Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
26. Juni 2020


Essen als Mittel der Selbstdarstellung

Ausgabe Nummer 3 (2018)

Agrarzyklus 2

Regional gewachsen, nachhaltig produziert, vegan oder zumindest von glücklichen Tieren und selbstverständlich digital rückverfolgbar müssen die Esswaren heute sein, sagte Beat Welti, CEO Bischofszell Nahrungsmittel AG.

Die Lebensmittel, welche in unseren Einkaufswagen landen, bringen je länger je mehr den Lebensstil der Konsumenten zum Ausdruck, sagte Beat Welti, CEO Bischofszell Nahrungsmittel AG (Bina) am zweiten Abend des diesjährigen Agrarzyklus der Volkshochschule Mittelthurgau. Nach den Ausführungen der Ernährungswissenschaftlerin Christine Brombach eine Woche zuvor, beleuchtete Beat Welti seine Beobachtungen bezüglich Ernährung von Seiten des Verarbeiters und erklärte, dass beispielsweise das Weglassen von Geschmackverstärkern, die Logistik und die enorm hohen Anforderungen an die Qualitätssicherung, die Nahrungsmittelindustrie vor sehr grosse Herausforderungen stelle. Wer sich mit Ernährungsfragen beschäftige, komme an den fünf Megatrends, Gesundheit und Wellness, Transparenz, Urbanisierung und Nachhaltigkeit nicht vorbei, ist er überzeugt.

Knapp 70 Prozent essen Fleisch
Konsumentinnen und Konsumenten haben heute ein sehr starkes Gesundheitsbewusstsein. Noch nie wurde so oft und auf allen Kanälen der Medien über Ernährung und Wohlbefinden gesprochen. Kaum jemand wolle sich nicht gesund ernähren und das bewusste Essen sei heute eine Selbstverständlichkeit. Man spreche von Superfood, laktose- und glutenfrei, High Protein und selbstverständlich über Vegan. Dieser Markt sei stark wachsend und auch wenn sich nur drei Prozent der Schweizer Bevölkerung vegan ernähre (vorwiegend Männer) sei diese Ernährungsform omnipräsent. Auch bei Konsumenten von laktose- und glutenfreien Lebensmitteln stelle man fest, dass nur ein kleiner Teil von ihnen wirklich an Allergien leide. Viele Konsumenten liessen sich von Stars und vermehrt von Foodbloggern beeinflussen. Heute verzichten elf Prozent auf Fleisch, 17 Prozent bezeichnen sich als Flexianer und essen wenig Fleisch. Auch wenn der Grossteil der Schweizer Konsumenten (69 Prozent) Fleisch esse, setze sich die Nahrungsmittelindustrie vermehrt mit dem Trend zu Vegan und Vegetarisch auseinander. «Der Markt der Veganer wächst und deshalb sind auch wir dabei», sagte Welti deutlich.

Preis ist nicht so wichtig
Studien zeigen, dass drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer glauben, dass die Angaben auf den Verpackungen nicht korrekt sind. Deshalb wünschen sich 94 Prozent, dass Hersteller mehr Informationen liefern. Welti beruhigte die gut 60 Anwesenden und stellte klar, dass die Angaben auf den Verpackungen stimmen und sie sich höchsten Qualitätsansprüchen auch in Bezug der Deklaration stellen müssen. Mit Code Checks (Apps) sei es heute schon möglich, mehr Informationen zu einem Produkt zu erhalten. Er vermutet, dass es zukünftig möglich sei, bei allen Produkten den Herstellungsweg zu verfolgen. Fertigprodukte, sogenanntes Convenience Food, seien mit Abstand der stärkste wachsende Markt. Die kurze Haltbarkeit stelle die Produktion und den Vertrieb vor grosse Herausforderungen. Je weniger Zeit Konsumenten in die Zubereitung von Mahlzeiten investieren wollen, je mehr greifen sie zu vorgekochten Menüs, erklärte Welti. Dafür sind sie auch bereit, mehr zu bezahlen. Auch für nachhaltig produzierte Nahrungsmittel reut es 66 Prozent der Konsumenten nicht, mehr Geld in die Hand zu nehmen. Ein Drittel kauft schon heute nachhaltig produzierte Lebensmittel.

Mehrwert kommt beim Produzent nicht an
Ein weiterer Trend sieht Welti in der personifizierten Ernährung. Das heisst, der Konsument definiert, was er braucht und lässt sich das Essen auf seine Bedürfnisse zubereiten. Heute kenne man das schon bei der Kosmetik, wo sich Konsumenten gemäss ihren Hautbildern, die sie den Herstellern übermitteln, die Kosmetika zubereiten lassen. Diesen Mehrwert für die Kundschaft sieht Welti als Zukunftsmodell. Auch sprach er vom digitalen Kühlschrank, der sich direkt beim Grossverteiler meldet, wenn er leer ist. Er erwähnte das digitale System der automatischen Preisreduktion bei nicht haltbaren Waren im Verkaufsregal und von DNA-basierten Diäten, die mittels Blutproben analysiert und persönlich zugeschnitten werden bis zum Kundencenter, der mit einem Chip registriert, dass beispielsweise das WC-Papier zu Ende geht und selbstständig Nachschub bestellt. Im Anschluss an das Referat sagte Welti, dass eine gute Partnerschaft mit den regionalen Produzenten wichtig sei.
Auf die Meinung eines Anwesenden, dass die Mehrkosten für regionale und qualitativ hochstehende Produkte bei den Konsumenten abgegolten werden, die produzierende Landwirtschaft hingegen keinen Mehrwert generiere, konnte Welti keine Antwort geben. Auch die Industrie habe mit den Qualitätsanforderungen zu kämpfen, und oft sei sich die Politik den Konsequenzen beschlossener Massnahmen zu wenig bewusst, erklärte er.


Ruth Bossert




« zurück zur Übersicht