Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
20. April 2018


Erneuerbare Stromproduktion im Kanton Thurgau

Ausgabe Nummer 41 (2014)

Pro Holz Thurgau lud im September 2014 interessierte Kreise zu einem Informationsanlass im Hinterthurgau zur Thematik «Holzverstromung » ein.

Paul Rickenmann, Präsident von Pro Holz Thurgau, begrüsste eine grosse Gästeschar (darunter unter anderen Heizungsfachleute, Vertreter von Forstamt und Forstrevieren, der Arbeitsgruppe Holzenergie TG) zum Infoanlass, den Pro Holz TG gemeinsam mit dem Verband Thurgauer Landwirtschaft und Holzenergie TG organisierte. In seiner Ansprache betonte er, dass für eine Energiewende nicht nur Politik und Wirtschaft gefordert sind, Lösungen zu finden, sondern jeder Einzelne gehalten ist, seinen Beitrag zu leisten: «Energieeffizienz und erneuerbare Energien sind bei der Problemlösung in den Vordergrund getreten. Unser Kanton hat bei der Umsetzung dieser Ziele eine Vorreiterrolle eingenommen. Energie- und Restholz sollen nicht nur zur Wärmegewinnung, sondern, wenn möglich und sinnvoll, zur Stromproduktion eingesetzt werden».
Auf grosses Interesse stiess die Besichtigung der Energieerzeugungsanlage der hebbag AG auf dem Areal der Sägerei August Brühwiler AG. Die Anlage besteht aus drei Öfen mit unterschiedlichen Leistungen und modernsten Filteranlagen. 2010 hatten die Gemeinde Bichelsee-Balterswil und die EKT mit der Sägerei August Brühwiler AG die hebbag AG gegründet. Sie versorgt das Fernwärmenetz der Region durch die Verbrennung von Holzresten aus der Sägerei, während die EKT die administrativen Aufgaben abdeckt. Patrick Brühwiler, Betriebsleiter der Anlage, und Daniel Stüssi von der EKT führten durch die Anlage. Zahlreiche Kunden aus Bichelsee und Balterswil nutzen diese Energie zum Heizen und zur Warmwasseraufbereitung. Das Brennholz stammt aus der Umgebung, sodass die Wertschöpfung in der Region bleibt.

Kanton unterstützt Holzfeuerungsanlagen
Daniel Stüssi betonte, dass es für die effiziente Betreibung eines Fernwärmenetzes nötig ist, möglichst viele Abnehmer, die ganzjährige Wärme benötigen, zu gewinnen. Nach der Besichtigung der Anlage stand als nächste Station die Firma Schmid AG, Eschlikon, auf dem Programm. Philipp Lüscher, CEO der Schmid AG, empfing die Gäste. Er schilderte, wie die Schmid AG die Forderung nach Stromerzeugung aus Biomasse in der Entwicklung berücksichtigt. Mit einem breiten Angebot von Feuerungs- und Vergasertypen sollen unterschiedlichste Leistungsbereiche und Bedürfnisse abgedeckt werden.
Regierungsrat Kaspar Schläpfer war als Gastreferent eingeladen und sprach über die Bedeutung der Holzverstromung im Kanton Thurgau und erörterte das Biomasse-Konzept. Der Kanton Thurgau unterstütze die Erstellung von Holzfeuerungsanlagen, da diese regelmässig Feuerungen ersetzen, welche bisher mit Erdöl, Gas oder Strom betrieben wurden. Im Jahr 2013 leistete der Kanton für insgesamt 50 neue Holzfeuerungsanlagen Unterstützungsbeiträge von 680 000 Franken. Bis Ende August 2014 belief sich die Anzahl der unterstützten Holzfeuerungsanlagen bereits auf ebenfalls 50, der Betrag der zugesicherten Unterstützungsbeiträge bezifferte sich bis Ende August auf 1,24 Millionen Franken, informierte Kaspar Schläpfer. Als Stärken der Wärmekraftkopplung (WKK) mit Holz gelten eine steuerbare Strom- und Wärmeproduktion, die hohe Effektivität zur Substitution fossiler Energieträger, CO2-neutrale Energieerzeugung, die Produktion von Bandenergie, die gleichzeitige Produktion von Wärme und die Nützung der Ressourcen im Kanton.

