Ausgabe Nummer 46 (2005)

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Hat die Geflügelmast den Zenith erreicht?

Tierhaltung aktuell: Geflügelmarkt

Hat die Geflügelmast den Zenith erreicht?

Das Geflügelfleisch ist beim Konsumenten das drittbeliebteste Fleisch, mit steigender Tendenz. Vor ein paar Jahren waren neue Geflügelproduzenten gesucht. Allerdings drückt zurzeit die Vogelgrippe auf den Konsum. Heute muss sich der Geflügelproduzent gut informieren, ob sich der Einstieg oder auch die Ausweitung dieses Produktionszweiges wirklich lohnt. Nebst aktuell der Vogelgrippe stehen auch die Preisentwicklungen, die Agrarpolitik 2011 und die WTO-Verhandlungen im Raum.

Mit einem Gesamtverbrauch an Geflügelfleisch von knapp 76 000 t im Jahre 2003 wurde ein Höchststand erreicht. Dies entspricht einem Verbrauch pro Kopf von gut 10 kg. Der Inlandanteil betrug dabei 43 Prozent. 2004 sank der Gesamtverbrauch um 1000 t, jedoch stieg der Inlandanteil auf 46 Prozent. Dieser wird 2005 voraussichtlich über 50 Prozent liegen.
Allerdings stagniert zurzeit der Konsum von Geflügelfleisch wieder. Dies macht sich vor allem beim Import bemerkbar. Die Hauptursache liegt dabei in der Unsicherheit mit der Vogelgrippe. Es besteht jedoch noch ein weiterer Grund: Nach dem BSE-Crash erhöhte sich der Geflügelfleischkonsum. Da der Konsument wieder mal Lust auf ein Beef-Steak hat, stagniert im Moment der Markt. Die Konsumenten suchen etwas Abwechslung zum Geflügelfleisch.
Ich unterhielt mich mit Claus Ullmann, Eschenz, der sich im Verwaltungsrat der Proviande, im Vorstand Thurgauer Bauernverband und selber als Trutenmäster aktiv mit dem Geflügelmarkt auseinander setzt.

Ist eine Ausdehnung der Produktion im Geflügelsektor möglich?
Claus Ullmann: Viele Landwirte sehen sich nebst der Milch-, Rindfleisch- und Schweinefleischproduktion nach Alternativen um: dabei beschäftigen sich einige mit dem Einstieg in oder der Ausweitung der Poulet- oder Trutenmast. Es stellt sich die Frage, ob neue Ställe heute noch gesucht sind. Die weitere Marktentwicklung hängt stark vom Preisniveau ab. Zurzeit ist kaum oder gar keine Ausdehnung der Produktion mehr möglich, da sie in den letzten Jahren stark ausgedehnt wurde. Aus diesem Grund werden zurzeit kaum noch neue Geflügelmastställe gebaut werden können. Das Schweizer Geflügelfleisch müsste weitaus das billigste Fleisch sein, damit der Konsum steigt und die Produktion weiter ausgedehnt werden könnte. Wenn wir Importfleisch verdrängen könnten, so bestünden bei einem Inlandmarkt-anteil von 50 Prozent anderseits auch noch Produktionsaussichten.

Bei den Produktionskosten ist vor allem die Preisentwicklung beim Geflügelfutter massgebend. Was ist dort zu erwarten?
Claus Ullmann: Der Hauptfaktor ist dabei der Futtermittelpreis, der mit ca. 60 Prozent der Hauptkostenfaktor in der Geflügelmast ist. Vor allem beim Eiweissträger Soja müsste der Schwellenpreis massiv gesenkt werden, so könnte der Futtergetreidepreis gestützt werden. Eine Frage stellt sich: Warum muss der Staat den Eiweiss-träger Soja künstlich erhöhen, Zölle abschöpfen und so den Fleischpreis in die Höhe treiben? Denn, Soja kann in der Schweiz nicht oder kaum angebaut werden.

