Ausgabe Nummer 22 (2003)

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Handeln, bevor es andere tun

DV des Thurgauer Bauernverbandes in Sulgen
 
Handeln, bevor es andere tun
 
Grossandrang herrschte an der Delegiertenversammlung des Thurgauer Bauernverbandes (TBV) am vorletzten Donnerstag im Auholz-Saal in Sulgen. Die mehr als 200 Delegierten verabschiedeten Jahresbericht und -rechnung und stimmten einer Erhöhung des Mitgliederbeitrags zu. In seinem Referat ging TBV-Präsident Andreas Binswanger auf die aktuelle wirtschaftliche und agrarpolitische Entwicklung ein. Alt Regierungsrat Hermann Lei wurde zum Ehrenmitglied ernannt.
 
 
Visionen entwickeln und handeln: TBV-Präsident Andreas Binswanger und Geschäftsführerin Hermine Hascher an der Delegiertenversammlung 2003 in Sulgen. Alt Regierungsrat Hermann Lei aus Weinfelden wurde für seine Verdienste für die Thurgauer Landwirtschaft zum Ehrenmitglied des Thurgauer Bauernverbandes ernannt.
 
Bis auf den letzten Platz war der Sulgner Auholz-Saal am vorletzten Donnerstag besetzt, als Präsident Andreas Binswanger die diesjährige Delegiertenversammlung des Thurgauer Bauernverbandes eröffnete. 223 Delegierte und einige Dutzend Gäste aus Politik und Wirtschaft, unter ihnen viele Bundesparlamentarier, verfolgten die ordentlichen Geschäfte, Diskussionen und Referate der Dachorganisation der Thurgauer Bauernfamilien. Regierungsrat Kaspar Schläpfer, als neuer Thurgauer «Landwirtschaftsminister», unterstrich in seinen Grussworten die Bedeutung der Land- und Ernährungswirtschaft für den Kanton. Der Regierungsrat versuche die Bauernfamilien in der derzeit schwierigen Situation zu unterstützen, zu stärken und zu begleiten. Es freue ihn zu wissen, dass es im Thurgau trotz unsicherer Zukunft weiterhin viele zufriedene Bauernfamilien gebe.

Visionen entwickeln
In seinem Referat mit dem Titel «Die Landwirtschaft aus Sicht des Präsidenten» stellte TBV-Präsident Andreas Binswanger das landwirtschaftliche Einkommen ins Zentrum. Dieses werde durch viele Faktoren sowohl positiv und als auch negativ beeinflusst. Als Grundfaktoren nannte Binswanger die Betriebsstruktur und die Leistungsbereitschaft der Bauernfamilien. Um die in der jetzigen Zeit notwendigen Visionen zu entwickeln, müsse sich die Familie daher fragen, wo sie stehe, wo sie hin wolle und wie sie dorthin gelangen wolle. "Eine wesentliche Rolle spielt die Motivation. Wenn Sie einmal bestimmt haben, wohin die Reise gehen soll, dann kommt die Motivation von alleine", sagte Binswanger.
Betriebsstruktur und Familie sind aber nicht die einzigen Grössen, die das Einkommen auf dem Betrieb beeinflussen. Der TBV-Präsident nannte in der Folge den Markt, die Nebenerwerbsmöglichkeiten, die Agrarpolitik 2007, den Grenzschutz und die weiteren gesetzlichen
Rahmenbedingungen als wesentliche Einflussgrössen auf die wirtschaftliche Situation auf den Höfen.
"Die Würfel sind gefallen", meinte Binswanger zur Agrarpolitik 2007. Mit Genugtuung habe er zur Kenntnis nehmen können, dass der Nationalrat sich zum multifunktionalen Leistungsauftrag der Landwirtschaft bekannt habe und den Rahmenkredit "praktisch in seiner bisherigen Grösse" genehmigt habe. Bezüglich der Aufhebung der Milchkontingentierung im Jahr 2009 appellierte Binswanger an den Schweizerischen Bauernverband und die Schweizer Milchproduzenten, nicht abzuwarten, bis der Bundesrat im Jahr 2006 bekannt gibt, wie er den Ausstieg gestalten will. "Ihr müsst dem Bundesrat rechtzeitig ausgereifte Vorschläge unterbreiten. Er kann sie dann ja immer noch als seine eigenen verkaufen", riet Binswanger den Dachorganisationen.

Vorsicht vor WTO
Beim Thema Grenzschutz machte Binswanger auf die inzwischen ins Stocken geratenen WTO-Agrarverhandlungen aufmerksam. Die Länder der Cairns-Gruppe versuchten weiterhin, die Zölle um bis zu zwei Drittel zu senken. Dem gelte es Gegensteuer zu bieten. "Der nachhaltigen Produktion von gesunden und ökologisch produzierten Nahrungsmitteln muss innerhalb der WTO eine ganz zentrale Bedeutung zukommen. Hier haben wir einige Verbündete in Europa und Asien, und es gibt für unsere Vertreter bei den WTO-Verhandlungen viel zu tun." Binswanger warnte vor einer weiteren Extensivierung der Schweizer Landwirtschaft unter dem Druck der WTO-Liberalisierung: "Es ist bedenklich und fährlässig, wenn sich ein Volk nicht mehr selber ernähren will oder ernähren kann."
"Niemand darf darauf warten oder vertrauen, dass ein anderer handelt und schon zum Rechten schauen wird", schloss Binswanger aus seinen Betrachtungen. "Schauen wir vorwärts und machen uns Gedanken über das, was wir beeinflussen können, oder vielleicht auch beeinflussen könnten, wenn wir nur wollten", appellierte er an die Thurgauer Bauernfamilien.

