Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Oktober 2018


Erlebnisreiche Reise durch Kanada

Ausgabe Nummer 50 (2017)

Verein ehemaliger Schüler und Schülerinnen St. Galler Landwirtschaftsschulen

Vom 7. bis 22. September genossen 54 Teilnehmer die Kanadareise des VESTG. Sie führte durch Alberta und British Columbia bis zum Pazifik.

Voller Erwartungen traf sich die stattliche Schar von 54 Reisehungrigen beim Check-in der Edelweiss Air in Zürich zum Abflug nach Calgary. Nach einem ruhigen Direktflug via Grönland landete die Maschine in den frühen Abendstunden auf dem Flughafen von Calgary. Hier nahmen die Reiseleiter Fred Salvisberg und Marcel Peter die Schweizer in Empfang und begleiteten sie zum nahegelegenen Hotel.

Interessantes in Calgary
Nach dem Frühstück ging es zur Stadtbesichtigung der Ölmetropole Calgary. Sie liegt im Eingangstor zu den Rocky Mountains und den Nationalparks Canadas. Das Fort Calgary steht unmittelbar auf einer strategischen Anhöhe an der Einmündung des Elbow Rivers in den Bow River. Hier begann die Besiedlung der Region, geschützt von der damaligen North- West Mounted Police, der königlichen Kavallerie. Der Bow River belebt und teilt die Stadt.
Am Nachmittag folgte der Besuch einer Bisonranch in den Foothills. Diese wird von einem Paar nebenamtlich geführt. Der auf der Ranch gehaltene Prairie- Bison ist etwas grösser als der Wald-Bison. Schöne Zuchttiere werden zur Weiterzucht verkauft oder im Norden in Parks ausgewildert.
Spruce Meadows ist das Mekka der kanadischen Reitelite und ein Highlight für jeden Pferdeliebhaber. Heute wird das Nationenspringen zelebriert, bei dem die Schweizer Equipe den letztjährigen Sieg zu verteidigen hat. Die Darbietung der Royal Canadian Mounted Police liess nichts zu wünschen übrig. Das Nachtessen wurde in einem gediegenen Restaurant, welches einer Schmugglerszene ähnelte, eingenommen.

Imposanter Nationalpark
Mit einem improvisierten Programm trotzte die gesellige Gruppe den dürftigen Wetterverhältnissen im Banff Nationalpark. Die Fahrt führte auf dem Highway 1 westwärts nach Canmore und Banff, entlang dem Bow River nach Lake Louise. Die Kulisse mit dem türkisfarbenen See und dem Gletscher im Hintergrund war imposant. Nach Bow Lake, Payto Lake und dem Saskatchewan River Crossing ging es dem Abraham Lake entlang nach Red Deer, wo das Hotel bezogen wurde. Spätestens hier merkte jeder Reiseteilnehmer, dass die Gruppe bereits zu einer grossen Familie geworden war. Fred Salvisberg und Marcel Peter sicherten das Wohlergehen der Gäste und ein ausgewanderter Handörgeler, unterstützt von Vreny, sorgte für Unterhaltung. Später stürzten sich die Reisenden mit Marcel Peter ins Nachtleben. Im Country- Western-Saloon war Line Dancing, Bier und laute Musik bis in die späte Nacht angesagt.

Farming in Zentral Alberta
Der neu gebaute Milchviehstall mit zwei Robotern einer Schweizer Milchfarm setzte den Takt für den nächsten Tag. Der Stall bietet für seine 120 Holstein-Milchkühe grosszügig Platz und Auslauf. Der Stall ist in Betonelementbauweise mit Zwischenisolation konzipiert, um auch extremen Temperaturen im Winter mit bis minus 35 Grad standhalten zu können. Bei einer hiesigen Getreidefarm wurde klar, dass dies das Land der grossen Dimensionen ist. Der Maschinenpark war beeindruckend: Drei Traktoren (135, 400, 525 PS), zwei Mähdrescher mit 12- Meter- Flex-Balken, ein 10,5-Meter-Schwadmäher für Raps, eine über 20-Meter-Sämaschine mit 20 Tonnen Saat und Düngertank, mehrere Eggen und eine selbstfahrende Spritze mit 36-Meter-Balken und 5000-Liter- Tank gehören dazu. Die Erträge der Kulturen sind mit jenen in der Schweiz zu vergleichen. Die Lagerkapazität des Betriebs beläuft sich auf 8200 Tonnen. Mit 320 Millimetern Regen im langjährigen Durchschnitt und rund 120 frostfreien Tagen im Jahr ist es eine Herausforderung, einen guten Ertrag zu realisieren.
Nach kurzer Fahrt erreichte die Reisegruppe den Betrieb von Fred Salvisberg, dem Reiseorganisator. Seine Familie und Nachbarn hatten bereits ein BBQ in seinem Garten vorbereitet. Fred Salvisberg hat seine gesamte Fleischrinderherde verkauft. Die Bewirtschaftung der Felder wird jetzt im Lohn vergeben. Auf den umliegenden Feldern warteten beachtliche Schwaden aus Raps auf die Ernte. Nach der Vorstellung und Besichtigung seines Betriebs genossen die Reisenden bei schönstem Herbstwetter die besten Alberta-Beef-Steaks. Das Essen in familiärer Gesellschaft und mit musikalischer Begleitung war ein Traum. Gut gelaunt ging es später weiter ins Zentrum von Edmonton, wo im Hotel der oberen Klasse eingecheckt wurde. Gemeinsam flanierten die Teilnehmer durch die Stadt und bestaunten einige Sehenswürdigkeiten, wie die Winspear Concert Hall, wo Fred Salvisberg und Marcel Peter exklusiv für die Gruppe ein Jodelduett-Lied zum Besten gaben.

