Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
6. Juli 2018


Flachlandrinder sömmern oberhalb Schwellbrunn

Ausgabe Nummer 26 (2016)

Erst seit ein paar Wochen sind die knapp 40 Rinder der Alpgenossenschaft Frauenfeld auf den beiden Alpen im Appenzellerland. Am vergangenen Sonntag vor einer Woche erhielten sie bereits Besuch von ihren Haltern.

Es war keiner der strahlenden Frühsommertage, die man sich für einen Besuch auf der Alp vorstellt. Vorsorglich hatte Paul Rüedi, der 60-jährige, ehemalige Landwirt aus Felben, Präsident der Alpgenossenschaft Frauenfeld, ein grosses Partyzelt eingepackt. «Damit wir wenigstens im Trockenen essen können», sagte er, während er die Genossenschafter und Gäste kurz vor Mittag auf der Alp Gägelhof willkommen hiess. Noch tröpfelte der Regen fein aufs Zeltdach, der Nebel rundum hockte tief und verhinderte jegliche Aussicht. «Hier sähe man die ganze Alpenkette, Hoher Kasten, Säntis, Churfisten und den Gäbris», erklärte Rüedi. Er war aber zuversichtlich, dass es noch auftue, die Sonne komme und die Besucher die ganze Alpenkette bewundern können. Die einen legten eine Wurst auf den Grill, andere ein Steak, vom Hörnlisalat bedienten sich alle. Auch der Pächter der Alp Gägelhof, Ernst Naef, und Sohn Chläus waren anwesend. Aber weit und breit keine Rinder, die steilen Weiden sind saftig grün, an verschiedenen Hängen steht hohes Heugras. Wer einen Schritt neben die geteerte, schmale Strasse oder den Vorplatz des Stalls mit dem angebauten Wohnhaus machte, brauchte Gummistiefel oder hohe Bergschuhe. Vielerorts staute sich die Nässe und bildete knietiefe Pfützen. «Bei diesem Wetter sind die Rinder im Stall», sagte Ernst Naef und öffnet die Stalltüre. Drinnen liegen die Rinder alle dicht beeinander. Für ihn sei es sinnvoller einzustallen, statt die Rinder bei jedem Sauwetter draussen zu lassen. Wenn er sie auf die nasse Weide treibe, machen sie ihm die Weide kaputt. Auf den weniger steilen Flächen der 13 Hektaren, die er von der Alpgenossenschaft pachtet, produziert er Heu. «Doch eben, wann kommt denn endlich das Heuwetter?», fragt sich die Runde am Tisch.

Der Anstoss kam vom Tierarzt
Die Alpgenossenschaft ins Leben gerufen hat der Tierarzt Karl Ammann. Er empfahl 1941 den Mitgliedern der Braunviehgenossenschaft nach einer Alp für die Sömmerung des Jungviehs Ausschau zu halten. «Den Thurtaler Rindern täte die Bergluft gut», war damals die Meinung des Tierarztes und diese gilt auch heute noch. Kurze Zeit später gründeten die Landwirte rund um Frauenfeld und im Thurtal die Alpgenossenschaft und noch im gleichen Jahr erwarb die Genossenschaft, der 25 Mitglieder angehörten, die beiden Alpen in Schwellbrunn. Die Alp Gägelhof mit 13 Hektaren und die Alp Erzenberg mit 7 Hektaren Weideland waren damals zu einem äusserst günstigen Preis zu haben.
Nachdem in den ersten Jahren nur Braunvieh auf die Alpen gebracht wurden trennte sich später die Alpgenossenschaft von der Braunviehzuchtgenossenschaft Frauenfeld und so weiden seither Rinder aller herkömmlichen Rassen auf den beiden Alpweiden. Beide Alpen liegen nahe beeinander auf ungefähr 1000 Metern über Meer. Sie sind heute mit Fahrzeugen erreichbar. Auf dem Gägelhof wurde auch ein Stall mit dem angebauten Wohnhaus, das später massiv umgebaut wurde und seit Jahren als Ferienhaus in Langzeitmiete vergeben ist, übernommen. Für Paul Rüedi eine gute Lösung. «Wir haben nichts zu tun mit dem Vermieten und der Stall kann vom jetzigen Pächter, der auch in der Nähe seinen eigenen Betrieb führt, genutzt werden. Auf dem Erzenberg gehören nur die Stallungen der Genossenschaft. Der Pächter Ernst Zuberbühler, der auf dem Erzenberg seinen eigenen Betrieb führt und dort auch wohnt, lässt die Flachlandrinder aus dem Thurgau den ganzen Sommer auf den Weiden.

Günstige Sömmerung
Heute werden die Rinder aus dem Thurgau mit dem Lastwagen auf die Alpen geführt. Nach einer Stunde Wegzeit fressen die Rinder schon die Alpenkräuter. Der kurze Weg sei ideal, sagt Rüedi und erzählt, dass sich gegenüber früher viel verändert habe. So haben die Frauenfelder Landwirte früher ihre Rinder mit Zügen der SBB, inklusive Umsteigen auf die Appenzeller Bahnen, auf die Alpen gebracht. Das mühsame Unterfangen habe mit dem 10 Kilometer langen Fussmarsch von Schwellbrunn auf die Alp immer zwei Tage gedauert. Angestellte Hirten hätten die 110 Tage, die die Sömmerung dauert, auf die Rinder geschaut. Für das Entfernen von Blacken, das Verbessern von Zäunen, und auch für das Düngen hätten die Bauern Frondienst leisten müssen. Rüedi erzählt, dass sein Vater, der vor ihm Präsident der Genossenschaft war, noch regelmässig mit einer Ladung Mist aus dem Thurgau auf die Alp gefahren sei. Heute hat man die Aufsicht über die Rinder den beiden Pächtern vollumfänglich übertragen, Frondienste gebe es keine mehr. Die Pächter bezahlen einen Pachtzins und die Genossenschafter, welche die Tiere sömmern lassen, bezahlen 90 Franken pro Tier. «Das ist günstig», sind sich die Genossenschafter einig. «So gesundes, mineralstoffreiches Gras haben wir im Thurtal nicht mehr.»


Ruth Bossert
















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