Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
6. Dezember 2019


Höchste Zeit für Schweizer Wassermelonen

Ausgabe Nummer 31 (2019)

Schweizer Wassermelonen sind Exoten. Besonders gut schmecken sie frisch aus der Region und bei grosser Hitze. Christian Weber baut Wassermelonen an – als einer der wenigen Schweizer Bauern.

Hitze, kaum Regen und versiegende Wasserquellen. Wer weiss, welche Kulturen die Bauern in ein paar Jahrzehnten in der Schweiz anbauen werden, wenn sich solche Dürren wie in diesem Jahr tatsächlich häufen sollten? Vielleicht Wassermelonen?
Die Mini-Wassermelonen von Christian Weber aus Fischbach-Göslikon kommen in der aktuellen Trockenheit dank sparsamer Tröpfchenbewässerung tatsächlich mit wenig Wasser aus. Ob sie noch gröbere Hitzewellen schadlos hinnehmen würden, ist aber fraglich, denn die Sorte wurde extra für das milde Klima in nördlicheren Ländern entwickelt. Der Aargauer Landwirt stieg vor acht Jahren in den Anbau von Wassermelonen ein, damals noch gemeinsam mit drei anderen Kollegen. Der Anbau und die Vermarktung der konsumfreundlichen, kernarmen Minisorte unter dem Namen «Swiss Melody » sind aber anspruchsvoll. Wohl auch deshalb sind mittlerweile alle seine Kollegen aus der Produktion ausgestiegen. Die Anfangseuphorie ist mittlerweile verflogen. Heute weiss er nur noch von zwei Bauern in Genf und seit diesem Jahr von einem im Berner Seeland, die Schweizer Wassermelonen anbauen. Nachdem «Swiss Melody» im Jahr 2012 von der Migros Luzern noch mit dem Innovationspreis «Goldene Sonne» ausgezeichnet worden war, hält sich dort die Begeisterung mittlerweile im überschaubaren Rahmen. Im letzten Jahr nahm ihm nur noch der Migros-Onlinehändler LeShop seine Wassermelonen ab. Vielleicht habe es damit zu tun, dass wir einmal nicht genug Ware an eine Migros-Genossenschaft liefern konnten, vermutet Weber. Immerhin kündigt Migros- Sprecherin Martina Bosshard an, dass diverse Genossenschaften in den nächsten Wochen die Schweizer Wassermelonen unter dem Label «Aus der Region. Für die Region» wieder ins Sortiment aufnehmen werden.

Wassermelonen Schweiz Swiss Melody
Die Wassermelonen werden als «Swiss Melody» verkauft. Seit Kurzem deutet das gut sichtbare bunte Schild am Eingang des Hofladens in Fischbach-Göslikon darauf hin, dass dort wieder Wassermelonen frisch ab Feld aufliegen. Im Dorf spreche sich das jeweils sehr schnell herum, sagt Weber. «Viele können es kaum erwarten, bis sie unsere frischen Wassermelonen kaufen können.» Und tatsächlich schwärmen offenbar auch Südländer vom ausserordentlichen, süssen Geschmack.
Weber konzentriert sich mittlerweile mehr auf kleinere Abnehmer in der Region, darunter Volg-Filialen, Restaurants und andere Hofläden. «Wir Bauern müssen das Heft wieder mehr in die eigenen Hände nehmen », findet er. Der Hofladen werde immer wichtiger für den Familienbetrieb. Dort verkauft der Landwirt auch andere eigene Produkte vom 15 Hektaren grossen Betrieb wie Zuckermais, Kartoffeln, Zwetschgen, Äpfel, Kürbis oder im Frühling Spargeln. Die Wassermelonensaison in Fischbach-Göslikon beginnt im Juli und dauert je nach Wetter bis in den Oktober. Und darin liegt einer der Nachteile der Schweizer Wassermelonen: «Eigentlich kommen wir zu spät auf den Markt», sagt Weber. Denn der Handel verkauft die sonst übliche Importware zu diesem Zeitpunkt bereits seit ein paar Monaten. Es besteht deshalb die Gefahr, dass die Leute schon genug haben von Wassermelonen. Zudem sind die ausländischen Melonen im Verhältnis deutlich günstiger als «Swiss Melody», die unter Schweizer Bedingungen hergestellt werden müssen. Allerdings dürfte die aktuelle Hitze die Verkäufe eher positiv beeinflussen, denn die Wassermelone gilt im Verkauf als typisches Warmwetterprodukt.

