Ausgabe Nummer 22 (2004)
Getreidebauern geraten unter Druck
| Unterschiedliche Interessen prallen am Markt aufeinander | |||
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Getreidebauern geraten unter Druck
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| Der Getreidemarkt ist seit 2001 liberalisiert. Trotzdem finden die Tierhalter und auch das Bundesamt für Landwirtschaft, die Futtergetreidepreise seien immer noch zu hoch. Sinkende Futtergetreidepreise bedeuten aber auch weniger Geld fürs Brotgetreide. | |||
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| Seit 2001 ist der Getreidemarkt liberalisiert. Vorher kaufte der Bund den Bauern das Getreide noch zu einem garantierten Preis ab, heute sorgt er nur noch für den Grenzschutz. Seit mehr Markt herrscht, sind die Getreideproduzenten froh, wenn die Ernte nicht zu gross wird und die Preise nicht zu stark fallen. Bisher hatten sie Glück: Im Jahr 2002 sorgten Niederschläge zum falschen Zeitpunkt bei grossen Teilen der Ernte für schlechte Backqualität, im letzten Jahr dezimierte die Trockenheit die Erträge, sodass es in beiden Jahren keine Grossernte und keine Preiseinbrüche gab. Und dennoch war die Menge etwas zu gross. Der Schweizerische Getreideproduzentenverband (SGPV) löste das Problem, indem er jeweils einen Teil der Ernte zu Futterweizen deklassierte und die Preisdifferenz teilweise aus einem Verbandsfonds bezahlte. Gefragt sind laut dem grössten Getreidehändler Fenaco rund 400 000 Tonnen Weizen. Die rund 90 000 Hektaren, die in der Schweiz mit Brotweizen bebaut werden, liefern im Schnitt 460 000 Tonnen. Zu viel Brotgetreide, zu wenig Futtergetreide Gesucht ist dagegen Futtergetreide. Der SGPV ruft seine Mitglieder denn auch alljährlich dazu auf, weniger Brot- und mehr Futtergetreide anzubauen, nur schon den Verbandsfinanzen zuliebe. Doch es ist immer noch weit attraktiver, Brotweizen anzubauen: Für 100 Kilogramm Brotweizen der Top-Klasse erhielt der Getreidebauer im letzten Jahr 62.50 Franken, 16.50 mehr als für Futterweizen und 19.50 mehr als für Gerste. Für dieses Jahr haben die Produzenten ihre Brotgetreideflächen laut den Schätzungen der Branchenorganisation Swiss Granum von einem tieferen Niveau wieder um 3500 Hektaren auf das Niveau von 2002 ausgebaut. Die ersten Ernteschätzungen gehen von einer Brotgetreideernte von rund 475 000 Tonnen aus. Die Situation bleibt deshalb in diesem Jahr, wie sie ist: Es wird zu viel Brotweizen geben und zu wenig Futterweizen, und es wird zu teuren Deklassierungen kommen. «Die Herbstaussaat ist die letzte Chance, um das Verhältnis zu korrigieren», sagt Olivier Sonderegger vom SGPV. Das Angebot muss nun unbedingt an die Nachfrage angepasst werden. Auch die Fenaco drängt auf Korrekturen bei den Anbauflächen: Falls sich nichts ändere, müsse man in zwei Jahren auf Vertragsanbau umsteigen. Sonderegger bestätigt, dass dies durchaus eine mögliche Variante wäre, falls die Produzenten nicht selber zur Räson kommen. Vorstellungen über Richtpreise 2004 liegen weit auseinander Am Dienstag, 18. Mai 2004, trafen sich die Marktpartner innerhalb der Branchenorganisation Swiss Granum, um die Richtpreise für die diesjährige Ernte auszuhandeln. Die Produzenten möchten die Preise für Futtergetreide auf dem aktuellen Niveau behalten, die Abnehmer verlangen eine Preissenkung, vor allem die Tierhalter. Für sie bedeuten hohe Getreidepreise hohe Futterkosten. «Bei uns machen die Futterkosten die Hälfte der Produktionskosten aus», sagt Hans Ulrich Wüthrich, Sekretär der Schweizerischen Geflügelproduzenten. Dazu kommt, dass der Bund ab 2005 den Systemwechsel bei der Verteilung der Fleischzollkontingente vollzieht von der Inlandleistung zur Versteigerung. Dies setzt die