Fremdlinge auf dem Vormarsch
Ausgabe Nummer 4 (2005)
Fremdlinge auf dem Vormarsch
| Waschbär und Marderhund faunistische Newcomer |
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| Der traditionelle Januarvortrag des Thurgauischen Jagdschutzvereins und zugewandter Organisationen wie der Thurgauischen Naturforschenden Gesellschaft stand für diesmal ganz im Zeichen eines «tierischen Ausländerproblems». |
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| Dr. Paul Schmid vom Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern vermittelte einer interessierten Zuhörerschaft einen umfassenden Überblick zu den so genannten Neozoen (Neubürgern) in der Raubwildfauna der mitteleuropäischen Wildbahnen. Der Waschbär ist ein echter Amerikaner, welcher von Südkanada bis Panama vorkommt, mit Ausnahme der grossen Prärien als auch der Rocky Mountains. 1934 wurden einige wenige Exemplare am Edersee in die Freiheit entlassen. In den letzten Kriegstagen 1945 entkamen östlich von Berlin aus einer Pelztierfarm in Straussberg weitere 25 Waschbären. Erst etliche Jahre später wurden in der Schweiz die ersten Einwanderer festgestellt, so 1976 im Südranden SH und 1978 bei Burgdorf BE. Bis heute wurden in der Schweiz 93 Meldungen registriert, wovon 12 Nachweise aus dem Thurgau stammen. Der Waschbär wurde erst 1954 in seinem Haupteinstandsgebiet in Hessen als jagdbar erklärt. In der Jagdstatistik 2001/2002 in Deutschland sind rund 16 000 Waschbären aufgelistet. Die Bestandesschätzungen sind schwierig und reichen von 100 000 bis zu 1 Million. Das ursprüngliche Areal des Marderhundes, auch Enok oder Japanfuchs genannt, liegt in Ostasien und erstreckt sich vom Amur-Ussuri-Gebiet im Norden bis Korea, Japan und Nordvietnam im Süden. Zur Bereicherung der Pelztierfauna erfolgte bereits 1928 die erste Ansiedlung westlich des Urals in der Ukraine. Darüber hinaus fanden ein paar weitere tausend Marderhunde während der Kriegswirren aus russischen Pelztierfarmen den Weg in die Freiheit. Bei markierten Tieren wurden Wanderungen bis 400 km festgestellt. Im Laufe der Jahre hat er Polen, Finnland und Schweden erobert, über Mecklenburg-Vorpommern ist er nach Deutschland vorgestossen, wo er 1961 erstmals nachgewiesen wurde. In der Schweiz wurden bisher vierNachweise registriert. 1997 in Leuggern bei Leibstadt AG, 2003 zwei Meldungen aus dem Jura sowie eine Abschussmeldung von der Göscheneralp UR. In der Jagdstatistik 2001/2002 für Mecklenburg-Vorpommern sind rund 4500 Marderhunde aufgelistet. Die Strecke hat sich von 1995 bis 2001 verzehnfacht. Marderhund und Fuchs haben grundsätzlich die gleiche Parasitenfauna. Ansonsten ist bei Waschbär und Marderhund mit folgenden Krankheiten zu rechnen: Trichinen- und Spulwurmbefall, kleiner Fuchsbandwurm, Tularämie, Räude, Staupe und Tollwut. Nahrung und Lebensraum bietet die mitteleuropäische Kulturlandschaft beiden Arten zumindest bis heute im Überfluss. Die Besiedelung durch weitere opportunistische Prädatoren wird aus Sicht des allgemeinen Artenschutzes mit grossem Interesse verfolgt. Die beiden Neuzuzüger können keine ökologischen Nischen besetzen und werden mit anderen Beutegreifern wie Fuchs, Marder und Dachs um Nahrung und Lebensraum in Konkurrenz treten. Die Ausbreitung von Waschbär und Marderhund in unserem nördlichen Nachbarland ist mittlerweile zwar weit fortgeschritten, hat ihren Höhepunkt jedoch noch längst nicht erreicht. Dr. Paul Schmid brachte die Dinge auf den Punkt: Die Einwanderer sind da, auch «ohne Segen des Schweizervolkes». Waschbär und Marderhund sind im Thurgau ganzjährig jagdbar. Die Jagd- und Fischereiverwaltung ist dankbar, wenn Sichtbeobachtungen, Abschüsse und Fallwild dieser Tierarten gemeldet werden. Für die Jägerschaft besteht grundsätzliche Meldepflicht.
