Ausgabe Nummer 23 (2010)
Ganz schön stark, die Zaunwinden
Vieles will dieses Frühjahr nicht gedeihen wie üblich. Nachdem doch einige (zugegeben, unsicher winterharte) Stauden nicht mehr erscheinen, liegt es nahe, die Lücken mit geheimen Favoriten auszufüllen. Nur waren da leider keine leeren Stellen, sondern schon vor Wochen sprossen die nun befreiten Winden ganz ungehemmt, einzig gebremst dadurch, dass ihnen der grüne Teil ab und zu abgerissen wurde. Bis anhin waren die Winden – mindestens in meinem geistigen Archiv – Pfl anzen, die etwa zur ersten Rosenblüte in Erscheinung treten, also nicht unbedingt «frühe» Unkräuter. Man lernt nie aus ...
Geballte Kraft
Nachschlagen in Pfl anzenbüchern und Suchen im Internet brachten Erstaunliches zutage. Bei meinen Winden handelt es sich um Zaunwinden, die blühen weiss mit wunderschönen, trichterförmigen Blüten. Bei optimalen Bedingungen kann ein Trieb innerhalb 1,5 Stunden 3 cm wachsen, immer auf der Suche nach Aufstiegsmöglichkeiten. Kurze Rechnung: Bei angenommen 12 Stunden «verwertbarem» Tageslicht sind das 24 cm täglich, 168 cm pro Woche! Geht man davon aus, dass aus einer Wurzel mehrere Triebe kommen, dann erobert sich eine Windenpfl anze innerhalb einer Woche ein Territorium von mehr als 11 Quadratmetern. Dann kommt die Bäuerin wieder einmal vorbei und entfernt, was sie sieht. Nimmt sie dazu das Häckeli, dann bricht dadurch oft die Wurzel und ermöglicht so der Pfl anze, an jeder Bruchstelle neu auszutreiben. Und wie sie das tut, da bleibt die Erde nicht lange unbedeckt!
Windenbekämpfung
Wie oben erwähnt, ist die mechanische Bodenbearbeitung (Motorfräse) eine ideale Art, die Windenwurzeln zu verteilen; kommt also in Problemgärten eher nicht in Frage. Besser wäre, die Wurzeln möglichst tief und vollständig auszugraben und zu vernichten. Zweifellos eine Knochenarbeit, doch das ständige Windenabwickeln ab jungen Rosentrieben ist auch zeitaufwändig. In Beeten mit mehrjährigen Pfl anzen kann man die abgewickelten Windentriebe in eine PET-Flasche ohne Boden stopfen und dann chemisch behandeln. In die Flaschenöffnung wird kräftig Round-up oder Banvel-M hineingespritzt. So erreicht das Mittel nur die Windenblätter, und der Rest bleibt verschont. Ein Tipp, den ich nicht ausprobiert habe, doch niemandem vorenthalten will: Da, wo die Winde aus dem Boden kommt, etwa 15 cm tief graben, möglichst alle Wurzeln ausziehen. Sich merken, wo der Trieb aus dem Boden kam; die Hauptwurzel sitzt darunter. Dann 1 Teelöffel Salz auf diese Stelle geben, wieder zugraben. Das Salz vertrocknet die Winde samt kompletter Wurzel.
Ein köstliches Heilmittel
Kräuterpfarrer Künzle stellte fest, dass man Gott danken könne, dass die Winde überall reichlich vorhanden sei. Denn dieses köstliche Heilmittel vermöge als Teekraut, grün oder gedörrt, gegen Verstopfung zu wirken und dank seinem Salizylgehalt sei es fiebersenkend und schweisstreibend. Der Tee aus den schönen weissen Blumen sei ein Supermittel gegen Lungenentzündung. Junge Windenblätter geben einen reinigenden Salat. Gerhard Leibold erwähnt zusätzlich die galleanregende Wirkung der Zaunwinde; Verdauungsbeschwerden durch mangelhafte Galleproduktion würden mit Windentee gelindert. Winden produzieren eine Menge Nektar und Pollen für Wildbienen, Bienen, Käfer, Schmetterlinge, Windenschwärmer und Spiralhornbienen, und wirklich bedienen sich viele Insekten an der einladenden «Trichterbar».
Wurzelwerk
Nun beim Nachgraben nach Windenwurzeln können die Gedanken schon mal etwas weiter schweifen; fi ngerdick können die weissen Wurzeln werden, wurde gesagt. Es gibt tatsächlich Exemplare, die ganz dicke Finger repräsentieren, und solche, die eher feingliedrigen gleich sind. Und hat man ein Wurzelende freigelegt, sollte man sich bewusst sein, dass dies kein zäher Wurzelstrang ist, sondern ein ganz brüchig’ Ding. Es lohnt sich, vorsichtig zu ziehen – manchmal erwischt man dadurch ein ganz ordentliches Stück, besonders dann, wenn die Wurzel eher als Knäuel denn als zielstrebiger Faden ausgelegt ist. Irgendwann hörte ich, dass früher Windenwurzeln gemahlen und dem Brotmehl zum Strecken beigemischt wurden. Nach langer mühseliger Arbeit waren dann einige Fliegen aufs Mal geschlagen: Der Garten war umgestochen, die gesunden Inhaltsstoffe konnten ihre Wirkung entfalten, und Brot gab’s auch reichlich. Allerdings, auf mich wirken die blassen Windenwurzeln – mal wie zusammengedrückte weisse Drähte, dann wieder mit Abzweigungen und Verästelungen – nicht sehr verlockend; ich schätze das Backmehl aus Getreide!
Ruth Merk
