Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Januar 2018


Geboren in einem Stall in Bethlehem

Ausgabe Nummer 51 (2017)

Liebe Leserinnen, liebe Leser
Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, welche Bedeutung es hat, zu welcher Zeit man wo auf dieser Erde zur Welt gekommen ist? Wenn man ab den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts in der Schweiz geboren wurde, hat man – das darf man wohl sagen – grosses Glück gehabt. Nach dem Krieg ging es wirtschaftlich gut. Politisch war und ist die Situation einigermassen stabil. Technisch wird laufend Neues entwickelt, von dem manches (nicht alles!) das Alltagsleben erleichtert. Und die medizinische Versorgung ist so gut, dass die ständig steigende Lebenserwartung sogar zum Problem wird ...
Von Jesus heisst es ausdrücklich, er sei nicht in einer privilegierten Situation zur Welt gekommen. Ein Stall war zwar nicht das Allerschlimmste, zumal früher Mensch und Tier ohnehin noch näher beisammen lebten. Doch es hätte auch fürstlicher zugehen können. Wenn man bedenkt, dass diese Geburt so wichtig war, dass bis heute die Jahre ab diesem Zeitpunkt gezählt werden! Es waren nicht die allerschlimmsten, aber auch nicht wirklich gute Startbedingungen – durchzogen, wie so vieles im Leben ist. Gott ist halt wirklich in die Welt gekommen, wie sie nun einmal ist. In vielen Städten der Schweiz und Deutschlands sind derzeit Weihnachtsmärkte im Gange. In Erfurt sind es nicht weniger als deren zwölf. Einer davon, ein eher bescheidener, wurde in einer Baulücke eingerichtet. Vor der Kulisse eines der wenigen Häuser, die noch nicht saniert sind und verwahrlost wirken, haben die Verantwortlichen jenes kleinen Weihnachtsmarkts Krippenfiguren, bescheiden in der Ausführung, jedoch in Lebensgrösse, aufgestellt (siehe Foto nebenan). Durchzogen: üppig und bescheiden gleichzeitig – irgendwie wirkt das glaubwürdiger als vieles, was anderswo perfekt inszeniert wird. Dieser kleine Weihnachtsmarkt fällt noch durch etwas Weiteres auf: Er ist nicht wie seine grossen Geschwister durch Betonpflöcke gesichert. Geschockt durch die Ereignisse in Berlin vor Jahresfrist sind sonst vielerorts grosse Betonquader installiert worden, um Amokfahrten zu verhindern. Wenn es ein Irrer auf den genannten kleinen Weihnachtsmarkt abgesehen hätte, wäre dieser nicht geschützt. – Auch das passt irgendwie zu Weihnachten und zum Stall von Bethlehem: Ungeschützt kam Jesus zur Welt, ausgeliefert der Unbill der Natur und der Willkür der Menschen. Und wozu die Willkür der Menschen fähig ist, musste Jesus rund 30 Jahre später brutal am eigenen Leib erfahren.
Der schottische Sozialreformer Robert Owen schrieb im frühen 19. Jahrhundert: «Kein Kind kann selber entscheiden, in welcher Zeitperiode oder in welchem Teil der Welt es zur Welt kommt.» Diese banale Erkenntnis hat ihn dazu bewogen, mit für damalige Verhältnisse modernen Einrichtungen dem sozialen Elend zu begegnen und die Lebensumstände, insbesondere für Familien und Kinder, zu verbessern. Wenn allein schon dieser allgemein menschliche Gedanke vieles bewegen kann, müsste eigentlich der Glaube ans Jesus-Kind, und erst recht der Glaube an den Gekreuzigten, noch viel mehr bewegen können.
Und wer weiss, wenn viele sich vom Kind in der Krippe und vom Mann am Kreuz berühren und bewegen lassen, wird da und dort Beton überflüssig. Beton an den Weihnachtsmärkten und Beton in den Köpfen.


Wilfried Bührer, Pfarrer, Frauenfeld







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