Erdöl und Einkaufszentrum
Das Erdölmuseum in Edmonton zeigt die Spuren des Erdöls auf, wo 1947 die erste erfolgreiche Ölquelle gebohrt wurde. Hautnah führte Fred Salvisberg, der selbst in jungen Jahren auf Bohrfeldern an Türmen arbeitete, die Handgriffe der Bohrleute am Objekt vor. Das Öl wird mit riesigen, langsam laufenden Pumpen, je nach Ergiebigkeit und Tiefenlage hochgesogen, und in Pipelines zu den entfernten Raffinerien oder Verladestationen gefördert. Das grösste Einkaufszentrum des Nordamerikanischen Kontinents umfasst 800 Geschäfte auf zwei Etagen auf insgesamt 64 Hektaren.

Erlebnis Viehauktion
Live erlebte die Gruppe auf dieser Kanadareise auch eine Viehauktion. Man konnte mitverfolgen, wie der Auktionator vokal in horrendem Tempo mit seiner Preisvorstellung auf die Publikumsgalerie einredete, bis ein Aufkäufer mit diskretem Handzeichen oder Augenzwinkern sein Interesse signalisierte. Hier wechseln pro Saison bis zu 7000 Rinder täglich den Besitzer. Ein Blick hinter die Kulissen zeigte hunderte von Paddocks und berittene Cowboys, die Tiere durch lange Gänge bis vor das letzte Tor vor dem Ring trieben. Der Laufzettel (Begleitschein) war immer mit bei der Gruppe.
Im nördlichen Teil Albertas schaute man sich vergebens nach Bären, Elchen und Hirschen um. Dafür konnte eine 3300 Hektaren grosse Getreidefarm besichtigt werden, welche von einer Schweizer Familie mit ihren zwei Söhnen und deren Familien bewirtschaftet wird. In der Fruchtfolge wird Weizen, Gerste, Raps und Grassamen angebaut. Es bestand zudem die Möglichkeit, den Dreschern beim Ernten in den Feldern zuzusehen, und einen Swiss-Lunch mit Suppe, Cervelat und Bratwurst vom Grill zu geniessen. Bei einem Rodeo war zu erfahren, dass Cowboys auch gute Athleten sind und alles daransetzen, auf den bockenden Pferden nicht aus dem Sattel zu fallen. Teamwork und Treffsicherheit im Umgang mit dem Lasso beweisen sie beim Einfangen der wilden Kälber in höchster Geschwindigkeit.

Hutterer-Kolonie
Dank der Vernetzung der beiden Reiseleiter war der Besuch bei einer Hutterer-Kolonie möglich. Die Hutterer sind eine ehemals vertriebene Glaubensgemeinschaft aus Europa, und leben in der Familie noch sehr konservativ, nach Vorstellungen aus früheren Jahrhunderten. Über die Gastfreundschaft waren die Reisenden überrascht. Es durften alle Betriebszweige dieser Gemeinschaft besichtigt werden. Der Betrieb ist mit modernsten Geräten der Technik in allen gezeigten Sparten ausgerüstet, mit Möbelschreinerei und Maschinenpark für den 7000 Hektaren umfassenden Ackerbaubetrieb. Das aus dem Garten nicht benötigten Gemüse wird in der Rüsterei aufbereitet und auf dem Markt oder an auswärtige Bezüger verkauft. Alles gehört allen, und über Neuanschaffungen im Betrieb wird in der Gemeinschaft nach dem Gottesdienst abgestimmt. Zum Abschluss durfte die Gruppe ein vorzügliches Mittagessen der Gastgeber geniessen. Der Gemeinschaftschor sang die kanadische Nationalhymne und die Schweizer versuchten im Gegenzug das Lied «Trittst im Morgenrot daher» zum Besten zu geben. Als Getränk kredenzten die Gastgeber Acai Beeren Wein in kleinen Gläsern.