Hören, ob die Melone reif ist
Das 500 Aren grosse Feld mit den Melonen ist als solches auf den ersten Blick kaum zu erkennen, weil es von dichtem Kraut der Melonenranken bedeckt ist. «Es ist wichtig, dass die Frucht reif geerntet wird», sagt Weber. Der geübte Blick erkennt den Reifegrad am verdorrten Stiel. Vorsichtig greift Weber aus dem Dickicht einen der zwischen 1200 und 2000 Gramm schweren Melonenköpfe und klopft ihn ab. «Ich höre sofort, ob die Melone genug reif ist oder ob sie während dem Wachstum einen Riss erlitten hat und unverkäuflich ist», sagt er. Dreimal pro Woche gehen er oder seine Frau Judith sowie ein Mitarbeiter durch das Feld, um die reifen Exemplare von Hand zu ernten. Zwei verkäufliche Köpfe pro Quadratmeter seien eine optimale Ausbeute, sagt Weber. Um diese Menge zu erreichen, setzt er zwei zugekaufte Hummelvölker ein, die für eine bessere Befruchtung und mehr Früchte sorgen. Da Melonen in der Regel zweihäusig sind, braucht es zudem weibliche und männliche Pflanzen. Sein Cousin hatte sich einmal erlaubt, eine der Melonen vom Feld mit nach Hause zu nehmen. Er sei dann irritiert zu ihm gekommen und habe ihm gesagt, dass die Melonen ohne Geschmack seien und das Fruchtfleisch untypisch hell gefärbt gewesen sei. Weber lacht: «Er hatte eine Befruchterpflanze erwischt.»

Launen der Abnehmer bestimmen
Absatz Der Arbeitsaufwand für die Kultur sei beträchtlich, sagt Weber. Zur Unterdrückung des Unkrauts verwendet er eine schwarze, biologisch abbaubare Folie, in die er die Setzlinge direkt einpflanzt. Sie wird nach der Ernte in den Boden eingearbeitet und baut sich dort vollständig ab. Während der Saison wird Unkraut, das sich trotzdem zwischen Pflanze und Folie breitmacht, von Hand entfernt. Ein Problem seien Krankheiten und Schädlinge wie Milben, deren Bekämpfung schwieriger werde, weil immer weniger Pflanzenschutzmittel bewilligt werden.
Weber überlegt sich jedes Jahr von Neuem, ob er die Anstrengungen noch einmal auf sich nehmen soll. Besonders herausfordernd sind für ihn die schwankenden Abnahmemengen, die von der Marktsituation, vom Wetter und von den Launen der Abnehmer abhängen. Vor drei Jahren habe es in Europa einen Engpass gegeben, worauf er die gesamte Menge der Wassermelonen problemlos verkaufen konnte. Im letzten Jahr hingegen musste er mehr als 1000 Stück auf dem Feld liegenlassen, weil es zu wenig Abnehmer gab. «Das tut dann schon weh», sagt er. Und eigentlich versteht er nicht, weshalb es nicht möglich sein sollte, selbst diese im Verhältnis kleinen Mengen an einheimischen Wassermelonen zu verkaufen, wo doch alles von «regional» und Frische rede. Nach reichlich bezahltem Lehrgeld kennt er mittlerweile die Kultur aber schon fast zu gut, um sie einfach so fallen zu lassen: «Ich und meine Frau sind mittlerweile absolute Fans von ihr.»


Text und Bild: David Eppenberger, lid.ch




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