Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. April 2018


Fressen Rehe den Rindern das Futter weg?

Ausgabe Nummer 47 (2014)

Sehen Landwirte Rinder und Rehe auf der gleichen Weide oder in der Nähe voneinander nach Futter suchen, ist mancher Bauer der Meinung, die Rehe seien für seine Kühe Nahrungskonkurrenten. Sie sind es nicht!

In einer langen Jägerlaufbahn erlebt man im Gespräch mit Landwirten oft, Rehe könnten als Nahrungskonkurrenten ihrer Rinder, Kühe und weiterer Nutztiere auftreten. So rechnen sie manchmal vor, wie viele Vieheinheiten sie mehr halten könnten, wenn diesen das Rehwild nicht das Futter wegfressen würde! Man kann als Jäger gefühlsmässig solchen Meinungen widersprechen, ohne dafür gleich echte Beweise nachzuliefern. Aber dann steht Aussage gegen Aussage. Und, ehrlich gesagt, gehört es auch nicht zur Grundausbildung eines Jägers, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen. Klar ist, dass Reh und Hausrind – wie natürlich auch Schafe und Ziegen – zoologisch zu den wiederkäuenden Paarhufern gehören. Das Reh zur Familie der Hirsche, das Rind zu den Horntieren. Es stimmt weiter, dass all diese Arten als reine Pflanzenfresser den gleichen, für Wiederkäuer typischen Verdauungsapparat mit vier Kammern haben. Mit Pansen und Netzmagen für das flüchtig vorgekaute Futter sowie den Blätterund Labmagen für die wiedergekaute und damit vorverdaute pflanzliche Nahrung. Somit sind Rinder und Rehe vom Verdauungsapparat her eigentlich gleich, aber doch anders. Wo liegen aber die Unterschiede? Der Gang zum Fachmann ist hier hilfreich; so leistete Prof. Dr. Marcus Clauss von der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Zürich mit Informationen, Textbausteinen und Fachliteratur wertvolle Hilfe zu diesem Beitrag. Dafür sei ihm an dieser Stelle ganz herzlich gedankt.

Wiederkäuer ist nicht Wiederkäuer
Die verschiedenen Typen von Wiederkäuern erklären sich dadurch, dass sie sich auf unterschiedliche natürliche Äsung spezialisiert haben, sich also nicht um die gleiche Nahrung «streiten», sondern sich vielmehr gegenseitig beim Verwerten des verfügbaren Pflanzenmaterials ergänzen. Dies kann man am Beispiel der beiden Arten Reh und Hausrind wie folgt erklären: Rehe gehören zu den «Laubäsern » – jägersprachlich bezeichnet man sie als Konzentratselektierer – die Rinder dagegen zu den «Grasäsern» (jägersprachlich gleich «Rauhfutterfresser »). Grasäser ernähren sich fast ausschliesslich von einkeimblättrigen Pflanzen, also allen Gräsern, während sich die Laubäser sehr wählerisch und je nach Jahreszeit verschiedene zweikeimblättrige Pflanzen aussuchen. Das heisst Laub, dünne junge Zweige sowie Knospen von Bäumen und Sträuchern und auf den Wiesen und an Wegrändern Kräuter und gewisse Kleesorten. Wenn Grasäser, also Rinder, eine Wiese beweiden, wird diese in relativ kurzer Zeit «kahlgefressen», und die Grasnarbe kann sich nur erholen, wenn man eine Rotation der Weideflächen durchführt. Oder der Landwirt lässt nur so viele Tiere auf einer Wiese weiden, dass das Gras laufend nachwachsen kann. Rehe hingegen können sich in einer noch so grossen Anzahl während langer Zeit auf einer Wiese aufhalten und sich sättigen, das Gras wächst trotzdem zur vollen Höhe weiter, weil sich diese Laubäser eben nur die ihnen zusagenden Leckerbissen heraussuchen.

Was unterscheidet Rind und Reh?
Warum aber meidet das Reh als typischer Konzentratselektierer die Gräser? Reh und Rind unterscheiden sich in der Ausprägung des Kauapparates: Die Oberfläche der Backenzähne und die schwächere Kaumuskulatur erlauben es dem Reh nicht, Gras in für die Verdauung passende Portionen zu zerkleinern, während dies für die Kuh mit der raffelartig gestalteten Kauoberfläche der Zähne und stärkeren Kaumuskulatur kein Problem ist. Einen weiteren Unterschied finden wir im Verdauungstrakt: Im kleineren Magen (Pansen) des Laubäsers Reh bauen spezielle Bakterien die selektive Nahrung recht rasch ab. Für Gras hingegen braucht es einen viel grösseren Pansen mit längeren Verdauungszeiten. Der wichtigste Unterschied zwischen Laub- und Grasäsern liegt aber in den Speicheldrüsen und zwar in erster Linie qualitativ. Während eine Milchkuh eine Riesenmenge von Speichel von bis zu 200 Liter/ Tag produziert, vor allem um die schwer verdaulichen grossen Mengen Gräser aufweichen zu können, liefern die Speicheldrüsen des Laubäsers nur wenig, dafür aber proteinreichen Speichel. Da sich diese Speicheldrüsen aber immer wieder neu aufbauen müssen, haben Rehe eben einen viel höheren Ernährungsrhythmus von bis zu zwölf Mal Wiederkauen innerhalb von 24 Stunden, während sich dieser beim Hausrind im gleichen Zeitraum auf zwei bis drei Mal beschränkt.

Rehe sind keine Konkurrenten
Um die im Titel dieses Beitrages gestellte Frage abschliessend und zusammenfassend zu beantworten, zitiere ich gerne Marcus Clauss: «Die Vorstellung, dass Rehe die Weiden von Rindern und Kühen nachhaltig in Qualität und Quantität des Futterangebotes verändern könnten, erscheint völlig unrealistisch. Auch wenn Rehe oft und in grösseren Rudeln auf Grünflächen zu sehen sind, kann man davon ausgehen, dass sie diese in ihrer Biomasse nicht wesentlich verändern, sondern sich gezielt Kräuter oder Klee herauspicken. Bezogen auf eine mittlere Kuhherde können einige Rehe von einer Weide in einem Jahr nicht so viel Material abäsen wie die Herde an einem einzigen Tag. Wenn man die verschiedenen Studien zur Nahrungsauswahl von Rindern und Rehen betrachtet, so muss man eher sagen, dass in einem Lebensraum, wo es Wiesen und Wald sowie Rehe und Rinder gibt, letztere den Rehen deren Nahrung streitig machen als umgekehrt. Bei einer Weidewirtschaft macht es deshalb keinen Sinn, die Rehe als Konkurrenten von Rindern zu betrachten». Dies umso mehr, als Rehe nicht 24 Stunden im Tag auf einer Wiese äsen, sondern sich mehrheitlich im Wald und Waldrandbereich aufhalten und dort ein sehr reichhaltiges Nahrungsangebot vorfinden.


Christian Haffter,
Jagd Thurgau




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