Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
20. April 2018


Es war wie Heimkommen

Ausgabe Nummer 41 (2017)

Silvia Schwyter war eine engagierte Politikerin im Kanton Thurgau. Vor fünf Jahren kaufte sie zusammen mit ihrem Mann einen Bauernhof in Schweden und seither kümmern sie sich um ihre Tiere, beherbergen Gäste und haben nicht vor, ihre neue Heimat je mal wieder zu verlassen.

«Laut Kalender ist es noch Sommer, doch auf diesen warten wir immer noch», sagt Silvia Schwyter (64) und krault Sämi, einen ihrer beiden Golden Retriever am Hals. Auf dem abgelegenen Bauernhof, mitten in einer grossen Waldlichtung in Südschweden wird an diesem trüben Tag schweizerdeutsch gesprochen. Der Gast aus dem Kanton Zürich fährt später Richtung Kopenhagen, eine Familie mit zwei Kindern plus Hund macht sich für die Rückreise in den Thurgau bereit. Rund 16 Stunden rechnet der Familienvater für die 1400 Kilometer lange Rückreise. Abschiednehmen, für Silvia und Fredy Schwyter (69) ein Ritual, das sich seit Jahren besonders in den Sommermonaten regelmässig wiederholt. Kein Kloss im Hals, kein innerer Wunsch mitzufahren, Familie und Freunde in der früheren Heimat wiederzusehen? Die beiden lachen, sehen sich an und schütteln energisch den Kopf. «Unser Zuhause ist hier in Björkhult, hier haben wir unsere Tiere, unseren Hof, unsere Freunde, schlicht unser Leben», sagt Silvia ernst und schildert, wie es dazu kam, dass sie ihr Herz definitiv an das schwedische Zuhause verloren hat.

Politik war wichtig
Die einstige Primarlehrerin war in der kleinen Thurgauer Gemeinde Frau Gemeindeammann, politisierte bei den Grünen, leitete vier Jahre die Kantonalpartei und war Kantonsrätin. «Politik hat mich immer interessiert», sagt sie, und deshalb wundert es nicht, dass sie sich auch zur Wahl als Regierungsrätin, National- und Ständerätin aufstellen liess. Heute schmunzelt sie, wenn Besucher sie an ihre politische Tätigkeit im Thurgau erinnern. «Lang ists her, schön wars, aber hier in Schweden hat unser Leben nochmals von vorne angefangen», sagt sie und strahlt. Fredy, ihr langjähriger Ehemann war als passionierter Hobby-Orientierungsläufer oft in den schwedischen Wäldern unterwegs. Zuhause habe er sich, der einstige Lehrer und Maschinenzeichner, immer länger und intensiver im Internet mit schwedischen Bauernbetrieben beschäftigt, während sie am selben Bürotisch politische Akten wälzte, erzählt sie. Seine Liebe zum nordischen Land war enorm, Silvia liess sich Zeit, bis er eines Tages den landwirtschaftlichen Hof entdeckte, wovon er immer schon träumte. «Na gut», habe sie zu Fredy gesagt, «dann fahren wir zusammen nach Schweden und schauen uns die Objekte an.»

Zwei Ponys, ein Hund und zwei Katzen reisten mit
«Es war für mich wie heimkommen», beschreibt Silvia ihren ersten Kontakt in Björkhult. Die Ruhe, die Stille und der riesige Wald rundum nahmen die beiden Thurgauer gefangen. Das nicht eben kleine, rot gestrichene Wohnhaus mit dem Wintergarten, die Scheune mit der eingebauten Ferienwohnung mit Sauna und zwei weitere Ställe für ihre Tiere schien ihnen der idealen Ort zu sein für ihr Abenteuer. Sechs Hektaren Weideland, etwas Wald, in einer einsamen Gegend mit einem See in Gehdistanz, zwei Dörfer, die mit dem Auto in einer Viertelstunde zu erreichen sind und einer kleinen Stadt, welche 42 Kilometer entfernt ist. «Wir verlängerten unsere Ferien um zwei Tage und unterschrieben gleich den Vertrag», sagt Silvia und beide schmunzeln. Wieder zu Hause ging alles rasch. Auch wenn Schweden als einfaches Einwanderungsland gilt, war der Aufwand trotzdem gross. Am 14. Mai 2013 war es dann soweit. Schwyters reisten mit den beiden Shettland- Ponys Boby und Rambo, dem Golden Retriever Sämi und den beiden Katzen Bibi und Balu nach Schweden. Beide standen knapp vor dem Pensionsalter und kamen so schnell in das schwedische Integrationsprogramm der EU. Im Grundkurs mit fünf Halbtagen die Woche lernten sie rasch die ersten schwedischen Wörter und Sätze, bestanden Prüfungen, und seither besuchen sie zweimal pro Woche Fortbildungskurse, sodass sie sich heute ordentlich unterhalten und die Zeitung lesen können. Sowohl ihr Freundeskreis als auch ihr landwirtschaftlicher Betrieb hat sich in den vergangenen vier Jahren um ein Vielfaches vergrössert.