Fleischproduktion zusätzlich unter Druck. Die Geflügel- und auch die Schweinefleischproduzenten möchten deshalb die Richtpreise senken, für Gerste um 2.50 auf 41 Franken und für Futterweizen um 2.50 auf 43.50 Franken. Langfristig wünschen sie eine Senkung der Futtermittelpreise um sieben bis zehn Franken auf das doppelte EU-Preisniveau. In der Fachpresse wird grobes Geschütz aufgefahren: Die Tierproduktion, die immerhin die Hälfte der landwirtschaftlichen Produktion ausmache, werde von den «Getreidebaronen» mit einem Anteil von nur fünf Prozent mit hohen Preisen daran gehindert, angesichts von sinkendem Grenzschutz wettbewerbsfähig zu bleiben, schrieb ein Geflügelverarbeiter im «Schweizer Bauer». SGPV-Präsident John Dupraz ist damit gar nicht einverstanden. Die Getreideproduzenten hätten ihre Preise in den letzten zehn Jahren bereits um 40 Prozent gesenkt, viel mehr als etwa die Schweinefleischproduzenten. Man müsse Lösungen auf allen Wertschöpfungsstufen suchen, nicht nur bei den Getreidebauern: «Wir können unsere Preise nicht einfach immer weiter senken. Sonst wird die Getreideproduktion irgendwann aufgegeben, dann haben wir Grünland von Genf bis Romanshorn. Wenn man das will ah bon! Das kann aber nicht das Ziel der Agrarpolitik sein.» Ausserdem hingen von den Getreideproduzenten immerhin 5000 Arbeitsplätze ab, gibt Dupraz zu bedenken. Von der Gegenseite tönt es, falls man die Tierproduktion wegen zu hoher Kosten aus dem Markt dränge, dann gebe es fürs Futtergetreide gar keinen Absatz mehr. Trotz der Wortgefechte und der weit auseinander liegenden Positionen: Beim SGPV ging man davon aus, dass es am 18. Mai zu einer Einigung kommen wird. «Das Schlimmste wäre gar kein Richtpreis», sagt Sonderegger. Genau dies aber passierte (siehe Kasten). Bund will Schwellenpreise senken Bei den Diskussionen um den Getreidepreis mischt auch der Bund mit. Und auch er ist darauf bedacht, die Wettbewerbsfähigkeit der Fleischbranche nicht zu gefährden. Einzelne Zölle zum Beispiel beim Schweinefleisch könnten als Ergebnis der laufenden WTO-Verhandlungen stark unter Druck kommen. Der Bund will deshalb den Importschutz beim Getreide lockern, um die Futterkosten zu senken. Konkret sollen die Schwellenpreise auf 1. Juli 2005 gesenkt werden. Der Schwellenpreis ist der Preis, der für Importgetreide bezahlt werden muss. Die Differenz zum schwankenden Weltmarktpreis fliesst als Zoll in die Bundeskasse. Wird der Schwellenpreis gesenkt, sinkt auch der inländische Futtergetreidepreis. Dies wiederum wirkt sich indirekt auf den Brotgetreidemarkt aus: Bei sinkenden Futtergetreidepreisen bauen die Bauern vermehrt Brotgetreide an, was auch dort die Preise sinken lässt. Um gesicherte Grundlagen für einen definitiven Entscheid zu erhalten, hat das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) bei der ETH Zürich eine Studie in Auftrag gegeben, deren Resultate man nun abwarten will. Aber auch beim Brotgetreide will der Bund direkt ansetzen. Er sieht vor, auf Anfang 2005 die Zollkontingente von insgesamt 70 000 Tonnen nicht mehr zu versteigern, sondern nach dem so genannten Windhund-System zu verteilen: Wer sich zuerst anmeldet, erhält das Teilkontingent. Der Wechsel erfolge vor allem auf Druck von Handel und Müllern, erklärt Jean-François Kolly vom Bundesamt für Landwirtschaft. Diese beklagten, die Versteigerung würde das Produkt verteuern. Tatsächlich boten die Importeure für die Kontingente Anfang Jahr Rekordpreise von über 5 Franken. Nach dem Start in die neue Marktordnung lag der Preis bei rund 50 Rappen. Auch hier ist noch nichts definitiv, der Bundesrat wird im Juli oder August darüber entscheiden. Roland Wyss-Aerni (LID) |
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