Ausgabe Nummer 7 (2004)

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Fällt der Apfel weit vom Stamm?

="text">Nachfolgeprobleme im Obstbau  
Fällt der Apfel weit vom Stamm?
 
Viele junge Obstbauern wollen den Betrieb ihrer Eltern nicht mehr weiterführen. Tiefe Preise, schlechte Rentabilität und wenig Freizeit schrecken viele Junge ab.
In der Landwirtschaft ist es ein allgemeines Problem, dass junge Bauern den Betrieb ihrer Eltern nicht mehr weiterführen wollen. Sehr stark von diesem Problem ist der Obstbau betroffen. Seit den neunziger Jahren sind die Preise für Obst sehr tief, und die angebaute Fläche nimmt stetig ab (siehe Kasten). Wegen den tiefen Preisen lohnt sich der Aufwand für viele Obstbauern nicht mehr, oder sie brauchen einen Nebenerwerb, um überhaupt existieren zu können.
 
«Obst ist sehr arbeitsintensiv. Doch sind die Jungen nicht mehr bereit, das zu leisten. In einer Anstellung locken mehr Freizeit und geregelte Arbeitszeiten», so Bruno Hugentobler, Leiter der Fachstelle Obst- und Rebbau am LBBZ Arenenberg. Doch sieht er einen kleinen Lichtblick: «Dieses Jahr sind die Preise erstmals wieder besser. Unter anderem ist es auf das neue Preisbildungssystem zurückzuführen.»

Edwin Huber, Präsident der Thuro-Arbeitsgemeinschaft Thurgauer Obstbauern, sieht die Gründe für die ungeregelte Nachfolge in den schlechten Preisen, der tiefen Rentabilität und in der spärlichen Freizeit der Obstbauern. Einen weiteren Faktor sieht er in der Bedrohung durch den Feuerbrand. «Das Risiko vom Feuerbrand befallen zu werden, besteht permanent. Der Feuerbrand kann jede Kultur treffen, auch die gepflegteste.» Laut ihm muss man die vor- und nachgelagerten Betriebe, wie Grossverteiler und Lagerhallen, in die Diskussion über die Zukunft der Obstbauern mit einbeziehen.
 

Ähnlich schätzt die Lage Peter Widmer, Präsident des «Thurgauer Obstverbandes», ein. Er meint, dass eine bessere wirtschaftliche Lage und gute Preise wieder vermehrt Bauern zum Obst anpflanzen motivieren würden. «In drei Jahren sieht die Situation vielleicht wieder anders aus, und es wird wieder vermehrt Obst angepflanzt. Eventuell könnte auch einige Junge die Selbstständigkeit locken. Einen gewissen Rückgang der Obstmenge ist auf den Produktionsüberschuss in früheren Jahren zurückzuführen», sagt Widmer weiter. Doch im Moment ist die Lage alles andere als rosig. «Auch gute Betriebe hören auf», klagt er.




Beispiel Obstbauer Guido Roth
Guido Roth, 57, führt einen 14 Hektaren grossen Obstbetrieb in Altnau. Schon sein Vater pflanzte die ersten Niederstammbäume. Ende der siebziger Jahre verkaufte Guido Roth die Kühe und pflanzte nur noch Obst an. Von seinen Apfelplantagen hat er einen schönen Ausblick auf den Bodensee. Guido Roth erklärt, dass «der Bodensee, neben dem Südtirol, eine der besten Lagen für den Obstbau ist». Der günstigen Lage sei auch die rentable Produktion zu verdanken. Seit langem interessiert sich Guido Roth für die Entwicklungen beim Obstbau. Unter anderem war er unter den Ersten, die Hagelnetze errichteten. Ebenfalls produziert er schon seit langem nach den Richtlinien der integrierten Produktion. «Doch braucht es immer ein wenig Glück und ein &Mac220;Gspüri&Mac221; um bei den richtigen Entwicklungen dabei zu sein», sagt Guido Roth weiter. Zusätzlich sei im Obstbau viel Eigenkapital nötig, um wirtschaftlich produzieren und um den Entwicklungen folgen zu können.

Hofübergabe bei Familie Roth?
Auch auf dem Hof Roth steht einmal die Entscheidung an, ob der älteste Sohn Stefan, der 26 Jahre alt ist, den Hof übernehmen will. «Im Moment ist die Entscheidung noch nicht nötig, und bis jetzt ist noch nichts entschieden. Dem Sohn stehen noch alle Wege offen», beschreibt Guido Roth die Situation. Nach einer Ausbildung im Obstbau arbeitet der Sohn gegenwärtig in einem Treuhandbüro im Bereich Landwirtschaft als Buchhalter und hilft dem Vater nur über das Wochenende mit den Bäumen. Ob er den Betrieb einmal übernehmen will, ist sich Stefan Roth noch nicht im Klaren. «Eine Übernahme birgt viele Risiken, aber sicher auch viele Chancen.» Er ist überzeugt, dass «ein Bauer erfolgreich wirtschaften kann, wenn er richtig arbeitet».
Im Obstbau ist das Risiko gross. Gegen gewisse Risiken kann man sich schützen, wie zum Beispiel durch Hagelnetze. Doch spielen ganz viel andere Faktoren, wie das Wetter, mithinein, denen der Bauer ausgeliefert ist. Weites Vorausdenken ist nötig, um gewinnbringend zu produzieren. Dazu Guido Roth: «Man darf im Jahresverlauf nichts verpassen. Sonst muss man wieder ein ganzes Jahr lang warten.» Ein immer wichtig werdender Punkt ist die Sortenwahl. «Der Bauer muss versuchen, herauszufinden, welche Sorte in drei, vier oder fünf Jahren gefragt sind. Es besteht fast ein Sortendiktat von den Grossverteilern. Um erfolgreich zu sein, muss er zur richtigen Zeit die richtigen Äpfel liefern können, schildert Guido Roth. «Wenn eine Sorte zwar gut ist, aber die Nachfrage nicht will, nützt der ganze Aufwand nichts.» Auch trägt der Bauer das Risiko, wenn die Äpfel qualitativ nicht ganz perfekt sind.

