Ausgabe Nummer 32 (2007)
Gründung von Tilsit im Thurgau
Tilsiter hat eine neue Heimat
Am Nationalfeiertag fand die Gründung von Tilsit auf dem Holzhof in Bissegg genau dort statt, wo 1893 der erste Schweizer Tilsiter entstand.In der ostpreussischen Stadt Tilsit (heute Sowjetsk, Russland) lernte der Landwirt und Käser Otto Wartmann den Tilsiter kennen. Nach seiner Rückkehr stellte er 1893 in seinem Betrieb, dem Holzhof in Bissegg TG, den ersten Tilsiter her ? eine Schweizer Premiere.
Tilsit verschwindet und entsteht neu
Wie der Schauspieler Kurt Schwarz erzählte, wurde Tilsit im 2. Weltkrieg von russischen Truppen erobert und zerstört. 1946 erhielt die Stadt den Namen Sowjetsk. Ein grosser Teil der Bevölkerung floh ins westliche Deutschland. Damit verschwand nicht nur der Name Tilsit von der Landkarte, sondern auch die Identität einer deutschen Käsemetropole, die noch im 19. Jahrhundert viele Schweizer Auswanderer, vorab Melker und Käser, angezogen hatte. Anlässlich eines 1.-August- Bauernbrunches, an dem sich rund 1500 Personen beteiligten, wurde Tilsit neu gegründet, genau dort, wo Otto Wartmann den ersten Schweizer Tilsiter herstellte. Bereits in der fünften Generation wird hier die Tradition des Tilsiterkäsens gepflegt. Auch der heutige Besitzer, ein Urneffe des «Tilsiter-Apostels», heisst Otto Wartmann. Gemeinsam mit der Sortenorganisation Tilsiter Switzerland GmbH und der Standortgemeinde Amlikon-Bissegg will Otto Wartmann dem Tilsiter eine neue Heimat geben.
1500 Gäste aus drei Ländern
Nach einem musikalischen Auftakt mit der Hobbymusik Märstetten und dem Jodeldoppelquartett Sirnach begrüsste Karl Fürer, Präsident der Sortenorganisation Tilsiter Switzerland GmbH, die rund 1500 Gäste aus Deutschland, Russland und der Schweiz. «Das Herz des Tilsiters und damit seine Heimat sind hier auf dem Holzhof, dem Landwirtschafts- und Käsereibetrieb von Otto und Claudia Wartmann », stellte Nationalrat Hansjörg Walter, Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes, in seiner Festansprache fest. Schliesslich sei es Urgrossvater Otto Wartmann gewesen, der 1893 das Urrezept des Tilsiters aus dem Norden in die Schweiz brachte und es zu einem edlen Qualitätsprodukt verfeinerte. «Im Tilsiter steckt mehr als 114 Jahre Herzblut», betonte Walter.
Überraschend positives Echo
Hinter der Gründung von Tilsit stehe die Absicht, diesen Namen langfristig als geografischen Begriff zu etablieren, erklärte Fürer. Bevor sich die Sortenorganisation Tilsiter Switzerland GmbH mit der Familie Otto und Claudia Wartmann dazu entschloss, wurden sorgfältige Abklärungen getroffen. Sowohl die Standortgemeinde Amlikon-Bissegg als auch die Vertriebenenverbände aus Deutschland und Russland zeigten sich von dieser Idee begeistert und wohnten der Gründung bei. Eindrücklich war die Rede des 91-jährigen Kurt Streit, der mit seiner Familie eine Käserei in Tilsit betrieb und im 2. Weltkrieg in die Heimat fliehen musste.
Tilsit ? die Ortstafeln sind gesetzt
Zum Ostpreussen- und Thurgauerlied wurde die Tilsit-Ortstafel enthüllt. Anschliessend unterschrieben zehn Persönlichkeiten das Gründungsdokument. Mit dabei waren Otto Wartmann (Urneffe von Otto Wartmann), Othmar Schmid, Gemeindeammann von Amlikon-Bissegg; Nationalrat Hansjörg Walter und Nationalrätin Brigitte Häberli sowie die Thurgauer Ständeräte Philipp Stähelin und Hermann Bürgi. Horst Mertineit, Vorsitzender der Stadtgemeinschaft Tilsit e.V. mit Sitz in Kiel, überbrachte als Gastgeschenk den Bronzenen Elch (Symbol von Ostpreussen/Tilsit) und eine Tilsit-Fahne. Im Anschluss an die Unterzeichnung der Gründungsurkunde wurden die Tilsit- Strassentafeln gesetzt. Sie erinnern daran, dass hier der erste Schweizer Tilsiter hergestellt wurde ? und drücken gleichzeitig die Hoffnung aus, dass Tilsit vielleicht einmal in ferner Zukunft zu einer offiziellen Ortsbezeichnung wird.
Mario Tosato

Jakow Rosenbaum, Horst Mertineit und Otto Wartmann (von links nach rechts) enthüllen die Strassentafel. (tos)
