschmack verleihen. Einkorn (Triticum monococcum) gilt als eine der ältesten Getreidearten mit einer über 9000-jährigen Geschichte. Es gehörte ursprünglich zu den wichtigsten Kulturpflanzen der Welt und war bis zum Beginn der Ackerbaukultur (Jungsteinzeit zirka 5500 bis 2000 v. Chr.) für die Menschheit von grosser Bedeutung. Im Laufe der Jahrhunderte verbreitete sich das Einkorn erfolgreich von Kleinasien über Europa. Historische Funde reichen vom Libanon, dem Euphrat und Tigris bis hin zum Kaukasus. Da es aber eher eine geringe Ernte einbrachte, nahm seine Anbaufläche bereits in der Römerzeit sukzessive ab. Der aufkommende Anbau von Weichweizen, unserem heutigen Brotweizen und dessen fortschreitende züchterische Auslese verdrängten das Einkorn nach und nach.
Alte Kulturpflanze mit kleinen Ansprüchen
Trotz dem feinen Erscheinungsbild ist das Einkorn gegen Schädlinge sehr resistent. Die in der Schweiz angebaute Sorte ist gegen Getreideblattkrankheiten wie zum Beispiel Rostpilz oder Mehltau äusserst robust. Was die Bodenqualität anbelangt, sind die Ansprüche des Einkorns sehr klein. Aufgrund dieser Eigenschaften eignet sich Einkorn vorzüglich für den extensiven, ökologischen Anbau auf trockenen, mageren Böden. Die Ertragserwartung liegt bei 19 bis 35 Dezitonnen/Hektar. Zum Vergleich: Eine Brotweizenernte bringt 60 bis 80 Dezitonnen/Hektar ein.
Einkorn ist wie Dinkel ein so genanntes Spezialgetreide. Es hat dünne Halme, feine Blätter, leichte Ähren und einige Zentimeter lange Grannen. An der Einkornähre reift aus jedem Absatz der Ährenspindel nur ein Korn, welches von einer fest umhüllenden Spelze eingeschlossen ist. Wegen seinen sehr langen Halmen ist die Standfestigkeit des Einkorns gering und hat eine hohe Fähigkeit zur Bestockung. Gewisse Sorten können aus einem Korn bis zu 60 Halme ausbilden. Vom Einkorn kennt man eine Vielzahl verschiedener Landsorten. Da es züchterisch kaum bearbeitet wurde, handelt es sich um Varietäten mit einer breiten genetischen Variabilität.
Heimat für bedrohte Tierarten
Der Wiederanbau des Einkorns begann mit einer Vision von Peter Züblin († 2005), Agronom und unentwegter Befürworter der Erhaltung alter Getreidesorten. Die Initianten des Wiederanbaus der alten Getreidearten Einkorn und Emmer, die IG Emmer & Einkorn sowie die Schweizerische Vogelwarte Sempach, haben nun die Federführung für dieses Projekt zur Förderung der Biodiversität übernommen. Hiestand verarbeitet das Mehl zu gesundem und schmackhaftem Einkornbrot, welches ab sofort im Volg erhältlich ist. Mittlerweile bauen mehr als 20 Landwirte auf rund 100 Hektaren Fläche im schaffhausischen Klettgau wieder Einkorn an. Einige Hektaren werden auch im Thurgau angebaut. Mindestens 5 Prozent der Einkornflächen werden für ökologische Ausgleichsflächen bereitgestellt. In diesen so genannten Buntbrachen, aber auch auf den Einkornfeldern, finden seltene und vom Aussterben bedrohte Tierarten wie Feldlerche, Feldhase und Rebhuhn sowie längst von der Bildfläche verschwundene Ackerwildkräuter wie zum Beispiel Adonisröschen, Ackerglockenblume und Venusspiegel wieder einen neuen Lebensraum. Ausserdem wird der Anbau von IP-Suisse kontrolliert und hält dem strengen Auge der Organisation problemlos stand. Denn die Einkornfarmer erbringen Leistungen, die sogar noch über die IP-Suisse Auflagen hinaus gehen.
mgt/Ursina Hulmann
