Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
26. Juni 2020


Hansjörg Walter: Ein Leben im Dienste der Landwirtschaft

Ausgabe Nummer 1 (2018)

Was immer er im Leben gemacht hat, ob als Gemeinde-, Kantons- und Nationalrat oder als Präsident des Schweizer Bauernverbandes: Immer stand die Landwirtschaft im Vordergrund. Und hätte er bei den entscheidenden Wahlen eine Stimme mehr erhalten, wäre er sogar Bundesrat geworden.

Hansjörg Walter ist mit einem Bruder und einer Schwester auf dem elterlichen «Greuthof» in Wängi aufgewachsen. In Absprache mit seinen Eltern und seinem Bruder übernahm er mit seiner Frau Madeleine 1985 den Hof. Er absolvierte eine kaufmännische Weiterbildung bei der landwirtschaftlichen Buchstelle Nebiker AG in Sissach und war auch als Sachbearbeiter bei der Agro-Buchhaltungen Lerch AG, Itingen, tätig. Dort beschäftigte er sich mit landwirtschaftlichen Buchhaltungen, Abschlüssen und Steuerverhandlungen. Nach der Rückkehr auf den elterlichen Betrieb führte er mit seinem Vater während vier Jahren eine Betriebsgemeinschaft. Er betreute in dieser Zeit auch Güterzusammenlegungen, Schatzungen, Auflösungen von Betriebsgemeinschaften, Betriebsübergaben und anderes mehr. Zurzeit wird der «Greuthof» mit durchschnittlich 38 Braunviehkühen von Hansjörg Walter und seiner Frau Madeleine geführt. Das Jungvieh wird nicht auf dem eigenen Hof gehalten, und wenn nötig, weiteres dazu gekauft. Ausserdem betreiben Walters auch intensiven Ackerbau.

Präsident des Thurgauer Bauernverbandes
Lachend meinte Hansjörg Walter: «Dann wurde ich von der Politik entdeckt». Er sei durch seinen Vater, welcher kantonale Mandate und solche in der Gemeinde Wängi inne hatte, in die Politik geraten. Mit 35 Jahren kam Hansjörg Walter in die Schulbehörde, wo er auch als Schulpräsident tätig war. 1986 wurde er zum Präsidenten der SVP Bezirk Münchwilen gewählt. «Das führte dazu, dass ich mich vermehrt mit der Politik befassen musste», sagte Hansjörg Walter. 1992 wurde er in den Grossen Rat des Kantons Thurgau gewählt. Ab 1995 bis 2002 gehörte Hansjörg Walter dem Gemeinderat Wängi als Vizegemeindeammann an. Parallel dazu wurde er in den Vorstand des Thurgauer Bauernverbandes gewählt, den er von 1993 bis 2001 präsidierte. «In dieser Zeit wurden das ganze Versicherungswesen und die Krankenkasse in der Landwirtschaft aufgebaut, und im Grossen Rat wurde über die Jagd gestritten», erinnert sich Hansjörg Walter. Auch beschäftigte sich der Rat mit Raumplanung, Gewässerschutz und ÖLN-Fragen. Auch wurde damals der Maschinenring Thurgau gegründet. Hansjörg Walter war auch bei der Zusammenlegung der Zuckerfabriken Aarberg und Frauenfeld aktiv tätig. Dabei erreichte man, dass Geschäftssitz und Steuerdomizil der Zuckerfabrik in Frauenfeld blieben.

