Ausgabe Nummer 49 (2005)
Farmerstochter lernt melken
Farmerstochter lernt melken
Während sechs Monaten lebte die junge Amerikanerin Nicole Descheemaeker in Schweizer Bauernfamilien. Bevor sie zurück nach Montana geht, hat sie für den Thurgauer Bauer ihre Erlebnisse und Eindrücke festgehalten. Der Bericht wurde von ihrer Gastmutter Andrea Heimberg-Müller vom Englischen ins Deutsche übersetzt.

Farmerstochter Nicole Descheemaeker, hier auf
einem Landwirtschaftsbetrieb im Emmental, hat in
der Schweiz melken gelernt. (ahm)
Als Teilnehmerin am Austauschprogramm von IFYE (siehe Kasten) bin ich im Juni dieses Jahres von den USA in die Schweiz gereist, um etwas über die schweizerische Kultur, Bevölkerung und Landwirtschaft zu erfahren. Jede Gastfamilie hat mir ihre Türen zu Haus und Hof geöffnet, um mir den hiesigen Alltag näher zu bringen.
Seit einem Monat lebe ich bei Anna und Konrad Müller in Hörhausen. Nebst den Arbeiten auf dem Betrieb habe ich auch die Gegend ein bisschen kennen gelernt: den Rheinfall, Stein am Rhein, den Munot und die Rimuss-Kellerei. Auch konnte ich andere Landwirtschaftsbetriebe besuchen, um den biologisch-dynamischen Landbau und den Agrotourismus kennen zu lernen. Jeden Freitag- und Samstagmorgen backe ich Brot und Zopf für den Hofladen. Diese Vormittage gefallen mir sehr gut, und ich habe gelernt zu backen wie ein Bäckermeister. Das «Bed & Breakfast» Unternehmen finde ich auch sehr spannend. Der Aufenthalt hier hat mir sehr gefallen, insbesondere hatte ich Spass daran, die ganze Familie Müller mit Verwandtschaft kennen zu lernen.
Unsere Ranch in Montana
Das Leben auf einem Bauernhof in der Schweiz ist ganz anders als bei mir zu Hause. Ich komme aus dem Bundesstaat Montana, der in den Rocky Mountains an der Grenze zu Kanada liegt. Meine Familie bewirtschaftet dort eine Ranch mit 500 Mutterkühen, Luzerne, Weizen und Gerste. Der eindrücklichste Unterschied zwischen Montana und der Schweiz ist die Grösse. Montana (234 000 Quadratkilometer) ist der viertgrösste Bundesstaat der USA und ungefähr sechs Mal so gross wie die Schweiz. Die Landwirtschaftsbetriebe sind ebenfalls wesentlich grösser, tausend bis fünftausend Hektaren pro Betrieb sind normal. Die bedeutendsten Landwirtschaftsprodukte dieses Bundesstaates sind Weizen, Gerste und Rindfleisch. Hingegen leben in der Schweiz (172 Personen pro Quadratkilometer) viel mehr Personen als in Montana (4 Personen pro Quadratkilometer). Weil die Betriebe so gross sind, können die meisten Bauern ihre Nachbarn, die zwei bis zehn Kilometer entfernt sind, gar nicht sehen. Dörfer und Schulen sind auch sehr weit weg, oft eine halb- bis einstündige Autofahrt entfernt.
Weil die Schweizer Landwirtschaft und der Alltag so anders sind als zu Hause, hatte ich viele Gelegenheiten, Neues zu lernen, wie etwa das Melken. Auch konnte ich helfen, Früchte und Gemüse für den Verkauf auf dem Markt zu richten oder für den Winter zu konservieren. Heu rechen ar auch eine neue Erfahrung, da auf einer Ranch praktisch alle Arbeiten mit Hilfe von Maschinen erledigt werden.
Gute Erfahrung
Während meines Aufenthaltes in der Schweiz hat mir das Lernen über Bräuche und Traditionen am besten gefallen. Ich habe viele typische Landesgerichte und -getränke probiert und alles gemocht, sogar Blutwurst. Die traditionellen Feiern waren auch etwas Besonderes. Ich habe an einem 1.-August-Brunch, einem Umzug bei der «Älplerchilbi» in Stans sowie an einer «Metzgete» teilgenommen. Während so eines Festes kann man wirklich sehen, wie das Leben auf dem Land früher war.
Ich habe hier in der Schweiz viel Neues gelernt und viele Freundschaften geschlossen. Ich werde, dank diesem Aufenthalt in einem fremden Land, mit einer neuen Lebenseinstellung nach Montana zurückkehren. Meiner Familie werde ich viele Geschichten erzählen und Fotos aus der Schweiz zeigen können.
