Ausgabe Nummer 3 (2006)
EU-Preise und Ausstiegshilfen?
Winterveranstaltung des Thurgauer Bauernverbandes mit Beat Kappeler als Gastreferent
EU-Preise und Ausstiegshilfen?
Grössere Landwirtschaftsbetriebe, die effizienter und zu tieferen Preisen produzieren, sowie einen rascheren Strukturwandel hat Beat Kappeler an der Winterveranstaltung des Thurgauer Bauernverbandes vom 12. Januar in Weinfelden gefordert. Die Thesen des bekannten Zeitungskolumnisten lösten zum Teil grosses Unverständnis aus.

Beat Kappeler machte am
Rednerpult deutlich, weshalb er
einen rascheren Strukturwandel
für richtig hält. (ms)
Präsident Andreas Binswanger machte zum Auftakt die Haltung des Thurgauer Bauernverbandes (TBV) klar. Drei Hauptthemen stünden für Landwirte gegenwärtig im Brennpunkt, die Agrarpolitik 2011, die WTO-Verhandlungen und das mögliche Freihandelsabkommen mit den USA. Auch seien die Stimmen der übrigen Wirtschaft zu den aktuellen Fragestellungen deutlich zu vernehmen. In diesem Spannungsfeld habe er manchmal das Gefühl, dass es nur noch um ein Bauernopfer gehe. Bewusst habe der TBV deshalb eine Persönlichkeit als Referenten geladen, die sich kritisch zur Landwirtschaftspolitik äussere und sich quasi in die Höhle des Löwen wage.
Zu viel Strukturerhaltung
Binswanger stellte Beat Kappeler als Bürger von Oberwangen vor. Der Kolumnist bei der «NZZ am Sonntag» und bei «Le Temps» stieg direkt ins Thema ein und machte in einem knapp einstündigen Referat seine Position deutlich. Die schweizerische Landwirtschaft geniesse einen relativ hohen Schutz, der begründet werden müsse. Eine genauere Analyse zeige, dass viele Massnahmen zugunsten der Bauern letztlich auf Strukturerhaltung ausgerichtet seien.
So seien die Direktzahlungen an einen Hof, einen bäuerlichen Familienbetrieb gebunden, sei das bäuerliche Bodenrecht nach wie vor ein straffes Korsett, das Veränderungen behindere. Zudem würden sich die hohen Direktzahlungen und Aufwendungen mittlerweile auf 67 000 Franken pro Betrieb belaufen, werde immer mehr Geld für immer weniger Betriebe aufgewendet.

Hermine Hascher,
Geschäftsführerin TBV, und
Andreas Binswanger,
Präsident TBV, im Gespräch mit
Gastreferent Beat Kappeler. (ms)
Viele Ziele nicht erreicht
Es erhöben sich deshalb auch Stimmen im ländlichen Gewerbe, die auf Wettbewerbsvorteile der Bauern hinwiesen, die einem Nebenerwerb nachgingen und aufgrund einer gesicherten Einkommensbasis die Preise anderswo drücken könnten. Schliesslich könnten alle Wirtschaftsbranchen für sich in Anspruch nehmen, Positives für die Allgemeinheit zu tun. Die Maschinenindustrie bilde Tausende von Lehrlingen aus, die Gastronomie integriere Hunderttausende von Zuwanderern, argumentierte Kappeler.
Die bäuerlichen Strukturen und deren massive Stützungen seien mit der Multifunktionalität gerechtfertig worden. Viele Ziele seien aber kaum erreicht worden, weder im Umweltschutz noch in Sachen Landesversorgung noch in der dezentralen Besiedlung. Die Bauernbetriebe gingen langsam ein, doch der Schweizerische Bauernverband habe sich bislang geweigert, ein richtiges Ausstiegsszenario zu schaffen, kritisierte der Journalist. Es finde ein ungeordneter Rückzug statt.
Ernsthafte Reformen einleiten
Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der WTO-Verhandlungen sollten laut Kappeler rasch ernsthafte Reformen zugunsten einer reduzierten, aber lebensfähigen Landwirtschaft eingeleitet werden. Es gebe durchaus Chancen für eine diversifizierte, auf Massen- und auf Nischenprodukte ausgerichtete Landwirtschaft. Die Möglichkeiten des Nebenerwerbs seien dabei, wie in anderen Bereichen, zu nutzen.
Zu seinem Konzept gehörten unter anderem Ausstiegshilfen für ältere Bauern, eine Senkung der Direktzahlungen, eine Reduktion der Reglementierungen und ein Absenken des Grenzschutzes auf EU-Niveau. Die neue schweizerische Landwirtschaft, so Kappeler, werde den heute grösseren Betrieben des Thurgaus entsprechen und sich so den Verhältnissen in Österreich oder Südbayern angleichen.

Die Winterveranstaltung lockte eine stattliche
Anzahl von Bauern und interessierten Personen in
den grossen Saal des Thurgauerhofs. (ms)
«Provokation» für Bauern
Eine neu geordnete Landwirtschaft bringe nicht nur Risiken, sondern auch Chancen und neue Perspektiven, versicherte Kappeler. Er plädierte weiterhin für eine flächendeckende Landwirtschaft, und er nahm wiederholt den Slogan «Gut, gibt’s die Schweizer Bauern» auf, den das Transparent, das über der Versammlung hing, verkündete.
Nach einem verhaltenen Applaus kam eine angeregte Diskussion in Gang. Gut ein Dutzend Personen meldeten sich zu Wort und äusserten vorwiegend Unverständnis. Das Referat sei eine Provokation, die man sich nicht gefallen lassen könne, meinte ein Votant und betonte, das Wichtigste auf der Welt sei doch gesunde Nahrung,
warum diese denn immer billiger werden solle.
Viele Konsumenten wollten zwar tiefere Preise, verlangten aber dennoch hohe Tierschutzvorschriften, erklärte ein zweiter und erinnerte auch an die vom Volk gutgeheissenen Raumplanungsvorschriften. Es sei eine Zumutung, was an diesem Abend ablaufe, warf eine Bäuerin dem Referenten Oberflächlichkeit vor. Die Schweiz sei ein Hochlohnland, argumentierte ein weiterer Landwirt und fragte, warum denn nicht die Bauern daran ihren Anteil haben sollten.
