Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
15. Juni 2018


Gemeinsam Zeichen setzen

Ausgabe Nummer 49 (2015)

Bauernkundgebung in Bern am 27. November 2015

Zahlreiche Thurgauer Bäuerinnen und Bauern nahmen an der Kundgebung in Bern vom 27. November teil und forderten, dass die im Bundesbeschluss festgesetzten Beträge für die Periode 2018–21 dem Zahlungsrahmen der AP 2014–17 entsprechen.

Mehr als 10 000 Bäuerinnen und Bauern aus allen Landesteilen folgten dem Aufruf des Schweizer Bauernverbands und kamen nach Bern. Erfreulicherweise verliefen sowohl der von Treicheln- und Schellengeläut begleitete Umzug durch die Altstadt als auch die Besammlung vor dem Bundesplatz friedlich und geordnet. Die grosse Gruppe von Thurgauer Bäuerinnen und Bauern mischte sich unter die übrigen Teilnehmer und hörte den diversen Reden der bäuerlichen Vertreter zu. Unter anderem erhielt auch Markus Ritter viel Zustimmung für seine Ausführungen, indem er unter anderem betonte, dass sich die Schweizer Landwirtschaft in den letzten zwei Jahren auf die neuen Anforderungen eingestellt hat. Die Betriebe wurden angepasst, Programme umgesetzt und Mehrarbeit sowie zusätzliche Kosten auf sich genommen. «Und nun müssen wir feststellen, dass die Versprechen des Bundesrates nach zwei Jahren nichts mehr wert sind. Dabei wäre die Regierung auch gemäss Verfassung und Landwirtschaftsgesetz verpflichtet, uns Bäuerinnen und Bauern ein angemessenes Einkommen zu ermöglichen. Davon ist sie weit entfernt, wie der konstant hohe Strukturwandel zeigt. Die geplanten Kürzungen, vor allem im Bereich der Direktzahlungen von gut 120 Millionen Franken pro Jahr, können wir nicht auffangen», gab Markus Ritter zu bedenken. Unter solchen Bedingungen, beziehungsweise wenn eine nächste Generation keine verlässlichen Rahmenbedingungen und Perspektiven erkenne, sei es nur erschwert möglich, die Hofnachfolge zu regeln.

Allianzen bilden und für die Anliegen einstehen
Auch Hans Frei, Christine Bühler, Hanspeter Kern, Josef Meyer, Fritz Glauser und Jacques Bourgeois gaben in ihren Reden klare Statements für eine produzierende Landwirtschaft ab. Zu Wort meldete sich auch die junge Generation. Stellvertretend für die zahlreichen Jungbäuerinnen und -bauern, die an der Kundgebung teilnahmen, ergriff das Geschwisterpaar Flavia und Marco Fankhauser aus Schüpbach im Emmental das Wort. Sie forderten klar eine Stärkung der einheimischen Landwirtschaft, um einer nächsten Generation entsprechende Perspektiven für eine langfristige Zukunft geben zu können. Zudem äusserten sie den Wunsch, in Zukunft weniger abhängig von Direktzahlungen zu sein. Dazu brauche es aber Preise, die ein existenzsicherndes Einkommen gewährleisten. Den Abschluss der Manifestation bildete um die Mittagszeit ein zweiminütiges Glockenmahngeläut, mit dem der Bundesrat an seine mehrfach geäusserten Versprechen erinnert werden sollte. Die Demonstrierenden übergaben der Bundeskanzlei zuhanden des Bundesrats nebst den Forderungen auch eine Ess- und eine Heugabel; dies als Symbol der erbrachten Leistungen, die hinter allen Lebensmitteln stehen.

Zusammenstehen wird immer wichtiger
Die nach der Kundgebung befragten Bäuerinnen und Bauern aus dem Thurgau äusserten sich pointiert zu ihren Eindrücken in Bern und erklärten, was sie persönlich zur Teilnahme bewog. Stellvertretend für Thurgauer Kundgebungsteilnehmer, von denen viele mit Ehepartner/-in teilnahmen, erklärten Doris und Hans Keller aus Schocherswil, dass Solidarität und Zusammenstehen der Bauern wichtig sei, um etwas Positives zu erreichen. «Zudem war die Kundgebung ein Erlebnis für uns. Wir sind überzeugt, wenn der Milchpreis nicht bald steigt, machen grössere Investitionen wenig Sinn. Ohne Investitionen kommt das Ende jedoch früher oder später. Wir hoffen, dass die grosse Zahl Kundgebungsteilnehmer sowohl im Volk als auch in der Regierung Eindruck hinterlässt und nachträglich Auswirkungen auf die Entscheide der Regierung hat», so Doris und Hans Keller.
Jakob Hug, Vizepräsident des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft, äussert sich bezüglich der Auswirkungen der Sparpläne des Bundes auf die Betriebe, insbesondere auf seinen Betrieb bezogen, mit den Worten: «Ich denke, dass bei den Sparübungen die Übergangsbeiträge am meisten unter Beschuss kommen. Aber auch andere Beitragsarten würden gekürzt. Unseren Betrieb in der Bergzone 1 würde es weniger stark treffen als Betriebe in der Talzone, weil der Übergangsbeitrag bei uns im Verhältnis zur Fläche geringer ausfällt.»

