Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. April 2018


Geborgenheit und Herberge

Ausgabe Nummer 51 (2014)

Unsere Weihnachtskrippen sind meist so aufgebaut, dass die Hauptpersonen – das Kind in der Krippe mit Maria und Josef – im Zentrum stehen. Doch gibt es immer auch Statisten, Nebendarsteller und Randfiguren. Sie würden fehlen, wenn sie nicht da wären. Sie gehören dazu, unauffällig und zurückhaltend, aber auch zuverlässig und vertraut. Zum Beispiel Ochs und Esel. Sie stehen ruhig und eher im Hintergrund in vielen Krippen – und sie stehen nicht im Evangelium.
Sie tauchen erst im 8./9. Jahrhundert in einer Schrift auf, die vorgibt, vom Evangelisten Matthäus zu stammen. Dort ist zu lesen: Am dritten Tage nach der Geburt unseres Herrn Jesus Christus trat die seligste Maria aus der Höhle, ging in einen Stall hinein und legte ihren Knaben in eine Krippe, und Ochs und Esel beteten ihn an. Es erfüllte sich, was durch den Propheten Jesaja verkündet ist, der sagt: »Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.« (Jesaja Kapitel 1 Vers 3).
Die Geburt Jesu wird also mit einer Stelle aus dem Alten Testament kombiniert, in der das Wort «Krippe » ebenfalls vorkommt. Der Prophet Jesaja spricht an jener Stelle von der rechten Gotteserkenntnis. In einer regelrechten Schelte wirft er seinem Volk vor: Sogar die Viecher im Stall wissen, wer ihr Herr ist und von wem sie ihr Futter bekommen. Ihr aber kennt euren Herrn und Gott nicht. So können wir Ochs und Esel nach wie vor als Mahnung verstehen. Sie sprechen auch heute noch von der wahren Gotteserkenntnis. Sie sagen uns: Seht, hier ist euer Herr und Gott. Ihr seht zwar einen Menschen. In diesem Menschen begegnet ihr eurem Herrn. In Jesus begegnet dir Gott selber. Gott begegnet dir nicht nur als Herr – er begegnet dir als Menschenkind, als dein Bruder. Das ist die Offenbarung und Gotteserkenntnis von Weihnachten.
Ochs und Esel stehen stumm bei der Krippe. Viele weihnachtliche Erzählungen lassen sie mit ihrem Atem das Jesuskind wärmen. Diese treuen und friedfertigen Tiere geben dem armen Kind, für das es sonst keinen Platz gab, eine Ahnung von Geborgenheit und Heimat.
Viele Menschen sind auch heute unterwegs, auf der Flucht und auf der Suche nach einer Herberge. Die Frage kann sich anders auch für uns stellen: Wo bin ich zu Hause, wo gehöre ich eigentlich hin? Oder wir beziehen die Frage auf Gott: Wo ist Gott daheim? Im Festtags-Evangelium von Weihnachten hören wir: Er hat unter uns Menschen sein Zelt aufgeschlagen. Gott will beim Menschen und in seiner Schöpfung daheim sein.
So wird der Blick in die Krippe für uns zum Sinn-Bild für das Geheimnis von Weihnachten. Das Wunder der Menschwerdung Gottes, seine brüderliche Nähe zu uns sind nicht leicht erkennbar und zu verstehen. Vielleicht hilft es, wie Ochs und Esel das Kind in der Krippe zu betrachten, einfach dabei zu sein und mitzuerleben, wie Gott uns in seinem Sohn nahe kommt. Vielleicht können auch wir mit unseren bescheidenen Mitteln, mit unserer menschlichen Wärme, Gott und Menschen, die eine Heimat suchen, Geborgenheit und Herberge geben?


P. Gregor Brazerol OSB,
Fischingen










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