Ausgabe Nummer 46 (2006)
Euterprobleme erkennen und behandeln
Je früher man sie erkennt, desto besser
Euterprobleme verursachen die höchsten Krankheitskosten auf Schweizer Milchviehbetrieben. Ein Tierarzt und ein Fütterungsspezialist berichteten am Provimi Kliba Milchviehforum am Strickhof, was sich dagegen machen lässt.Jede fünfte Kuh leidet einmal pro Jahr an einer akuten Mastitis, und jede zehnte an einer chronischen. Dr. Reto Schnider ist praktizierender Tierarzt in Kleinandelfingen ZH und weiss, wovon er spricht. Viele der krankmachenden Keime kommen in der Umwelt vor, zum Beispiel in der Einstreu, im Mist, auf dem Boden oder im Wasser. Andere, wie zum Beispiel der gefürchtete Staphylokokkus aureus befinden sich auf den Euterschleimhäuten infizierter Kühe und lassen sich von Tier zu Tier, aber auch zum Beispiel über die Hände des Melkers oder über die Zitzenbecher übertragen. Die Keime müssen über den Strichkanal in das Eutergewebe gelangen, bevor sie Schaden anrichten können. Solange der Strichkanal durch den natürlichen Zitzenpfropfen geschlossen ist, kann nichts passieren.
Schalmtest machen und Fieber messen
Eine gute Hygiene beim Melken und auf der Liegefläche sind die wichtigsten Massnahmen, um Euterentzündungen vorzubeugen. ?Doch, wieso wird zum Beispiel die Kuh Bethli krank und Rösli nicht??, fragte Schnider. Krankheitskeime, die in das Euter eindringen, müssen nicht unbedingt zu einer Entzündung führen. Es kommt darauf an, wie widerstandsfähig und in welcher Verfassung das betroffene Tier ist. Eine Kuh, die schlecht gehalten wird, die krank ist oder bei welcher die Fütterung nicht stimmt, ist anfälliger als eine gesunde und gut gefütterte Kuh. Nicht nur bei laktierenden Kühen sollte man das Euter sorgfältig kontrollieren, sondern auch bei Galtkühen täglich einmal. Bei einem geschwollenen und warmen Viertel ist der Schalmtest durchzuführen. Gibt dieser an, sollte man ?Fieber? messen und sofort den Tierarzt benachrichtigen. Denn eine akute Euterentzündung ist ein Notfall, bei welchem die Kuh sterben kann. Die Heilungsaussichten sind umso besser, je früher der Tierhalter ein akutes Viertel erkennt. Man sollte das kranke Viertel häufig ausmelken, um die Keime und deren Giftstoffe mit der Milch abzuführen. Das Einreiben von Salben hilft, dass das Euter besser durchblutet wird und mehr Abwehrstoffe über das Blut in das Gewebe gelangen.
Vorbeugen ist besser als heilen
Nicht immer ist eine Euterentzündung offensichtlich, man spricht von chronischen Euterentzündungen. Um solche zu erkennen, sollte man den Schalmtest monatlich, besser alle zwei Wochen bei allen Kühen durchführen, ebenso auch vor dem Trockenstellen und nach dem Abkalben. ?Achtung!?, Schnider weist speziell darauf hin, dass die Testergebnisse abgelaufener Schalmtestlösungsmittel nicht zuverlässig sind. Er habe mit seinem Testset schon andere Ergebnisse gefunden als der Landwirt.
Euterentzündungen müssen mit Antibiotika behandelt werden, doch nicht immer hilft diese Therapie. Manchmal werde das Medikament nicht in genügend hoher Konzentration und zu wenig lange eingesetzt. Doch auch wenn alles korrekt gemacht werde, gelingt es den Keimen manchmal, in die Abwehrzellen oder die Euterzellen einzudringen und sich zu ?maskieren?. Sie leben regelrecht auf deren Kosten, und die Medikamente können nichts ausrichten. Etwa ein Drittel der chronisch kranken Euterentzündungen lasse sich nicht heilen. Auch homöopathische Mittel wirken bei Euterentzündungen schlecht. Da bleibe nichts anderes mehr übrig, als die Kühe aus der Herde zu nehmen, sagt Schnider. Um Euterentzündungen möglichst zu vermeiden, darf die Melkerin oder der Melker nach dem Anrüsten nicht zu lange mit dem Ansetzen der Melkmaschine warten. Drei Minuten sind zu lange. Denn nach sechs bis acht Minuten ist das Hormon Oxytocin, das den Milchfluss bewirkt, im Körper verbraucht. Es ist ausserdem darauf zu achten, dass sich die Tiere im Melkstand wohl fühlen. Stresshormone zum Beispiel wegen Angst, Hitze oder Lärm hemmen die Milchabgabe, führen zu einer grösseren Nachgemelksmenge, einer Reizung der Zitzenschleimhäute und damit zu einem schlechteren Euterschutz.
Fütterung anpassen
Eutergesundheit ist auch eine Frage der Fütterung, erklärte Jürg Schneider von der Provimi Kliba AG. Nur eine gesunde und leistungsgerecht ernährte Kuh verfüge über ein starkes Abwehrsystem, was die beste Prophylaxe gegen Euterentzündungen sei. Befindet sich die Kuh zu Beginn der Laktation in einem Energiedefizit, fehlen gewisse Vitamine und Mineralstoffe, oder stehen sie nicht im richtigen Verhältnis zueinander, wird sie anfälliger für Euterentzündungen. Dagegen hilft das ?Optistartkonzept? von Provimi Kliba. Es legt nicht nur Wert auf Kraft- und Ergänzungsfutter, sondern auch auf das Grundfutter. Denn die Kuh deckt etwa 80 Prozent des Energie- und 70 Prozent des Proteinbedarfes aus dem Pansen. Es kommt nicht nur auf die Nährstoffgehalte an, sondern, wie das Futter beschaffen ist und wie gefüttert wird. Das Grundfutter sollte gut strukturiert sein und die einzelnen Futterkomponenten sind in der richtigen Reihenfolge vorzulegen: Zuerst Heu und dann Maissilage und Kraftfutter, nicht umgekehrt.
Michael Götz, LBB-GmbH, Eggersriet SG

Der Schalmtest ist nur aussagekräftig, wenn die Testschalen sauber sind und das Verbrauchsdatum des Testlösungsmittel nicht überschritten ist. (Bild: Reto Schnider)
