Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
5. Oktober 2018


Fleischskandale - der Betrug ist unsichtbar

Ausgabe Nummer 1 (2016)

Interview zum bevorstehenden Agrarzyklus:

Auch wenn falsch deklariertes Fleisch faktisch unbedenklich genossen werden kann, ist es Betrug und kann nicht toleriert werden.

Konsumenten wurden in der Vergangenheit regelmässig durch Fleischskandale aufgeschreckt. Was die Branche dagegen unternimmt, wird am bevorstehenden Agrarzyklus der Volkshochschule Mittelthurgau diskutiert. Mit dabei sind Albert Baumann, Unternehmensleiter der Micarna Gruppe, Gewinner Swiss Award SRF, Kategorie Wirtschaft, Ruedi Hadorn, Direktor des Schweizer Fleisch Fachverbandes und Klemenz Som, Direktvermarkter. Im Interview äussert sich der frühere Landwirt, Theologe und heutige Ethiker Thomas Gröbly dazu. Auch er wird in Weinfelden dabei sein.

Herr Thomas Gröbly, Gammelfleisch, billiges Schaffleisch statt Wild, ungarisches Poulet statt Schweizer Poulet, Pferde- statt Rindfleisch, gefrorenes Fleisch für Frischfleisch verkauft, gefälschte Ablaufdaten – die Schlagzeilen über Fleischskandale nehmen kein Ende. Weshalb betrügt uns die Fleischbranche?
Ich kenne dazu keine Studien. Ich nehme an, die Branche ist einerseits unter massivem finanziellem Druck und andererseits sind die Beziehungen zu den Konsumentinnen und Konsumente wegen langen Wertschöpfungsketten anonym. Man muss niemandem in die Augen sehen und betonen, dass es Schweizer Poulet ist, obwohl das Fleisch aus dem Ausland kommt. Betrug ist unsichtbar.

Wann geht es vom Graubereich in den Betrug?
Die Sicherheitsmargen in der Schweiz sind gross, wodurch Fleisch auch nach dem Ablaufdatum gesundheitlich unbedenklich ist. Es nur deswegen auf den Müll zu kippen, kann einen nachvollziehbaren Widerstand erregen. Das ist ein Graubereich, denn faktisch ist das Fleisch unbedenklich, aber juristisch ist eine Manipulation des Ablaufdatums unhaltbar und Betrug.

Fleischskandale treffen uns Konsumenten stärker als bei anderen Lebensmittel. Weshalb ist das so?
Auch hier kann ich nur Vermutungen anstellen. Fleisch ist gesundheitlich ein heikles Produkt. Das wissen viele. Altes Brot ist zwar hart, aber unbedenklich, ebenso Käse oder schrumpelige Äpfel. Fleisch beginnt jedoch schnell übel zu riechen und man befürchtet gesundheitliche Beeinträchtigungen. Zentrum eines guten Menüs darstellt. Deshalb sind wir wohl besonders sensibel.

Die Konsumenten fühlen sich betrogen und sprechen von Skandal, selbst wenn die Qualität tadellos ist?
Ja, weil wir nicht gerne angelogen werden. Gerade bei einem sensiblen Produkt wie Fleisch. Wir wollen wissen, was wir auf dem Teller haben und da muss neben der Qualität auch anderes stimmen. Etwa die Herkunft, die Tierart, ihre Behandlung, Haltung und Fütterung. Und aktuell auch die Effekte auf das Klima.

Was sollte die Fleischbranche aus ethischer Sicht tun, um solchen Skandalen vorzubeugen?
Priorität hat das Tierwohl, kurze Wege zwischen Bauer und Teller, höchste Standards bei jedem Glied der Wertschöpfungskette und möglichst transparente und umfassende Informationen. Intern kann eine gute Fehlerkultur als Teil der Unternehmenskultur helfen, Missstände schnell aufzudecken. Das muss auf höchster Ebene ein unverhandelbarer Teil der Strategie sein.

Was raten sie den Konsumenten, um beim Fleischkonsum auf Nummer sicher zu gehen?
Möglichst wenig Fleisch zu essen und wenn, dann nur aus bester Tierhaltung und auf möglichst kurze Wege zu achten. Kritisch nachfragen lohnt sich. Wer nicht beim Bauer einkaufen kann, soll beim Metzger regionales Fleisch beziehen.


Interview: Ruth Bossert



Der Agrarzyklus findet am Montag, 11. Januar und 18. Januar, um 20.00 Uhr in der Aula des Berufsbildungszentrums BBZ in Weinfelden statt.

Am 11. Januar geht Thomas Gröbly, Ethiker, der Frage nach, welche ethischen Gründe hinter den Fleischskandalen liegen könnten, und Albert Baumann, Unternehmensleiter der Micarna, schildert, was Micarna als führender Fleischverarbeitungsbetrieb der Migros für die Konsumentensicherheit tut.

Am 18. Januar erklärt Ruedi Hadorn, Direktor des Schweizer Fleisch-Fachverbandes, welche Massnahmen der Verband ergriffen hat, dass keine Skandale mehr entstehen. Klemenz Somm, Landwirt und Direktvermarkter Somm AG – Fleisch und Comestibles, Kantonsrat, schildert, welchen Stellenwert er der Vertrauensbasis zur Bauernfamilie beimisst. An beiden Veranstaltungen kann mit den Referenten diskutiert werden. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.


Auskunft: Michael Dubach
dubach@vhs-mittelthurgau.ch







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