«Leuchtturmprojekt Heissluftturbine»
Das Potenzial der Stromproduktion aus WKK ist davon abhängig, wieviel Holz für die einfache Wärmeanwendung verwendet wird. Dietrich Vogel, tätig bei der Schmid AG, erörterte den Gästen das «Leuchtturmprojekt Heissluftturbine»: Im Rahmen des ersten Massnahmenpakets der Energiestrategie 2050 hat der Bundesrat die Förderung von Leuchtturmprojekten vorgesehen mit dem Ziel, die Energiestrategie 2050 sichtbar zu machen. Die BFE-Leuchturmprojekte sollen als «gläserne Werkstatt» möglichst auch international grosse Ausstrahlung entfalten und die Energiezukunft der Schweiz unmittelbar erlebbar machen. Die Schmid-Heissluftturbine «HLT-100 Compact», die zum Zeitpunkt des Info-Anlasses und dem Rundgang aufgrund der hohen Aussentemperaturen nicht in Betrieb war, nutzt die aus der Verbrennung von Holzschnitzeln entstandene Wärme, um Elektrizität zu erzeugen. Dietrich Vogel erklärte, dass die Heissluftturbine «HLT-100 Compact» die Strom-Erzeugung mit einer Holzfeuerung ab einer Wärmeabnahme von 300 kW ermöglicht. Andere Systeme, wie zum Beispiel ORC-Anlagen (Organic Rankine Cycle – ORC-Verfahren) oder Wasserdampfturbinen, sind aufgrund ihrer Komplexität und des Betreuungsaufwandes nur als Grossanlagen mit einer thermischen Leistung über 2 MW interessant. Oft ist für so grosse Leistungen keine ganzjährige Wärmeabnahme sichergestellt. Die Lücke im kleineren Leistungsbereich wird nun mit der Heissluftturbine geschlossen.

ORC-Anlage auch kritisch betrachten
In seinen Schlussfolgerungen erklärte Dietrich Vogel, dass erst noch Langzeittests und Weiterentwicklungen nötig sind, bis sie zum kommerziellen Produkt wird. Der Einsatz von Anlagen bei Kunden ist für 2015/2016 geplant. Als Anwendungsbereich gelten zum Beispiel Heizungsanlagen mit kontinuierlicher thermischer Abnahme von mindestens 300 kW. Daniel Stüssi von der EKT, verantwortlich für die Gesamtprojektleitung der Energieerzeugungsanlage der hebbag AG, thematisierte die ORC-Anlage und KEV. Unter anderem stellte er fest, dass es bei Schnitzelfeuerungen mit ORC-Anlage wichtig ist, dass aus 100 Prozent Holz mindestens 12 Prozent nutzbarer Strom resultiert. Oberstes Ziel für eine solche Anlage sei es, möglichst viele Betriebsstunden zu erzielen. Aber zum Einhalten der KEV-Vorschriften empfehle es sich, den Betrieb nicht konstant mit Höchstleistung zu führen. Daniel Stüssi empfahl, eine ORCAnlage kritisch zu betrachten und sich bezüglich der Anlagengrösse nicht von Euphorie leiten zu lassen. Für einen Anlagenbetreiber sei es unerlässlich, viele Abnehmer aus der Industrie zu haben. Er thematisierte die ORC-Anlage aus Sicht der KEV, Stand August 2014: Entschädigung 17,5 bis 28 Rp. pro KWh, je nach Leistung; Absenkgrad: 0 Prozent; Holzbonus 3,5 bis 8 Rp. pro KWh. Die Nutzungsdauer der Anlage ist auf 20 Jahre angesetzt.
Zum Ausklang des Anlasses bedankte sich Paul Rickenmann beim Regierungsrat und allen weiteren Referenten für deren Engagement zur Förderung der erneuerbaren Energie.


Isabelle Schwander










« zurück zur Übersicht