Beiträge leicht erhöht
Jahresbericht und Jahresrechnung passierten die Delegiertenversammlung ohne Diskussionen, ebenso die Erhöhung der Flächenbeiträge um 60 Rappen (Talbetriebe neu 8.60 Franken/ha) respektive 50 Rappen (Hügel- und Bergbetriebe neu 6.50 Franken/ha) pro Hektare. Urs Schneider als Stellvertretender Direktor des Schweizerischen Bauernverbandes (SBV), erklärte den Delegierten die Hintergründe des Aufschlages. Mitte der 90er-Jahre beschloss der SBV eine Verlagerung von den produkt- zu den flächengebundenen Beiträgen. Mittlerweile machen die Flächenbeiträge 60 Prozent der SBV-Mitgliederbeiträge aus, während die Produktbeiträge noch 40 Prozent betragen. Als Folge dieser Umlagerung wurden die Produktbeiträge in den vergangenen Jahren teilweise massiv reduziert, und dem SBV sind dadurch Mindererträge von mehr als 750 000 Franken entstanden. Gleichzeitig hat der SBV seit Ende der 1990er-Jahre verschiedene Aufgaben zusätzlich übernommen, beispielsweise im Marktbereich. Um die Ausfälle bei den Einnahmen zu kompensieren, haben die SBV-Delegierten letzten Herbst beschlossen, die Flächenbeiträge aufzustocken. Dies zieht nun nach sich, dass die Bauernverbände der Kantone ihrerseits die Ansätze erhöhen. Wie bisher alle Kantone sind auch die Thurgauer Delegierten dieser Argumentation gefolgt.

Hermann Lei Ehrenmitglied
"Wenn ein Verantwortungsträger über etwas stolpert und daraus die Konsequenzen zieht, gehen darob oft die guten Leistungen dieser Person in anderen Bereichen verloren." So leitete Andreas Binswanger die Ernennung von alt Regierungsrat Hermann Lei zum Ehrenmitglied des Thurgauer Bauernverbandes ein. Binswanger rief dabei die Verdienste des ehemaligen Thurgauer Volkswirtschaftsdirektors für die Landwirtschaft im Kanton in Erinnerung, insbesondere sein Engagement zur Förderung des Absatzes von Thurgauer Produkten. Sichtlich erfreut nahm Hermann Lei den Thurgauer Geschenkharrass als frischgebackenes Ehrenmitglied entgegen. (hil)
 
Informationen
Geschäftsführerin Hermine Hascher informierte Delegierte und Gäste über aktuelle Themen und Neues aus der Geschäftsleitung. So sei noch in diesem Sommer eine Vernehmlassung zu den Verordnungen der AP 2007 zu erwarten. Sie wies auch auf die Informationsveranstaltung am 6. Juni zum Thema «Soziale Absicherung der Ehepartner in der Landwirtschaft» hin (siehe Agenda) und auf das Engagement der landwirtschaftlichen Organisationen am 200-Jahr-Jubiläumsfest und an der Bauernarena vom 22. bis 24. August in Frauenfeld. Weiter machte sie auf die Ende letzter Woche aufgeschaltete Website www.tgbv.ch aufmerksam. (hil)
 
Agrarplattform
Unter "Verschiedenem" wurde gefragt, was denn eigentlich diese Agrarplattform gebracht habe. Hansjörg Walter, Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes, meinte dazu, dass nun die Vollkostenrechnungen der Marktpartner offen gelegt und gegenseitig anerkannt seien. Die Aussage der Detaillisten, dass sie an Landwirtschaftsprodukten "nichts" verdienen, relativierte Walter allerdings. Denn in die Rechnungen der Detaillisten seien Positionen wie Anteil Kaderlöhne, Abschreibungen, unternehmerisches Risiko und weitere mehr voll eingeflossen. Für den SBV sei klar, dass in Zukunft bei möglichst vielen Produkten die Kosten klar und deutlich deklariert werden. "Unser Ziel muss sein, ein Drittel des Konsumentenfrankens zu erwirtschaften. Heute liegen wir bei 23 bis 24 Prozent." (hil)
 
Dernière der Apple Dancer
Sie waren die Stars am Thurgauer Auftritt an der Expo.02 in Murten: Die Apple Dancer aus Märwil. An der Delegiertenversammlung des Thurgauer Bauernverbandes zeigten die Tänzerinnen rund um Ex-Apfelkönigin Fabienne Hofer ihre Show zum letzten und zum allerletzten Mal. Die originelle Tanzdarbietung, unter anderem zur Musik des Mostinders Anoop Singh, stiess beim Publikum auf Begeisterung. Hansjörg Walter kam die Ehre zu, die Tänzerinnen mit einer Rose gebührend zu verabschieden. (hil)
 
Die Apple Dancer aus Märwil gaben an der TBV-DV ihre Abschiedsvorstellung.
 
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