Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Oktober 2018


Gedanken zum Artikel "Fragwürdige Beiträge bei den Spezialkulturen"

Ausgabe Nummer 45 (2017)

Roland Müller schreibt in seinem Artikel in der Ausgabe Nr. 44, dass die Massnahmen des Bundes im Rahmen des Aktionsplans Pflanzenschutz im Weinbau zu Mehrkosten, mehr Handarbeit und höherem Anbaurisiko führen werden. Das kann ich nicht nachvollziehen! Ein Umdenken muss in dieser Sache ja so oder so stattfinden. Alternativen und neue Lösungsansätze sind bekannt und werden schon umgesetzt!

Wir wissen, dass die Mühlen in Bern äusserst langsam mahlen. Das zeigt einmal mehr auch das Prozedere, wie der Bund den sogenannten Aktionsplan Pflanzenschutz umsetzt. Nun wird es langsam, mit Betonung auf langsam, ernst, was aufzeigt, dass die Schweizer Landwirtschaft wirklich nicht mehr um eine beträchtliche Reduktion der eingesetzten Pflanzenschutzmittel herumkommt.
Als grosszügiges Entgegenkommen werden vom Bund gewisse Massnahmen in der Übergangsphase finanziell abgefedert. Das ist doch fantastisch. In welcher Branche gibt es das sonst? Jeder, der im Weinbau tätig ist weiss, dass diese Spezialkultur an hiesigen Standorten arbeitsintensiv ist. Und werden zudem traditionelle Traubensorten angebaut, besteht ein zusätzliches Anbaurisiko betreffend Pilzkrankheiten.
Jeder, der sich mit der Zukunft des regionalen Weinbaus auseinandersetzt merkt, dass die Branche in der Sackgasse steckt! Stichworte wie Klimaveränderung – Wertschöpfung – Gesundheit – Nachhaltigkeit aber auch Strukturwandel beschäftigen uns schon lange ...
Und darauf gibt es Antworten. Ja, es gibt bereits Weinbaubetriebe, die vieles erfolgreich umgesetzt haben.

Arbeitsaufwand / Wertschöpfung
Alle Winzer, besonders diejenigen, die Steillagen bewirtschaften, können der Sortenfrage nicht ausweichen. Pilztolerante oder Pilzwiederstandsfähige ( PIWIS) Reben sind darauf klar die Antwort. Sie bieten genau die gesuchten Vorteile: der Arbeitsaufwand wird kleiner, die Reduktion von Pflanzenschutzmitteln ist gewährleistet, und sie verringern das Anbaurisiko massiv. Passt der Winzer zudem sein Anbausystem an, sei es durch das Aufrüsten mit Seitenhagelschutznetzen oder einem Naturschnittsystem, kann der Arbeitsaufwand zusätzlich massiv reduziert werden. Und wer sagt, dass Steillagen überhaupt rebbaulich bewirtschaftet werden müssen? Ist der Verkaufserlös der daraus gewonnen Weine zu klein, also dann, wenn der Aufkäufer nicht in der Lage ist, den Wein gewinnbringend zu verkaufen und somit der Traubenpreis die Kosten nicht deckt, dann muss der Weinberg halt stillgelegt werden .. Oder der Traubenaufkäufer erkennt, dass die momentan angebauten Sorten möglicherweise nicht zukunftsorientiert sind und wagt Schritt um Schritt mit dem Traubenproduzenten eine Neuausrichtung. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass es längstens an der Zeit wäre, den Rebbaukataster aufzuheben, um den Weinbaubetrieben die Chance zu geben, wirklich unternehmerisch handeln zu können.

Es braucht keine Experimente!
Wer in der konventionellen Bewirtschaftung die Fungizide mit Risikopotenzial nicht mehr einsetzen will, muss wirklich keine Experimente machen. Es hat genügend Alternativen. Und wer seinen Betrieb zukunftsorientiert gestaltet, der wird seine Weinberge mehr und mehr mit pilzresistenten Reben erneuern. Werden pro Jahr 4 % der Rebflächen automatisch erneuert, wären im Jahr 2030 bereits 60 % mit PIWIS bestockt – ganz ohne finanziellen Kraftakt.

Unterschätzte Kosten?
Einige unserer eigenen Weinberge werden bereits seit 20 Jahren herbizidlos bewirtschaftet. Die Reben fühlen sich dabei pudelwohl. Und dass wir nun dafür noch eine Entschädigung erhalten, zumindest bis 2020, ist doch grandios. In der aktuellen Ausgabe von Ost- und Weinbau, Nr. 22, wird im Artikel «Kosten der Baumstreifenpflege» genau auf die Kosten der herbizidlosen Bewirtschaftung eingegangen. Dabei schneidet die Variante 3 mit dem kombinierten Einsatz von Hackgerät und Bioliner am kostengünstigsten ab, vor der Herbizidvariante. Klar, auch dank den Fr. 600.–/ha vom Bund. Dass der Bund in der Übergangsphase die Bemühungen zur Umstellung auf herbizidlose Bewirtschaftung finanziell abfedert, ist äusserst kulant und nicht selbstverständlich. Zur herbizidlosen Bewirtschaftung im Weinbau möchte ich festhalten, dass wir mit maximal drei Bioliner- Durchfahrten auskommen. Denn zum Glück ist die Weinrebe als Tiefwurzler sehr tolerant bezüglich Beikraut ... Wird zudem das Bodenbearbeitungsmanagement angepasst, also nicht mehr gemulcht sondern gewalzt, und werden PIWIS angebaut, können nicht nur die Durchfahrten erheblich reduziert, sondern die Kosten ebenfalls massiv gesenkt werden. Dann geht die Rechnung auch auf, falls ab 2021 die Beiträge wieder wegfallen würden!

Nachhaltigkeit – wir stehen in der Verantwortung
Ob Hobbygärtner, Landwirt oder Winzer. Jeder, der ein Stück Land bewirtschaftet, kann aktiv zur Gesunderhaltung unserer Böden und unseres Trinkwassers sowie zur Erhaltung der Biodiversität beitragen.
Um das Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Konsument nicht noch mehr zu belasten glaube ich, dass die Reduktion der Pflanzenschutzmittel oberste Priorität hat. Dazu trägt ein Stück weit der Aktionsplan Pflanzenschutz vom Bund bei. Aber gefordert ist jeder einzelne!
Am 5. Dezember findet genau zu diesem Thema auf unserem Betrieb der zweite Praktikertag statt. Dazu möchte ich alle Interessierten einladen. Weitere Infos dazu: www.weingut-lenz.ch/Anlässe...


Roland Lenz
Bioweingut Lenz







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