Wandern in freier Natur
Meile 0 ist der Ausgangspunkt der Alaska Highway, die in den 1940er-Kriegsjahren vom US-Militär als Strassenverbindung nach Alaska gebaut wurde, um die strategische Vorherrschaft auch im Norden zu sichern. Die Wanderung in der Wildnis führte zu den Fussspuren der Dinosaurier, welche im versteinerten Schlamm am Bachbett klar sichtbar sind. Mit Begrüssung der Polizei in der Galauniform der Royal Canadian Mounted Police, wartete ein Apéro auf der Terrasse des lokalen Golf- und Country-Club auf die Wanderer. Dies entschädigte sie für die Strapazen der Wanderung. Die beiden Grillmeister Fred Salvisberg und Marcel Peter bereiteten Entrecote und Filet zu.

Wald und Schnitzereien
Die Reise führt durch unendliche Wälder in der Provinz British Columbia. Man sah diverse Kunstwerke der weltbesten Schnitzer. Die langen Zugkompositionen von jeweils über 160 Waggons lassen den Strassenverkehr manchmal über längere Zeit an der Schranke warten. Die Fahrt ging durch das hügelige Land auf dem John Hart Highway. Bei einer Schweizer Milchfarm werden 200 Kühe in einem 20er- Melkstand von einer jungen Frau gemolken, welche bei guter Milchqualität mit einem Bonus belohnt wird. Der Betrieb ist im Besitz von zwei Schweizer Familien und umfasst mehrere Betriebszweige. Im nahegelegenen Williams Lake wurden die Reisenden von Auslandschweizern, Spezialisten im Blockhausbau, erwartet. Auf einer riesigen Baustelle werden geplante Blockhäuser eins zu eins aufgestellt und passgenau zusammengefügt. Die Anpassungen werden mit messerscharfer Motorsäge, millimetergenau bearbeitet bis der Stamm perfekt aufliegt. Jeder «Trämmel» wird nummeriert und per Container an die Bestimmungsorte auf der ganzen Welt verfrachtet.

Fraser Valley
Durch den Wilden Westen ging es weiter zum Hells Gate. Eine Seilbahn fuhr 150 Meter in die Tiefen des Fraser Canyons zum engen Durchlass des Flusses. Im Fraser Valley blieb die Gruppe drei Nächte. Weiter gelangte die Reisegruppe über die Lions Gate Brücke zum Stanley Park. Erstmals sah man Holzstämme im Fluss liegen. Die zu Flossen zusammengebundenen Red Ceder-Stämme werden später zu den verarbeitenden Betrieben geschifft. Die Rote Zeder ist ein Nadelbaum, ähnlich der unsrigen Thuja. Nach kurzer Wanderung durch den Regenwald überquerten alle zu Fuss die schwankende Hängebrücke. Vor der Rückkehr zum Hotel wurde noch auf der Heubühne einer Schweizer Farm ein unvergessliches Essen geboten.
Anderntags bestieg die Gruppe ein Boot für Walbeobachtungen auf hoher See. In der Bay vor Vancouver lebt nämlich eine Killerwal-Familie mit bis zu 77 Mitgliedern. Während der fischreichen Zeit im Sommer finden die Wale genügend Futter. Der älteste Wal sei rund 40 Jahre alt. Die mitfahrende Biologin erkannte die Wale an der besonderen Form der Rückenflosse oder an Narbe von alten Verletzungen. Nach gut 3,5 Stunden waren alle wieder sicher am Landesteg im Hafen und besuchten ein verwahrlostes Fischerdorf, das von finnischen Walfängern gegründet wurde.

Ende der Reise
Der letzte Reisetag war angebrochen. Mit gepackten Koffern machten sich alle auf den Weg nach Vancouver. Zuerst besichtigten die Reisenden den Stadtteil Chinatown, fuhren durch die Gassen der Obdachlosen und gelangten schliesslich zum Prunkviertel Canada Place. Das ist die Hafenanlage, wo grosse Kreuzfahrtschiffe anlegen oder die Wasserflugzeuge in der Bay starten und landen. Hier konnten noch die letzten Sonnenstrahlen genossen werden, bevor es zum Direkt-Nachtflug nach Zürich ging.


Röbi Custer










« zurück zur Übersicht