Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
7. Dezember 2018


Faszination "mechanische Werkstatt Wiesental"

Ausgabe Nummer 22 (2017)

Schweizer Mühlentag 2017

Die mechanische Werkstatt Wiesental des Mechanikers, Tüftlers und Erfinders Ulrich Leutenegger (1852 bis 1932) in Eschlikon, wird heute anerkennend als frühes «mechanisches Kompetenzzentrum» bezeichnet.

Am Mühlentag 2017 ermöglichte der historische Verein Eschlikon Führungen mit Einblicken in eine Werkstatt von historischer Bedeutung, aus der Gerätschaften, Erfindungen und Dienstleistungen, unter anderem auch mit Nutzen für die lokale Landwirtschaft, hervorgingen.
An der Führung vom vergangenen Samstag wurde technisches Wissen zur Werkstatt aus der Zeit von circa 1875 bis 1932 vermittelt. Die Werkstatt gehört der Stiftung und auf Voranmeldung ermöglicht der Verein auch während des Jahres Führungen. Fast 80 Jahre war die komplett erhaltene mechanische Werkstatt Wiesental des Eschliker Erfinders Ulrich Leutenegger nach dessen Tod in Vergessenheit geraten.
Es ist der Eigeninitiative einiger Personen zu verdanken, dass diese erhalten blieb und zur Funktionstüchtigkeit restauriert wurde. Inzwischen ist auch die Druckleitung zum Weiher repariert, die Turbine läuft und treibt genau wie früher die Transmission an. Die Maschinen, Werkzeuge, Werkstücke und Transmissionsanlagen haben die letzten 85 Jahre unbeschadet überstanden. Die Liegenschaft Wiesental, mit dem ehemaligen Waschhaus und einer zum historischen Ambiente stimmigen Umgebung, fand 2008 neue Eigentümer. 2011 wurde das Wiesental in das Inventar der Schweizerischen Mühlenfreunde aufgenommen. Für den Erhalt und den Betrieb dieses historischen Juwels wurden 2012 die Stiftung «Mechanische Werkstätte Wiesental» und der Historische Verein Eschlikon gegründet. Die Stiftung bemüht sich um die Beschaffung der finanziellen Mittel. Der Verein setzt diese für die Restaurierung, den Unterhalt und Betrieb der Werkstätte ein. Für dieses Engagement erhielten Stiftung und Verein 2016 den Anerkennungspreis des Thurgauer Heimatschutzes.

Maschinen und Ersatzteile – auch für die Landwirtschaft
Jürg Stänz, Präsident des Historischen Vereins, hat sich intensiv mit der Person Ulrich Leutenegger befasst. Er bezeichnet ihn als ein Multi-Genie. Bekannt ist, dass Leutenegger nach Abschluss seiner Schlosserlehre, erst 23-Jährig, sein eigenes Unternehmen gründete. Bevor er die Liegenschaft Wiesental erwarb, war diese als Gerberei und später als Sägerei genutzt worden. Die Vorgänger waren mit ihren Unternehmungen erfolglos geblieben. Die Werkstätte Wiesental hingegen etablierte sich und empfahl sich ab 1903 für die Anfertigung von gewerblichen Maschinen, Werkzeugmaschinen und Reparaturen. Im Zuge seiner historischen Recherche erfuhr Jürg Stänz unter anderem, dass Ulrich Leutenegger, obwohl die Bühler AG (welche damals eine Giesserei betrieb) ihn gerne fest angestellt hätte, dies ablehnte und selbstständig bleiben wollte. Den Grossteil seines Lebensunterhaltes verdiente Leutenegger mit dem Verkauf von Maschinen für die Landwirtschaft, Schleifsteinen, Ersatzteilen und Gülle-Verteilerpumpen. Der Historische Verein Eschlikon bedauert es, dass es praktisch keine Unterlagen von Ulrich Leutenegger gibt. Alles wurde von den Nachbewohnern geräumt und verbrannt, sodass es keine näheren Aufzeichnungen über seine genaue Geschäftstätigkeit gibt.

Präzision und Hingabe an das Handwerk
Bekannt ist hingegen, dass das Ehepaar Ulrich und Marie Leutenegger vier Söhne hatte. Einer der Söhne, Werner, ergriff den Beruf des Landwirts und hätte gerne einen eigenen Betrieb geführt. So kaufte ihm sein Vater einen Betrieb in Ermatingen. Nach dem Tod des Vaters, kehrte Werner Leutenegger 1938 ins Wiesental zurück, wo er die Gebäude und Umgebung während mehrerer Jahre landwirtschaftlich nutzte.
Einige der angemeldeten Patente von Ulrich Leutenegger konnten in Kopie wieder beschafft werden und sind in der Werkstatt zu sehen. 1901 meldete er zum Beispiel ein Patent für einen Luftgaserzeuger an. Und noch wenige Monate vor seinem Tod, 1932, meldete er eine Serie von hydraulischen Widdern (Staudruck-Wasserheber) an. Diese Widder funktionierten während mehrerer Jahrzehnte einwandfrei. Es zeigt sich bei näherer Betrachtung, mit wieviel Präzision und Hingabe Ulrich Leutenegger die Werkteile anfertigte. Von Allem fertigte er zuvor ein Holzmodell an. Beeindruckend dabei ist: Holzmodell und Werkstück sind absolut identisch. In seiner Werkstatt wurde auch geschmiedet. Schachtdeckeln, die er bei der Bühler AG giessen liess, verlieh er auf der Drehmaschine die präzise Form, wie Urs Graber, Vorstandsmitglied des Historischen Vereins, an der Führung demonstrierte.
Die Werkstatt wirkt auf heutige Besucher so, als hätte Ulrich Leutenegger sie nur eben kurz verlassen. Sein inspirierender Geist, die ungestillte Neugier und der Drang den Dingen auf den Grund zu gehen und sich nie mit nur einem Ergebnis zufrieden zu geben, offenbart sich an allen Werkbänken.


Isabelle Schwander










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