Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
7. Dezember 2018


Fragwürdige Beiträge bei den Spezialkulturen

Ausgabe Nummer 44 (2017)

Mit der Anpassung bei den Direktzahlungen will der Bund bei den Spezialkulturen gezielt eine Trendwende bezüglich des Pflanzenschutzes und der Unkrautbekämpfung fördern. Die Folgen sind mehr Handarbeit und für die Rebbauern ein deutlich höheres Anbaurisiko.

Der Weinbau fordert bezüglich Arbeitslast und Flächenertrag grossen Einsatz. Um eine kostendeckende Traubenproduktion zu erreichen, ist ein Hektarenerlös von mindestens 25 000 bis über 40 000 Franken in Steillagen nötig. Für Betriebe mit Selbstkelterung und Selbstvermarktung liegen die Bruttoerlöse bei 50 000 bis teilweise über 100 000 Franken. Ein kostendeckendes Ertragspotenzial im Rebbau wird bereits bei der SAK-Berechnung und somit für Direktzahlungen berücksichtigt, indem für Steil- und Terrassenlagen mit über 30 % Neigung pro Hektare 1,077 SAK und für Flächen mit weniger als 30 % Neigung 0,323 SAK berechnet werden.
Nun will der Bund gezielt den Herbizid- und Fungizidverzicht oder deren Einschränkung mit zusätzlichen Direktzahlungen und neuen finanziellen Anreizen fördern. Dies erfolgt vor dem Hintergrund des Aktionsplans Pflanzenschutz. Die beschlossenen Zahlen zeigen jedoch, dass man diese Spezialkultur zuwenig kennt, oder deren wirtschaftliche Bedeutung bezüglich dem notwendigen Ertragspotenzial bei einem jährlichen Aufwand von 500 bis 1000 Handarbeitsstunden unterschätzt. Aufgrund der speziellen Besitzverhältnisse, insbesondere in Westschweizer Steillagen, kommt eine beachtliche Anzahl von Rebbewirtschaftern gar nicht in den Genuss von Direktzahlungen, und die Massnahmen werden dort verpuffen. Wer als einzige landwirtschaftliche Kultur in Steillagen über 30 % weniger als 18 Aren und unter 30 % weniger als 62 Aren bewirtschaftet, geht bei den Direktzahlungen mangels 0,2 SAK leer aus.

Experimente mit fatalen
Folgen Experimente im Pflanzenschutz können bei Spezialkulturen wie dem Rebbau rasch fatale Folgen haben und die Erträge innert weniger Tage massiv schrumpfen lassen oder gar vernichten. Die in Aussicht gestellten 300 Franken sind für den vollständigen Verzicht aller Fungizide gemäss der Liste mit besonderem Risikopotenzial, bei einem Traubenpreis von 3 bis 5 Franken pro Kilo einer Traubenmenge von 60 bis 100 kg oder 6 bis 10 Gramm je Quadratmeter oder 0,75 bis 1,2 %. Die Erfahrungen der letzten Jahre im konventionellen wie biologischen Anbau haben gezeigt, dass bereits eine geringfügige Vernachlässigung im Pflanzenschutz verheerende Auswirkungen haben kann. Pilzkrankheiten (echter und falscher Mehltau, Botritys etc.) führen zu enormen Ausfällen und können die Qualität des Traubengutes beeinträchtigen.

Unterschätzte Kosten
Weitere angekündigte Massnahmen betreffen auch den Teil- oder Totalverzicht bei den Herbiziden. In der Regel erreicht man in typischen Direktzuganlagen mit regelmässigem Mulchen zwischen den Reihen mit zwei Unterstock-Herbizideinsätze eine optimale Unkrautbekämpfung unter dem Stock. Verzichtet man auf den flächendeckenden Einsatz und beschränkt sich unter dem Stock auf einer Breite von 50 cm mit einem Blattherbizid (kein Glyphosat), wird dies mit 200 Franken abgegolten. Wird ganz auf den Herbizideinsatz verzichtet, werden neu 600 Franken zusätzlich an Direktzahlungen fliessen. Dies bedingt, dass mindestens vier- bis fünfmal zusätzlich mechanisch gemäht werden muss. Bei Reblagen ab 40 % Neigung stösst man bei nassen Verhältnissen und offenen Böden mit vollmechanisiertem Einsatz bereits an seine Grenzen.
Die Rechnung bezüglich Unkrautbekämpfung im Unterstockbereich ist schnell gemacht. Die Kosten für den doppelten Einsatz im Frühling und Sommer belaufen sich auf je 150 bis 250 Franken, sofern es sich um eine Direktzuganlage handelt. Kommt aber die Unterstockmaschine in Frage, welche je nach Wachstum 4- bis 6-mal zusätzlich eingesetzt werden muss, belaufen sich die Kosten auf 600 bis 800 Franken. Führt man diese Unkrautbekämpfung von Hand mit dem Fadenmäher aus, können bei einem Verrechnungslohn von 28 Franken sowie 5 Franken für den Fadenmäher gerade mal 18 Stunden aufgewendet werden.
Besonders in Steillagen wie dem Schiterberg oder ähnlichen Lagen, wo eine mechanische Unkrautbekämpfung unmöglich ist, scheint ein Totalverzicht von Herbiziden bezüglich dem aktuellen Markterlös wirtschaftlich kaum denkbar.

Mit den heutigen Sorten nur Wunschdenken
Wenn man darüber nachdenkt, was im aktuellen Weinbau mit Pflanzenschutz und Unkrautbekämpfung möglich ist, muss der heutige Sortenspiegel, welcher sich durch den Weinabsatz und die Kundenbedürfnisse in den Jahrzehnten entwickelt hat, infrage gestellt werden. Allein schon die acht bedeutendsten Schweizer Rebsorten beanspruchen 80 % der gesamten Anbaufläche. Dies sind alles europäische Sorten, welche auf Pflanzenschutz im konventionellen wie auch biologischen Anbau angewiesen sind. Zusammen mit weiteren europäischen Sorten liegt der Anteil wohl weit über 90 %. Wird der Pflanzenschutz vernachlässigt, können die wirtschaftlichen Folgen fatal sein. Allein schon 20 bis 40 % Verlust sind ein Vielfaches über den neuen Direktzahlungen und können die Winzer rasch einmal in wirtschaftliche Engpässe bringen, wie die Frostereignisse in diesem Jahr zeigten. Doch andererseits schätzt der Konsument die Weine aus den Hauptsorten wie Chasselas, Riesling Sylvaner, Chardonnay oder den Rotweinen mit dem Pinot Noir, Gamay oder Merlot. Ob er sich zu neuen oder ganz alten, pilzwiderstandsfähigen Sorten hinwendet, wird sich erst zeigen.
Will man sich im Rebbau nun vermehrt oder bis 2030 gar ganz auf den Biolandbau mit den entsprechenden Sorten konzentrieren, so belaufen sich die damit verbundenen Investitionen für die Neuanlagen samt Anpflanzungen auf über 10 Milliarden Franken. Ob der Konsument diesem Trend folgen wird bleibt vorerst Wunschdenken. Schlussendlich führen die herbizidlose Unkrautbekämpfung und Bodenpflege auch zu zusätzlichen Durchfahrten. Diese weiteren Bodenbelastungen können gerade in feuchten Jahren Probleme bezüglich Bodenverdichtung schaffen. Während wir versuchen, ein Problem zu lösen, schaffen wir bereits das nächste.


Roland Müller







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