Familienbetrieb Obstplantage
Beim Obstanbau muss die ganze Familie dahinter stehen und notfalls zupacken. Für den Vater Roth spielt die Einstellung der zukünftigen Partnerin von Stefan eine entscheidende Rolle, ob der Sohn einmal den Betrieb übernimmt. Doch klagt er: «Welche Frau ist heutzutage noch zum Bauern bereit.» Für den Sohn ist das ganze persönliche Umfeld für eine eventuelle Weiterführung des Betriebes wichtig. «Bei einem Familienbetrieb ist es schwierig, am Abend heimzugehen und abzuschalten. Wenn man ein Problem zu spät bemerkt, wird es schwierig zu agieren. Im schlimmsten Fall kann das Verhältnis &Mac220;versiechet&Mac221; werden und die ganze Verwandtschaft zerstören». Guido Roth pflichtet bei: «Es ist wichtig, selber zu leben und die anderen leben zu lassen.»
Stefan Roth gibt zu bedenken, dass man eine Hofübergabe nicht erzwingen kann. «Dann wird es schwierig oder schlimm und der Hof kann untergehen.» Druck von zuhause, um den Hof zu übernehmen, habe er keinen. «Sie hätten es gerne, aber es ist ein Wunsch und kein Druck.»

Kein Einzelfall
Gespräche mit anderen Thurgauern Obstbauern ergaben, dass auch andere Betriebe sich über die Nachfolge Gedanken machen. Viele stehen vor dem Problem, dass der Nachwuchs, wie im Beispiel Roth, zum Teil trotz entsprechender Ausbildung, den Hof nicht mehr weiterführen will. Als Hauptgründe werden die tiefen Preise und die lange Präsenzzeit angegeben. In vielen Fällen ist kein volles Einkommen mehr aus dem Obstbau möglich. Ebenfalls genannt wird, dass der Konsument billiges Obst bevorzugt. Zusätzlich setzt der tiefe Preis von ausländischem Obst die Bauern unter Druck. Gewisse Hoffnung versprechen sich einige aus dem neuen Preisbildungssystem.


Rahmenbedingungen ändern sich
Als Guido Roth von 30 Jahren den Hof seines Vaters übernahm, war die Ausgangslage ganz anders als heute. «Es war automatisch so, dass der Sohn auch Bauer wurde, wenn der Vater Bauer war». erinnerte sich Guido Roth. «Die Jungen hatten viel weniger Möglichkeiten als heute. Das Nahrungsmittelangebot war knapp, und man konnte nur produzieren», so Stefan Roth. «Heute ist die Situation viel komplexer geworden. Man muss versuchen, auf einem übersättigten Markt Produkte zu verkaufen und sich von der Konkurrenz abzuheben. Der Bauer wird gefordert, dass zu produzieren, was der Konsument erwartet. Jedoch sieht man nicht, was der Kunde denkt. Die Werbung wird wichtiger als die Produktion», sagt Stefan Roth weiter. Dies sei ein allgemein erkennbarer Trend in der Wirtschaft.
Ein Stein wird den jungen Obstbauern auch mit verschiedenen Vorschriften in den Weg gelegt. Guido Roth ärgert sich: «Die Vorschriften von oben behindern den Nachwuchs und schreckt ihn ab.»
Vorstellen kann sich der Sohn, seine jetzige Tätigkeit im Treuhandbüro oder einen anderen Nebenerwerb mit dem Obstbau zu verbinden. «Die Landwirtschaft bietet so viele Varianten.» Auch kann er sich eine Zusammenarbeit mit anderen Obstbauern vorstellen. Sollte er den Hof eines Tages übernehmen, möchte er am liebsten seine beiden Tätigkeitsbereiche langsam miteinander kombinieren. «Eine &Mac220;harte&Mac221; Übergabe ist gar nicht möglich und im Moment auch nicht nötig», erklärt Stefan Roth.

Freizeit und Gesundheit
Was die Freizeit betrifft, sieht Stefan Roth nicht so grosse Probleme. «Klar kann man im Sommer weniger fort. Dafür kann man im Winter länger in die Skiferien. Es ist auch eine Sache der Einteilung, und es kommt drauf an, mit welchem Ertrag man zufrieden ist.» Sein Vater ergänzt: «Man muss gerne arbeiten und im richtigen Moment zuhause sein. Wichtig ist vor allem die Zeit von April bis Juli.» Schmunzelnd erzählt er, wie er einmal im Frühling seinen Kindern das Meer zeigen wollte. «Als wir von den Ferien zurückkamen, war die ganze Anlage von Läusen befallen.»
Einen ganz wichtigen Punkt für Vater und Sohn ist die Gesundheit. «Als Obstbauer ist eine gute Gesundheit sehr wichtig. Einen Unfall kann weit reichende Konsequenzen haben und die Weiterführung eines Betriebes verunmöglichen, und das auch in Situationen, wo im Büro noch eine Arbeit möglich ist», sagt dazu Stefan Roth. Obwohl ihr Betrieb rückenschonend mit Grosskisten und kleinen Wagen ausgerüstet ist, steht immer noch harte körperliche Arbeit dahinter.
Trotzdem ist Guido Roth positiv eingestellt. Er ist überzeugt, dass Obstbau ein schöner Beruf sei. Obstbau ist für ihn kein Beruf, sondern eine Berufung. Für ihn ist sein Beruf auch sein Hobby. (uhu)