Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
5. Oktober 2018


Fleisch aus Gras - nachhaltig und zukunftsorientiert!

Ausgabe Nummer 29 (2014)

Gras ist das natürliche Futter des Rindes. Dass aber in intensiven Produktionssystemen neben Mais, Getreide und Soja oft wenig Gras gefüttert wird, ist man sich weniger bewusst.

Seit der Nahrungsmittelkrise 2007/2008 wird der bewusste Konsument vermehrt auf die Futtermittelproblematik aufmerksam. Werden Ackerprodukte direkt für die menschliche Ernährung verwendet, können mehr Menschen ernährt werden als mit dem Umweg über das Tier. Um den steigenden Nahrungsmittelbedarf zu decken, welcher durch die wachsende Weltbevölkerung entsteht, gibt es verschiedene Ansätze. So kann zum Beispiel die Produktivität gesteigert, die Fläche ausgedehnt, der Verlust von Nährstoffen reduziert oder die Verschwendung vermindert werden. Eine Lösung ist auch «Milch und Fleisch aus Gras» oder «Feed no Food» – was frei übersetzt «füttert keine Lebensmittel» heisst.
Um in Zukunft genügend Nahrung zu produzieren, sind Verbesserungen in allen Bereichen nötig. Heisst das nun, dass man kein Fleisch mehr essen und keine Milch mehr trinken soll? Nein, natürlich nicht! Der Konsum dieser Naturprodukte ist sogar notwendig. Der überwiegende Teil der Landwirtschaftsfläche kann nicht ackerbaulich genutzt werden und nur Wiederkäuer können Raufutter in die wertvollen Nahrungsmittel Milch und Fleisch umsetzen. Ebenso können Schweine effizient Nebenprodukte aus der Nahrungsmittelproduktion wie Molke, Trester oder Sojaextraktionsschrot verwerten. Im Sinne einer ausgeglichenen Fruchtfolge ist es auch sinnvoll, Mais und Futtergetreide anzubauen. Es ist jedoch zu beachten, dass Geflügel und Schweine diese Futtermittel um einiges effizienter in menschliche Nahrung umsetzen als Wiederkäuer.
Die Schweizer Landwirtschaft kann mit ihrer begrenzten Fläche die Welt nicht ernähren, sie kann aber mit ihren gut ausgebildeten Landwirten und dem Bewusstsein der Konsumenten eine Vorreiterrollen einnehmen und nachhaltige und effiziente Produktionssysteme entwickeln.
In der Mutterkuhhaltung werden die Tiere bereits heute zu einem Grossteil graslandbasiert gefüttert. Eine Umfrage bei Mitgliedern von Mutterkuh Schweiz im Jahr 2012 ergab, dass rund 90 Prozent der Futterration von Kuh und Kalb aus Gras, Heu und Grassilage besteht. Die Bedingungen für Direktzahlungen für graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion erfüllen für Kuh und Kalb ebenfalls rund 90 Prozent der Betriebe.
Ein Talbetrieb mit 20 Mutterkühen und einer Hektare Silomais erreicht einen Anteil von rund 85 Prozent graslandbasierter Fütterung, wenn er ausser dem eigenen Mais nur Gras, Heu oder Grassilage füttert. Auch eine gezielte Kraftfuttergabe an das Kalb in der Endphase ist unproblematisch, 65 kg Kraftfutter machen nur etwa 1 Prozent der Futterration von Kuh und Kalb aus. Der GMF-Beitrag von 200 Franken pro Hektare ist kein Anreiz, um auf GMF umzustellen. Mutterkuh Schweiz fordert deshalb den doppelten Betrag.
Durch den Wegfall der Tierbeiträge kommt ein weiterer Einfluss hinzu. Denn ohne die Tierbeiträge ist die Anzahl Tiere weniger entscheidend. Unter dem alten Direktzahlungssystem galt: je mehr Kühe, desto mehr Beiträge. So konnte es durchaus wirtschaftlich sein, ein paar Kühe mehr zu halten und dafür etwas mehr Mais anzubauen. Heute aber bringen die zusätzlichen Kühe zwar zusätzlichen Markterlös, aber keine zusätzlichen Direktzahlungen. Jeder Betrieb definiert deshalb sein neues Gleichgewicht. Für Mutterkuhbetriebe, welche die Bedingungen für GMF aktuell nicht erfüllen, ist eine Anpassung der Futterration auf jeden Fall zu überdenken. Wichtig dabei ist, dass man die Auswirkungen gesamtbetrieblich betrachtet.
Aus den Daten der Fütterungsumfrage 2012 in Verbindung mit Schlachtresultaten konnten Betriebsgruppen gebildet und die Deckungsbeiträge je nach Fütterung berechnet werden. In der folgenden Tabelle sind die Resultate von Betrieben aus der Talund Hügelzone mit F1-Kreuzungskühen und einem Limousin-Stier zusammengefasst. Daraus wurden vier Modellbetriebe gebildet. Die Unterschiede in der Schlachtkörperqualität sind zwischen den vier Gruppen nur unbedeutend. Dies zeigt, dass wenn genügend Milch mütterlicherseits vorhanden ist, auch mit hohem Grasanteil gute Schlachtkörper resultieren. Im Vergleich zum konventionellen Deckungsbeitrag wurden wegen der unterschiedlichen Rationen die Kosten für die Futtermittel miteinbezogen (Grundfutterkosten gemäss Agrigate/SBV). Die errechneten Deckungsbeiträge pro Hektare liegen ebenfalls nahe beieinander. Betriebe mit sehr hohem Grasanteil weisen tendenziell einen höheren Deckungsbeitrag pro Kuh auf, solche mit etwas weniger hohem Grasanteil einen höheren Deckungsbeitrag pro Hektare. Bei den Varianten mit 80 Prozent Grasanteil oder mehr ist der GMF-Beitrag von 200 Franken pro Hektar eingerechnet. Je nach Betrieb ist eine unterschiedliche Gewichtung richtig.


Adrian Iten













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