Welche Preise sind im Geflügelmarkt zu erwarten?
Claus Ullmann: Generell darf der Preis-unterschied zwischen der Schweizer Inlandproduktion und den Importen nicht zu gross sein. Im Gegenteil, er muss möglichst verkleinert werden können. Zudem darf das Schweizer Geflügel keinen Imageschaden erleiden, sonst schwenkt der private Konsum auf die billigen Importe um. Die in der AP 2007 beschlossene Abkehr von der Inlandleistung hat teureres Schweizer Geflügel verursacht. In Zukunft sind aber sinkende Preise zu erwarten.

Welchen Einfluss hat die Agrarpolitik 2011?
Claus Ullmann: Bei der AP 2011 wird die Schwellenpreisdiskussion entscheidend sein. Andere Faktoren sind dabei weniger ausschlaggebend. Hingegen könnte eine Positivdeklaration auf Lebensmittel für die Geflügelmäster Marktvorteile bringen, da sie unter wesentlich strengeren ökologischen und ethologischen Rahmenbedingungen als die Importe produzieren. Zudem wird in der Vernehmlassungsunterlage der AP 2011 vorgeschlagen, dass die BTS-Beiträge in der Pouletmast von Fr. 180.–/GVE denjenigen in der Legehennenhaltung von Fr. 280.–/GVE angeglichen werden sollen. Voraussetzung für diese Erhöhung bilden die Anpassungen der Geflügelmäster im Bereich des Tierwohls durch die Einführung von artgerechten Sitzgelegenheiten. Die notwendigen Mittel sollen aus der Umlagerung von Marktstützungsmitteln im Geflügelbereich stammen (Anpassung Direktzahlungsverordnung auf den 1. Januar 2008).

Welchen Einfluss haben die WTO-Verhandlungen?
Claus Ullmann: Bei der WTO steht – ebenfalls im Zusammenhang mit der Schwellenpreisdiskussion – die Diskussion um die Fleischimporte im Zentrum. Werden die Zollkontingente erhöht, oder kommt der Einheitszollansatz? Zurzeit erleben wir in der Schweiz bereits zwei Geflügelmärkte: a) Schweizer Geflügelfleisch, beeinflusst durch Geflügelfleischkonsum von privaten Haushalten und speziellen Restaurants, sowie b) Importfleisch für Fertigprodukte, Kantinen und Restaurants.

Wie sieht die Entwicklung im Tierschutzbereich aus?
Claus Ullmann: Nebst dem Preis und den Produktionskosten spielen für bestehende wie auch bei neuen Produzenten neue Vorschriften oder eine Verschärfung des Tierschutzes eine immer grössere Rolle. Hier können die Geflügelproduzenten aufatmen: im Bereich des Tierschutzes sind keine neuen Vorschriften zu erwarten, da diese schon heute ein sehr hohes Level erreicht haben. Nur im BTS-Bereich sind mit den Änderungen der AP 2011 beim Mastgeflügel artgerechte Sitzgelegenheiten notwendig. All diese hohen Anforderungen gehen in Ordnung, solange dies im Markt auch finanziell verkauft und vermarktet werden kann.

Ist Bio eine Alternative?
Claus Ullmann: Schweizer Geflügelfleisch ist ein Label, es wird aber als «Markenfleisch» in den Verkauf gebracht, wie zum Beispiel «Frifag-Geflügelfleisch», «SEG-Poulet» oder «mère josephine» von Optigal. Allerdings, die Produktion von Geflügelfleisch nach den biologischen Richtlinien ist keine Alternative. Die Bioproduktion ist wegen des ausserordentlich hohen Preisniveaus und der zu hohen Bio-Suisse-Vorschriften am Aussterben.

Claus Ullmann, herzlichen Dank für das aufschlussreiche und interessante Gespräch!

Jenifer van der Maas, LBBZ Arenenberg, Fachstelle Betriebsberatung und Landtechnik, Weinfelden