Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. Juli 2018


"Etwas mehr Eigenverantwortung täte uns gut"

Ausgabe Nummer 26 (2016)

Jörg Streckeisen (50) ist mit Leib und Seele Obstbauer. Mit seiner Familie, Frau Margrit, Kinder Angela (17), Beat (15) und Christian (13), wohnt er in Berg, in einem herrschaftlichen Patrizierhaus, welches 1832 erbaut wurde. Seit 2001 gehört er dem Vorstand des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft VTL als Ressortleiter Spezialkulturen, Obst- und Weinbau sowie Gemüse und Beeren an.

Der Obstbaubetrieb umfasst 13 ha Tafelobst, 1 ha Mostobst, 2 ha Ackerbau und 7 ha Wald sowie ein Lager mit Tafelobst für die Tobi Seeobst AG. All dies alleine zu bewältigen, ist nicht möglich. «Wir beschäftigen zwischen März und Oktober bis zu acht Saisoniers, welche uns bei der Arbeit zur Hand gehen », erzählt Jörg Streckeisen. Diese kommen vorwiegend aus dem Osten, Polen und Slowakei, und wohnen in einer eigenen Wohnung auf dem Grundstück. Viele sind langjährige Mitarbeiter und arbeiten jede Saison bei Streckeisens. «Das ergibt natürlich ganz besondere Beziehungen. So sind wir auch schon zu einer Hochzeit nach Polen gereist, weil uns ein Mitarbeiter eingeladen hat.»

Wetter ist zu nass
Der Betrieb von Familie Streckeisen ist ein arrondierter Betrieb, bei dem die Parzellen wenig zerstückelt und zusammengelegt sind und so ein effizientes Arbeiten möglich machen. Doch die beste Ausgangslage nützt wenig, wenn das Wetter so verrückt spielt wie in den letzten Wochen. «Es macht uns schon zu schaffen, aber wir sind froh, haben wir noch keine Schäden. Einzig die Pilzbekämpfung wird zum Thema, wenn das Wetter weiter so nass bleibt», sagt Streckeisen. Bereits im Frühling mussten sie infolge Frost vor allem bei den Birnen Ertragsausfälle hinnehmen.

Obstpreise sind stabil
Seine Erträge verkauft Jörg Streckeisen der Tobi Seeobst. Die Preissumme, die er dafür erhält, möchte er nicht weiter kommentieren. Nur so viel: «Es ist eigentlich grotesk, dass wir knapp einen Drittel des Verkaufspreises im Laden erhalten, obwohl wir das ganze Jahr über die Kulturen pflegen und hegen». Ärgern mag er sich darüber aber nicht, viel zu gerne ist er Obstbauer. Ausserdem seien die Preise stabil und schweizweit geregelt. «Die Konsumenten wissen natürlich nicht, was unsere Arbeit alles beinhaltet », so Streckeisen. So greife der Kunde im Laden schnell mal zu den billigen Früchten aus Marokko und lasse die teureren Thurgauer liegen. «Was man aber beispielsweise nicht bedenkt ist, dass diese Billigfrüchte meist mit Pflanzenschutzmitteln behandelt werden, welche bei uns schon seit Jahren nicht mehr bewilligt sind». Nur erfahre dies der Kunde natürlich nicht.

Mehr Eigenverantwortung wahrnehmen
Sorgen bereitet ihm auch die allfällig kommende Grenzöffnung. «Das ist meiner Meinung nach das Ende der Spezialkulturen», zeigt er sich überzeugt. «Wir können nur hoffen, dass es Einschränkungen geben wird, ansonsten können wir unseren Betrieb schliessen», meinte er nachdenklich. Streckeisen ist absolut kein Pessimist, aber genug Realist um zu sehen, was dann auf die Branche zukommt. Jörg Streckeisen denkt nach, sucht nach Lösungen und engagiert sich im Verband Thurgauer Landwirtschaft, weil er etwas bewegen möchte und so auch der Allgemeinheit etwas zurückgeben kann. «Ich bin der Meinung, heute rufen alle viel zu schnell nach dem Staat. Etwas mehr Eigenverantwortung täte uns allen gut, nicht nur in der Landwirtschaft. Dort, wo der Staat eingreifen muss, gibt es immer wieder Auflagen und neue Bestimmungen», ist er überzeugt.

Reise nach Lettland
Angesprochen darauf, was er wohl in zehn Jahren mache, sagt er lachend: «Auf diesem Hof arbeiten. Vielleicht haben wir ja auch bereits die Nachfolge geregelt, ich werde noch mitarbeiten und mir mehr Zeit für mich und meine Familie nehmen». Zeit, welche manchmal etwas rar ist, vor allem um sie mit der ganzen Familie zu verbringen. «Ich achte jedoch sehr darauf, dass wir jedes Jahr alle zusammen für ein paar Tage wegfahren können. Zeit, die nur uns gehört », freut sich Streckeisen. Beispielsweise werden sie diesen Sommer einen ehemaligen Mitarbeiter besuchen, der sie nach Lettland eingeladen hat.


Daniel Thür













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