Ausgabe Nummer 32 (2006)

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Freiwillig zum Landdienst?

Landdienst kann für Bauernfamilien und für junge Leute bereichernd sein


Mit gemischten Gefühlen begegneten wir uns an einem Sonntagnachmittag Mitte Juli. Die dreizehnjährige Vinciane Roduit hatte eine mehrstündige Reise vom französischsprachigen Teil des Wallis hinter und drei Wochen Landdienst in einer fremden Familie im Kanton Thurgau vor sich. Ich hatte verschiedenste Erfahrungen mit Landdienstlern hinter und viele offene Fragen vor mir. Kommt sie wirklich aus freien Stücken oder war ihr der Landdienst von ihren Eltern aufgebrummt worden? Wird sie sich in unserer Familie wohl fühlen? Ist sie «schnäderfräsig»? Wird sie das Heimweh plagen? Wie gut spricht sie überhaupt deutsch?

Doch die Bedenken waren vergeblich. Vinciane war uns auf Anhieb sympathisch und integrierte sich sehr gut in unsere Familie. Aber bald merkte ich, dass sich unser guter Vorsatz, mit ihr nur Schriftdeutsch zu sprechen, nicht durchziehen liess. Ihre Deutschkenntnisse waren hierfür ungenügend. So begann ich, ihr die Aufträge zuerst auf Deutsch und dann auf Französisch zu erteilen. Und sie musste mir wann immer möglich auf Deutsch antworten. So kamen wir ganz gut über die Runden und ich konnte erst noch meine Französischkenntnisse auffrischen. Sie machte sich immer mit grossem Elan an die Arbeit, sei es im Haushalt, im Garten oder im Stall. Und man merkte ganz gut, dass sie zu Hause auch im Haushalt, in der Kinderbetreuung und im Garten anpacken muss. Einerseits weil sie einen Blick für die Arbeit hatte, und andererseits weil sie die Sachen geschickt in die Hände nahm. Auch was die Mahlzeiten anbelangt, hätte ich mich nicht zu sorgen brauchen. Jede Köchin mag Leute bei Tisch, die Neues probieren ohne «z?mule» oder begeistert nachschöpfen. Selbst das was ich, aufgrund ihres Alters und dem fremden Sprachraum, am meisten befürchtet hatte, das Heimweh, blieb aus. Auch, als sie nach einer Woche eine leichte Sommergrippe einfing. Oft sind grad solche Momente Anlass dafür, dass Freude in Traurigkeit umschlägt.

Vinciane wird uns als selbständige, lernwillige und wissbegierige Landdienstlerin in Erinnerung bleiben. Das motivierte Mitmachen spornte uns an, ihr nebst der Arbeit auf einem Bauernhof noch anderes zu bieten. So sah sie zum ersten Mal den Rheinfall, ging ein paar Mal im Rhein und Untersee schwimmen und nahm an unserer Bundesfeier sowie unserem «Quartierfest» teil. Als krönenden Abschluss ihres Landdienstes begleiteten wir sie auf einem Teilstück ihrer langen Heimreise und besuchten das Papiliorama in Kerzers, eine Premiere für uns alle. Nicht immer klappt alles so reibungslos. In den letzten paar Jahren hatten wir aber grosses Glück mit unseren Landdienstlern. Dass Vinciane sich für drei Wochen nächsten Sommer bei uns vorangemeldet hat, ist doch der beste Beweis dafür, dass Landdienst nicht nur für die Bauernfamilien sondern auch für die jungen Leute bereichernd sein kann.

Andrea Heimberg Müller, Eidg. dipl. Bäuerin, Hörhausen


Alexandra, Olivia und Victoria Müller mit Landdienstlerin Vinciane Roduit. (ahm)
Alexandra, Olivia und Victoria Müller mit Landdienstlerin Vinciane Roduit. (ahm)