Enge Zusammenarbeit mit Urs Schneider
Nachdem der damalige Bauernsekretär Roland Eberle in den Regierungsrat gewählt wurde, musste ein neuer Bauernsekretär für den damaligen Thurgauer Bauernverband gesucht werden, welcher in der Person von Urs Scheider gefunden wurde. Bereits zu jener Zeit nahmen Hansjörg Walter und Urs Schneider beim Aufbau von Agro-Marketing Schweiz starken Einfluss. Gerne erinnert sich Walter auch an die Auftritte an der internationalen grünen Woche in Berlin, wo der Thurgauer Bauernverband als Gastkanton eingeladen war sowie an die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit Urs Schneider.
Als Höhepunkte seiner Arbeit beim Schweizer Bauernverband nennt Hansjörg Walter die Reformen in der Agrarpolitik 2007, 2011, das Bearbeiten von Vernehmlassungen und das Aufbauen des Lobbyings in den kantonalen Bauernverbänden. «Ich hatte eine gute Zusammenarbeit mit den Bundesräten Pascal Couchepin, Joseph Deiss, Doris Leuthard und Johann Schneider-Ammann». Zu seinen Erfolgen zählt er auch die Grosskundgebung des Schweizer Bauernverbandes in Bern, welche durch Urs Schneider organisiert wurde und ohne Sachbeschädigungen und Krawalle über die Bühne ging. Zu jener Zeit wurde auch die Aktion «Gut gibts die Schweizer Bauern» lanciert. Der ehemalige Bauernpräsident freut sich, dass die Schweizer Landwirtschaft von einem sehr grossen Teil der Schweizer Bevölkerung getragen wird, was sich in Umfragen und Volksabstimmungen immer wieder eindrücklich zeigt. Zu weiteren Meilensteinen zählt Hansjörg Walter ausserdem die Verbesserung der Zusammenarbeit mit Grossverteilern wie Migros, Coop, Aldi und Lidl.

Die eigene Stimme fehlte
Beim Rückblick auf die politische Karriere kam auch die Bundesratswahl zur Sprache, bei welcher ihm eine einzige Stimme fehlte. Obwohl Hansjörg Walter in einem Votum verlangte, ihn nicht als Bundesrat zu wählen, erzielte er im ersten Wahlgang 109 Stimmen. Wenn er im zweiten Wahlgang seinen eigenen Namen auf den Wahlzettel geschrieben hätte, wäre das absolute Mehr von 122 erreicht und Walter zum Bundesrat gewählt worden. Im zweiten Wahlgang bekam Ueli Maurer 119 Stimmen. «Ich habe dieses Amt nie gesucht und bin daher nicht enttäuscht, dass ich nicht gewählt wurde», so Hansjörg Walter. National sei der Bekanntheitsgrad noch mehr gestiegen, was auch für den Bauernverband positiv war.

Interessantes Präsidialjahr
Als weiteren Höhepunkt seiner politischen Karriere nennt Hansjörg Walter die Wahl zum Nationalratspräsidenten, wo er mit 185 Stimmen das bis dahin beste Resultat erzielte. Hansjörg Walter erinnert sich gern an Persönlichkeiten die er getroffen hat. «Ich habe in dieser Zeit beispielsweise Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages, der mich auf unserem Bauernhof in Wängi besuchte, kennen gelernt. Auch die Wahlfeier zum Nationalratspräsidenten in Frauenfeld und an seinem Wohnort in Wängi ist ein bleibendes Erlebnis. Walter hatte sehr viele Auftritte in der Schweiz. «International traf ich mich mit Mitgliedern von Regierungen und Parlamenten der arabischen Emirate, Serbien, Slowenien Polen und Ungarn». Er folgte mit seiner Frau auch einer Einladung des kanadischen Parlaments, wo ihn ausgewanderte Bauern mit einem Event überraschten. Eindrücklich waren auch der Besuch beim österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer und Martin Schulz, ehemaliger Präsident des Europäischen Parlamentes in Strassburg sowie der Auftritt am Schweizer Nationen Tag an der Weltausstellung in Südkorea.

Grenzschutz muss erhalten bleiben
Hansjörg Walter richtet seinen Blick auf die schweizerische Agrarpolitik der Zukunft. «Es ist wichtig, dass der Grenzschutz für die schweizerische Landwirtschaft erhalten bleibt», ist er überzeugt. Bei einem allfälligen Wegfall würde die Landwirtschaft einen grossen Preiszerfall erleben. Wichtig sei auch, dass die Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse auch in Zukunft ohne noch mehr staatliche Abhängigkeit eine Chance hat.


Mario Tosato






















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