Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
26. Juni 2020


Erfolgreiche Kommunikation zwischen Mensch und Tier

Ausgabe Nummer 38 (2018)

Missverständnisse entstehen meist durch mangelnde Kommunikation innerhalb der Mensch-Tier-Beziehung. Um Kommunikation zu ermöglichen ist es in erster Linie wichtig, die Wahrnehmung der jeweiligen Tierart zu verstehen und die Sprache der Tiere richtig zu deuten.

Die visuelle Wahrnehmung von Rindern unterscheidet sich enorm von der menschlichen. Grund dafür sind die seitlich am Kopf liegenden Augen, die nahezu eine Rundumsicht im zweidimensionalen Sichtbereich ermöglichen. Dreidimensionales Sehen ist Rindern nur vor dem Kopf möglich, wo sich die Sichtfelder beider Augen kreuzen. Im Gegensatz zum Sehvermögen des Menschen sind Rinder nur mit zwei Farbrezeptoren ausgestattet. Sie sehen blau und grün, jedoch eher schlecht im Rot-Bereich. Bei schlechten Lichtverhältnissen sehen Rinder besser als der Mensch, was an der reflektierenden Pigmentschicht im Auge der Tiere liegt. Dadurch wird das einfallende Licht verstärkt und Rindern zu einem sehr guten Dämmerungssehen verholfen. Ihre Augen passen sich jedoch nur sehr langsam an einen Hell-Dunkel-Unterschied an.

Unbekanntes mit dem linken Auge betrachten
Die Sehschärfe der Rinder ist geringer als die des Menschen, weil die Rinderlinsen nicht akkomodieren, das heisst, scharf stellen können. Deshalb sehen sie nur im Nahbereich scharf und erkennen Kontraste nur sehr schwer.
Auch bei Rindern ist die linke Gehirnhälfte mit dem rechten Auge und die rechte Gehirnhälfte mit dem linken Auge verbunden. Die rechte Gehirnhälfte ordnet in emotionalen Situationen Gefahren ein und koordiniert Fluchtsituationen. Versuche zeigten, dass Fluchttiere, welchen das linke Auge verdeckt wurde und die mit einer neuen Situation konfrontiert wurden, einen Anstieg an Stresshormonen im Blut verzeichneten. Bei bedecktem rechten Auge trat dieser Umstand nicht auf. Deshalb sollte es Rindern immer ermöglicht werden Unbekanntes mit dem linken Auge zu betrachten. Ausserdem sind Rinder in der Lage mit bis zu 37 kHz viel höher frequentierte Töne zu hören als wir mit 18 kHz.

Wie lernen Rinder? – Immer!
Einer der wichtigsten Punkte, neben der tierindividuellen Wahrnehmung, den man im Umgang mit Rindern verinnerlichen sollte, sind Grundlagen des Lernverhaltens, sowie die Tatsache, dass Rinder im Umgang mit uns Menschen immer lernen. Ein Rind lernt nicht nur dann, wenn mit ihm etwas Spezielles geübt wird, sondern tatsächlich immer.
Wird beispielsweise ein Kalb, das noch nicht gelernt hat am Strick zu gehen, immer dann endlich frei auf die Weide gelassen wenn es gerade besonders «wild» am Strick zieht, lernt das Kalb als logische Konsequenz, dass sich am Strick ziehen lohnt, denn immer dann wird es frei gelassen. Im Alltag wird allerdings oft eigentlich unerwünschtes Verhalten positiv bestärkt.

Druck erzeugt Gegendruck
Ein Tier soll zum Beispiel am Halfter geführt werden. Dazu sind oft zwei Personen anwesend; die eine zieht vorne am Strick und die andere schiebt die Kuh von hinten an. Aus Sicht des Tieres werden schnell Missverständnisse klar: Vermutlich hat die Kuh noch nie gelernt am Halfter zu gehen, sie weiss wahrscheinlich nicht was von ihr verlangt wird. Zieht die vorangehende Person am Strick, ist es für die Kuh unlogisch diesem Druck zu folgen. Auf Druck mit Gegendruck zu reagieren ist ein normales Verhalten und auch bei uns Menschen fest verankert. Zieht die Person vorne weiterhin am Strick wird die Kuh irgendwann auch einen Schritt vorwärts machen. Meistens wird dann genau in diesem Moment die andere Person aktiv und verstärkt den Druck um das Tier weiter vorwärts zu bewegen. In einer solchen Situation wird dem Tier vermittelt, dass es für einen Schritt nach vorne – und das ist ja das Ziel – mit Schlägen bestraft wird.
Überlegt man sich dann, das beide Personen vermutlich genau dort stehen wo die visuelle Wahrnehmung der Rinder am geringsten, bis überhaupt nicht vorhanden ist, wird klar, in welchem Dilemma das Tier steckt und das Missverständnisse vorprogrammiert sind.

Rind haben ein sehr gutes Gedächtnis
Die Tiere registrieren all unsere Aktionen und Reaktionen sowie die positiven oder negativen Folgen die daraus für sie entstehen. Das Tier merkt sich, also welche Auswirkungen auf ein bestimmtes Verhalten folgen. Rinder haben zudem ein sehr gutes Gedächtnis und sind in der Lage sich besonders an unliebsame Ereignisse zu erinnern selbst wenn ein negativer Reiz «nur» einem Artgenossen wiederfahren ist. Es ist enorm wichtig, sich diese Tatsache des ständigen Lernens zu verdeutlichen und beim täglichen Umgang mit den Tieren zu berücksichtigen.


Dr. Johanna Probst
Forschungsinstitut für biologischen Landbau, FiBL,
Frick










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