Steckbrief der Waschbär Die typische Gesichtsmaske (mit seiner schwarzen Augenbinde sieht er aus wie ein Bandit) und die geringelte Rute kennzeichnen ihn. Er gehört zur Familie der seltenen Kleinbären. Das lange Grannenhaar ist grau, graumeliert bis braungrau, die Gewichte gleichen dem des Fuchses (bis 10 kg). Er verfügt über ein reiches Repertoire an Lautäusserungen. In seiner Heimat ist er ein beliebtes Pelztier, dem viele Trapper nachstellen. Die Pelzmütze mit dem markanten Ringelschwanz von David Crocket ist legendär und sogar die Beatles haben ihm einen Song, Rocky Raccoon, gewidmet. Das Tier ist ein echter Überlebenskünstler, der über ein ausserordentlich gutes Orientierungs- und Erinnerungsvermögen verfügt. Die Bejagung ist schwierig, die besten Ergebnisse werden in Deutschland mit der grossen Lebendfang-Kastenfalle erzielt. Seine ausserordentliche Anpassungsfähigkeit macht es ihm möglich, in verschiedenen Lebensräumen zurechtzukommen. Neben Waldgebieten und Flussauen besiedelt er aber auch Parkanlagen und Schrebergärten in Wohngebieten. Auch Felsnischen, Steinbrüche, Lagerplätze und Mülldeponien werden regelmässig von ihm aufgesucht. Gute Deckung in der Nähe von Wasser sind ideal. Der Waschbär schwimmt und klettert sehr gut. Als Unterschlupf dienen Baumhöhlen, Scheunen und Ställe, Fuchs- und Dachsbaue, wo er den Tag verschläft. Jedes Tier hat mehrere Schlafplätze, sie werden abwechselnd besucht. Bei Anbruch der Dunkelheit wird er munter und begibt sich auf die Nahrungssuche, er ist ausgesprochen nachtaktiv. Bei schlechtem Licht wird er leicht mit dem Dachs verwechselt. Unverwechselbar ist die Spur. Bei dem Halbsohlengänger gleicht das Trittsiegel der Vorderbranten einer Hand, der Hinterlaufabdruck ähnelt einem Kinderfuss. Das ist meist auch alles, was wir von dem heimlichen Nachtschwärmer im Revier vorfinden. Es ist ein anpassungsfähiger Allesfresser: Auf seinem Speisezettel stehen Schnecken, Krebse, Insekten, Fische, Mäuse, Vögel, Eier, Beeren, Obst in jeder Form, Kastanien, Mais und sogar Getreide. Je nach Jahreszeit variiert die Kost. Der ausserordentlich feine Tastsinn in den Vorderpfoten hilft dem Tier, mit raschen suchenden Bewegungen kleine Nährtiere zu finden. Er verfügt zwar auch über eine gute Nase, aber auf seiner Jagd nach den kleinen Nährtieren benutzt er vor allem seine feinfühligen Vorderpfoten. Bei seinen Patrouillengängen entlang der Bachufer gelingt es ihm immer mal wieder, durch einen geschickten Griff ins Wasser, einen Fisch zu erbeuten. Untersuchungen haben aufgezeigt, dass das Nahrungsspektrum zirka 27 Prozent Wirbeltiere, 33 Prozent pflanzliche Kost und 40 Prozent wirbellose Tiere und Insekten umfasst, wobei im Frühling vor allem tierische, im Sommer pflanzliche und im Herbst kalorienreiche Nahrung aufgenommen wird. Wichtig für ihn ist, dass er im Herbst genügend Feist ansetzen kann, ganz ähnlich dem Dachs. Er braucht das für eine längere Winterruhe, welche in strengen Wintern mehrere Monate dauern kann, in unseren Breitengraden aber zumeist durch eine reduzierte Aktivität ersetzt wird. Das Waschen von Nahrung, aufgrund dessen das putzige Kerlchen seinen Namen bekommen hat, ist eine «Ersatzhandlung», welches das Tier nur in der Gefangenschaft zeigt. Rudolf Lang, Thurgauischer Jagdschutz-Verein |
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