Hochlandrinder, Schweine und Pferde
Heute leben auf dem Hof sieben schottische Hochlandrinder mit dem Ochsen Pablo, drei schwedischen Linderöd-Schweine, die Ponys aus der Schweiz erhielten Verstärkung mit Anton, dazu kamen drei Pferde (Nordsvensk Brukhäst), fünf Hühner und ein Hahn und selbstverständlich sind auch die beiden Katzen Bibi und Balu immer noch bei ihnen. Die Tiere fanden in den vergangenen Jahren sukzessiv den Weg auf ihren Hof und mehrmals hatten sie das Glück, landwirtschaftliches Land dazuzupachten, damit sie für alle Tiere genügend Gras und Heu produzieren können. Heute hat der Betrieb eine Grösse von 12 Hektaren, hauptsächlich Weideland. Ein ganz schönes Stück Arbeit. «Das stimmt», sagt Silvia, die vor allem für die Tiere und den grossen Gemüsegarten zuständig ist und mehr draussen als drinnen arbeitet. Man suche sich aber Hilfe, lasse die Heuernte von einem Nachbarn gegen Bezahlung erledigen, und auch andere harte Arbeiten müssen nicht im Alleingang bewerkstelligt werden. Eine ganz besondere Hilfe hat Silvia auch bei einem Pferdetrainer gefunden, der ihr und ihren Pferden die harmonische Zusammenarbeit lehrt, die sie schon im nächsten Winter beim Holzen anwenden wollen. «Ich leiste mir diesen guten Trainer, weil ich so viel Freude habe, das Zusammenspiel zwischen Mensch und Pferd zu lernen», erzählt Silvia und strahlt.

Intensives Gesellschaftsleben
Während Silvia öfters mit Gummistiefeln im Stall an der Arbeit ist, liegt der Innendienst, speziell auch das Kochen und die Wäsche, in den Händen von Fredy. Auch das ist kein Pappenstiel, wenn man bedenkt, dass während der Sommermonate sowohl in den drei Gästezimmern wie auch in der Ferienwohnung meist Gäste aus Nah und Fern anwesend sind und verpflegt werden wollen. «Natürlich ist in den Sommermonaten viel los, doch nach dem langen Winter freuen wir uns jeweils auf den Betrieb, und weil die Welt ja zu uns kommt, verspüren wir auch nie das Bedürfnis, selber zu verreisen», sagt Silvia. Langweilig sei es ihnen nie, das gesellschaftliche Leben in Südschweden sei intensiv, Nachbarschaften werden stärker gepflegt als in der Schweiz, oft werde man eingeladen und lade selber ein. Auch bei den Kooperationen für den Unterhalt von Strassen, Breitband- Glasfaser, im Bauernverband, im Bibliotheksverein oder auch beim Museumsverein machen Schwyters aktiv mit, und erst kürzlich hat Fredy das Präsidium von einem OL-Verein übernommen. Nochmals die Frage nach dem Heimweh und einer möglichen Rückkehr? «Wir pflegen viele Kontakt übers Internet, Facebook und persönliche Briefe, doch zurückkehren in die Schweiz, nein, darüber haben wir uns noch nie Gedanken gemacht.»


Ruth Bossert







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