Mehr Fairness und Solidarität gefordert
Mit den Kulturlandschaftsbeiträgen, Abgeltung für erschwerte Bewirtschaftung, konnten für die Bergbetriebe mehr Direktzahlungen aus der alten Agrarpolitik gerettet werden. «Die Kürzung der Direktzahlungen hat auf uns mehr indirekte Auswirkungen.» Es stelle sich die Frage, wie die Landwirte im Talgebiet reagieren, wenn sich z. B. der Anbau von Zuckerrüben nicht mehr lohne. Jakob Hug hofft, dass die Kundgebung einen starken Eindruck hinterlässt: «Von den Auszubildenden bis zu den Grosseltern, alle Generationen waren vertreten und zeigten, dass sie sich auch um die Zukunft der Ernährung unserer Bevölkerung sorgen. Besonderes Augenmerk gilt den Arbeitsleistungen in der Landwirtschaft. Diese sollen mit anderen Branchen vergleichbaren Löhnen entschädigt werden.» Für Jakob Hug hängt die Zukunft einer nachhaltigen Gesellschaft sehr stark davon ab, wie wir die Versorgung mit Lebensmitteln für die ganze Bevölkerung organisieren. Liselotte Peter aus Kefikon nahm sowohl als Vorstandsmitglied des SBV wie auch Vizepräsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes an der Kundgebung teil. «Seit Jahren wird uns Bäuerinnen und Bauern gesagt, wir sollten uns marktkonform und unternehmerisch verhalten. Dabei ist der Solidaritätsgedanke völlig unter die Räder geraten. Es ist höchste Zeit, dass wir wieder gemeinsam um unseren Anteil am Kuchen kämpfen; dies bei den Direktzahlungen als auch bei den Preisen.»

Manifestation mit klaren Aussagen
Liselotte Peter ist überzeugt, dass die Landwirtschaft im Thurgau relativ wenig Möglichkeiten hat, die Direktzahlungen mit dem neuen System der AP 14-17 zu halten: «Dazu fehlen uns die steilen Lagen, aber auch die nötigen Landflächen, vor allem solche, die wenig produktiv sind. Wir auf unserem Betrieb werden deshalb sicher bei den Übergangs-, aber auch Versorgungssicherheitsbeiträgen verlieren; allenfalls auch bei der Biodiversität, weil auf unserem ertragreichen Boden die Bedingungen nicht ideal für eine Extensivierung sind.» Als Bäuerin und Landfrau sei es ihr in erster Linie wichtig, dass erkannt wird, welchen direkten Einfluss solche Sparaktionen auf das Leben der Bauernfamilien haben. Ob die Familie von der Landwirtschaft leben kann oder ob sie ausserhalb des Betriebes Einkommen generieren muss, sei von grosser Bedeutung für das Zusammenleben und -arbeiten.

«Die Botschaft kam an»
Hanspeter Kern brachte in seiner Rede zum Ausdruck was auch die Milchbauern fordern: Die Politik solle ihre Versprechen jetzt halten und die Mittel für die Landwirtschaft nicht kürzen. «Und wir Milchbauern fordern, dass Herr Bundesrat Schneider-Ammann sich für die Anliegen des ganzen Werkplatzes Schweiz, zu dem auch die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelindustrie gehören, einsetzt. Dazu brauche es das Schoggigesetz oder auch in Zukunft eine bessere Lösung.» Ruedi Schnyder, Präsident der Thurgauer Milchproduzenten, nahm an der Kundgebung teil, obwohl er grundsätzlich immer skeptisch sei, wenn der Bauernverband als Berufsorganisation selbständiger Landwirte Demonstrationen oder Ähnliches durchführe: «Wir sind keine Gewerkschaft. Trotzdem war ich mit Überzeugung dabei. Mir war an der Demo wichtig, dass sich die Botschaft nicht auf rein finanzielle Forderungen beschränkte, sondern pointiert auch auf die allgemeinen Probleme aufmerksam machte, Stichwort Erhaltung Inlandversorgung, Verlässlichkeit der Politik und soziale Auswirkungen. Diese Botschaften wurden auch von den Medien sehr gut aufgenommen». Nach seinen Befürchtungen, wenn die Sparpläne des Bundes in voller Härte umgesetzt würden befragt, meinte Ruedi Schnyder: «Die Auswirkungen aller Sparpläne schlagen sich 1:1 in der Buchhaltung nieder und zwingen einen zu reagieren, dies mit allen möglichen Konsequenzen».

Positive Bilanz
Den Verlauf der Kundgebung hat Ruedi Schnyder in allen Belangen sehr positiv erlebt. Abschliessend ziehe er sein Fazit wie folgt: «Die Bauernmanifestation müsste nun eine gute Grundlage für die Arbeit im Parlament und gegenüber der Verwaltung sein. Ich meine, über 10 000 Stimmen können nicht einfach überhört werden. Mein Respekt gilt dem Engagement und der Disziplin aller Teilnehmer, aber auch dem Auftritt der Thurgauer Teilnehmer! »


Isabelle Schwander
Bilderquelle: SW/IS

























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