Ausgabe Nummer 20 (2010)
Genetische Vielfalt bei Rinderrassen im Fokus
Internationaler Tag der biologischen Vielfalt, 22. Mai 2010
Die genetische Vielfalt bei Nutztierrassen ist rückläufi g. In einem Forschungsprojekt untersuchte die Schweizerische Hochschule für Landwirtschaft SHL Möglichkeiten, wie die Diversität bei verschiedenen Rinderrassen mittels molekulargenetischen Methoden bestimmt werden kann.
Der 22. Mai ist der internationale Tag der biologischen Vielfalt. Bei diesem Thema denken viele Leute an exotische Pfl anzen oder bedrohte Wildtiere. Dass häufi g auch gewöhnliche Haustierrassen vom Aussterben bedroht sind, ist den Wenigsten bewusst. Bedroht ist rund jede fünfte Haustierrasse, hauptsächlich weil sie unkontrolliert mit leistungsfähigeren Rassen gekreuzt werden oder weil ein Zuchtmanagement fehlt. Gerade in Entwicklungsländern, wo eine grosse Mehrheit der ländlichen Bevölkerung vom Einkommen aus der Nutztierhaltung abhängig ist, sind vielfältige, an unterschiedliche Lebensbedingungen angepasste Rassen von grosser Bedeutung. Oft fehlen unter diesen Bedingungen jedoch Informationen zur Bestimmung des Gefährdungsstatus. Das wäre aber eine wichtige Entscheidungsgrundlage, ob eine Rasse speziell geschützt werden soll oder nicht.
Hier setzt ein Projekt der SHL an. Forscherinnen und Forscher der SHL untersuchten zusammen mit Forschenden der Universität Göttingen und dem Livestock Research Institute in Kenia die Möglichkeit, mit neuen molekularen Methoden die effektive Populationsgrösse von verschiedenen Rinderrassen zu ermitteln. Seit dem Jahr 2007 ist für das Rind genomweite Markerinformation routinemässig verfügbar. Das heisst, es können basierend auf 50 000 Datenpunkten direkt auf der Erbsubstanz von Tieren Unterschiede festgestellt werden. Ziel des Projektes war es, zu untersuchen, inwiefern diese neuen Daten Informationen liefern, ob eine Rasse bedroht ist oder nicht: Kann die aktuelle genetische Vielfalt in einer Rasse unabhängig von Abstammungspapieren oder geschichtlichen Informationen eruiert werden? Im Laufe der vergangenen drei Jahren wurden zwei afrikanische Rinderrassen – N’Dama aus Guinea und Sheko aus Äthiopien, sowie die Schweizer Rasse Eringer untersucht. Bei allen drei handelt es sich um lokale Rassen mit spezifi schen Eigenschaften (zum Beispiel Resistenz gegen den Erreger der Schlafkrankheit im Falle von N’Dama), die diese Rassen im Vergleich mit globalen wie Holstein einzigartig machen.
Die Ergebnisse zeigen, dass für alle drei Rassen die genetische Vielfalt in den vergangenen 100 bis 150 Jahren massiv zurückgegangen ist. Für die Schweizer Rasse ist Abstammungsinformation verfügbar, was einen direkten Vergleich der markerbasierten Ergebnisse mit den Ergebnissen basierend auf Abstammungsinformation ermöglichte. Erstaunlich ist vor allem das Ergebnis für die Rasse N’Dama: die aktuelle, genetische Diversität scheint sehr klein zu sein, obwohl für diese Population in Guinea mehr als drei Millionen Tiere dokumentiert sind. Hier könnte die kleine Stichprobe der untersuchten Tiere zu Verzerrungen führen. Diese und weitere Ursachen werden im Moment noch untersucht. Grundsätzlich scheint die Methodik zu funktionieren. Hinsichtlich einer breiten Umsetzbarkeit im Feld sind jedoch noch weitere Fragen zu klären, zum Beispiel wie man an genügend Gewebeproben einer Rasse kommt oder ob die Kosten von aktuell rund 100 Dollar pro Tier tragbar sind. Es wird erwartet, dass das Projekt zu einem besseren Verständnis der Grundlagen der genetischen Vielfalt auf Ebene Genom und somit zu einem verbesserten Erhalt der aktuell bestehenden Rassenvielfalt beiträgt. Welches Jahr wäre dazu besser geeignet, als 2010 – das internationale Jahr der Biodiversität?
Schweizerische Hochschule für Landwirtschaft SHL, Zollikofen
