Ausgabe Nummer 48 (2006)

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EU-Agrarfreihandel, mehr Chancen als Risiken

Österreicher Bauernvertreter schildert die Erfahrungen mit der EU


An der Informationsveranstaltung der Thur Milch Ring AG fordert der ehemalige Direktor des BLW Hans Burger ein Agrarfreihandelsabkommen Schweiz - EU.

«Die Absatzmärkte für landwirtschaftliche Produkte in der Schweiz sind begrenzt und zum grössten Teil ausgeschöpft, deshalb braucht es Alternativen. Heute stellt sich die Frage birgt ein Agrarfreihandel mit der EU Chancen oder Risiken?», begrüsste Roland Werner, Verwaltungsratspräsident Thur Milch Ring AG die rund 100 Interessierten im LBBZ Arenenberg. Nach Aussage von Hans Burger, ehemaliger Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft, sanken die Produzentenpreise in den letzten 15 Jahren um rund 25 Prozent gleichzeitig seien aber die Konsumentenpreise in der gleichen Zeitspange um rund 10 Prozent gestiegen. Somit sei der gesamte Ernährungssektor gefordert. Bereits ab 2007 habe die Schweiz Zutritt zum europäischen Markt mit rund 500 Millionen Konsumenten. Ein Freihandelsabkommen im Agrar- und Lebensmittelbereich (FHAL) würden weitere Chancen bringen. Burger glaubt, dass die vor- und nachgelagerten Bereiche mindestens im gleichen Umfang gefordert sind wie die Landwirtschaft.

Neue Perspektiven für Agrarsektor
Die aktuelle Marktspanne werde substanziell reduziert und die tieferen Rohstoffpreise der Landwirtschaft würden an die Konsumenten weiter gegeben. Damit würde auch der Lebensmitteltourismus wesentlich vermindert. Mit einem FHAL erhalte der gesamte Agrarsektor neue Perspektiven und habe es in der Hand durch entsprechende Marktleistungen allfällig Einkommensreduktionen teilweise aufzufangen. Abschliessend erklärte Burger: «Wir brauchen eine vorwärtsgerichtete, offensive Agrarpolitik mit einem klaren Ziel, die nicht nur verlangt, sondern für diejenigen die sie wahrnehmen wollen auch bietet. Die von der Landwirtschaft bis jetzt erbrachten Leistungen und die im Rahmen der AP 2011 geforderten Anpassungen geben nur einen Sinn, wenn wir zugleich die Marktöffnung gegenüber Europa erhalten.»

Österreich steigerte Käseexport um 830 Prozent
Othmar Bereuter, Milchwirtschaftsreferent der Landwirtschaftskammer, Vorarlberg (A), erinnerte daran, dass sich Österreichs Landwirtschaft vor rund zehn Jahren, im Gegensatz zur Wirtschaft, Industrie und Konsumenten gegen einen Beitritt zu EU gewehrt habe. Mit Österreichs EU-Beitritt konnte aber vor allem der Agrar- und Lebensmittelhandel einen starken Aufschwung verzeichnen. So konnte der Käseexport nach Deutschland seit dem EU-Beitritt um fast 830 Prozent gesteigert und jener nach Italien fast verdreifacht werden. Die weltweiten Schweinefleischexporte hätte sich verfünffacht. Als weiteren Vorteil nannte Bereuter die EU-Förderbeiträge welche für regionale Projekte eingesetzt werden können. Er verhehlte aber auch nicht, dass der «EU-Weg» zu Beginn steinig und hart sei. Zudem sei die Strukturbereinigung weiter vorangetrieben worden.

Schweizer Lebensmittelqualität in der EU gefragt
Ein Agrarfreihandel Schweiz - EU biete für die Schweizer Agrarwirtschaft sehr grosse Chancen, ist Damian Henzi, Geschäftsführer und CEO Hochdorf Holding AG, überzeugt. Das Wissen um im EU-Markt zu bestehen sei bei der Schweizer Nahrungsmittelindustrie ebenso vorhanden wie die Kontakte zu den grossen europäischen Abnehmern. Zudem verfügen Schweizer Lebensmittel und Rohstoffe über eine Top Qualität, dies beweise der Export von hochpreisigen Backmittel nach Deutschland oder der Exporte von Baby Food und anderem mehr. Henzi erwartet mit einem FHAL eine bessere Wertschöpfung für alle Stufen in der Nahrungsmittelproduktion.

Angst vor Arbeitsplatzverlusten
Ein Versammlungsteilnehmer stellte fest, dass ein FHAL mit der EU sowieso komme, ob es da nicht besser wäre gleich der EU beizutreten? Burger ist der Meinung, dass die Schweiz mit einem FHAL das agrarpolitische Instrumentarium in der Hand behalte, dies im Gegensatz zu einem EU-Beitritt. Dies sei unter anderem wichtig für die Ausgestaltung der Direktzahlungen und der Investitionshilfen. Eine Votatin befürchtet bei einem FHAL den Verlust von vielen Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft.

Mario Tosato



Damian Henzi, Othmar Bereuter, Roland Werner und Hans Burger (v. l. n. r.) diskutieren über den Agrarfreihandel Schweiz – EU (Bild: M. Tosato)
Damian Henzi, Othmar Bereuter, Roland Werner und Hans Burger (v. l. n. r.) diskutieren über den Agrarfreihandel Schweiz – EU (Bild: M. Tosato)