Ausgabe Nummer 28 (2005)
Gedanken einer Lehrmeisterin
Gastkolumne
Gedanken einer Lehrmeisterin
Schon wieder neigt sich ein Lehrjahr dem Ende zu. Die angespannte Zeit der Prüfungsvorbereitung, die Prüfungstage, die Diplomfeier sind Vergangenheit. Wie ich es auch am Ende des Kalenderjahres zu tun pflege, lasse ich im Sommer das vergangene Lehrjahr vor meinem geistigen Auge Revue passieren. Ausnahmsweise bringe ich dies heute mal zu Papier und lasse Sie an meinen Erinnerungen teilhaben.
Schon die Bewerbungsunterlagen von Gabriela fielen mir positiv auf. Durch die sorgfältige Zusammenstellung und die Liebe zum Detail hob sich ihre Bewerbung von den anderen deutlich ab. Beim Vorstellungsgespräch waren wir uns auf Anhieb sympathisch. Nach dem «Schnuppern» war für mich klar, diese junge Frau würde ich gerne anstellen. Und so kam es denn auch. Das ganze Lehrjahr verlief mehr oder weniger reibungslos. Natürlich gab es Momente, an denen ich mich ob meiner Lehrtochter nervte. Sicher gab es auch Momente, an denen sich meine Lehrtochter ob mir nervte, nur war sie so höflich, es sich nicht anmerken zu lassen. Über die Pleiten und Pannen bei der Arbeit will ich mich an dieser Stelle nicht auslassen. Viel mehr liegt mir daran, auf die Fortschritte, die meine Lehrtochter in diesem Jahr gemacht hat, hinzuweisen. Sie fing bei Null an und ist nun in der Lage, für eine ganze Familie zu kochen, deren Wäsche zu versorgen, den Haushalt zu pflegen, die Kinder auch in Krankheit zu betreuen, Vorräte anzulegen und Kunden im Hofladen zu bedienen. Wir haben unsere Lehrtochter als ausserordentlich motivierte, verantwortungsbewusste, zuverlässige, aber auch scheue junge Frau kennen gelernt.
Ich bin mir bewusst, dass es für eine junge Frau nicht einfach ist, nach der Schulzeit in eine fremde Familie und Umgebung zu wechseln. Viel Neues kommt auf sie zu. Der Platz in der Familie muss gesucht werden, die Präsenzzeit ist lang, die Hausarbeit zehrt an den Kräften, und nach Feierabend muss Frau sich noch hinter die Hausaufgaben machen. Desgleichen ist es für eine Lehrfamilie nicht einfach, jedes Jahr eine neue Person in Haus und Hof aufzunehmen und sich an deren Macken zu gewöhnen. Die Kinder haben da weniger Schwierigkeiten. Sie lassen es die Lehrtochter aber umso deutlicher spüren, ob sie ihnen passt oder nicht. Im ersten halben Jahr wird von der Lehrmeisterin viel Aufbauarbeit geleistet, von der sie im zweiten Semester hoffentlich zehren kann. Und dann, wenn die Lernziele erreicht sind, verlässt die Lehrtochter die Familie wieder. Und dann fängt die ganze Geschichte wieder von vorne an. In ein paar Wochen tritt eine neue Lehrtochter die Stelle an. Das Ziel vor Augen, machen wir uns gemeinsam auf den Weg. Wird er beschwerlich? Erreichen wir das Ziel? Gemeinsam? Auf Umwegen? Gehen wir sogar übers Ziel hinaus? Ja, diese Fragen werde ich erst in einem Jahr beantworten können. Das macht die ganze Sache spannend und letztendlich auch lohnend.
Auf diesem Weg gratulieren wir unserer Lehrtochter, Gabriela Gnehm aus Wängi, ganz herzlich zur Bestnote bei den Abschlussprüfungen und wünschen ihr in der Berufslehre ebensolchen Erfolg.
