Ausgabe Nummer 6 (2007)

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Humor im Alter

Ein rüstiger Senior bittet an der Réception des Alters- und Pflegeheims, man möge ihm und seinen Gästen am folgenden Tag in Zürich einen Tisch im Restaurant reservieren. Die Frau erklärt: «Das organisiere ich gerne. Aber welches Restaurant soll es denn sein?» Meint der alte Mann: «De Name han i vergässe, aber es hät hinenuse ganz e schöni Terrasse!»

Die heutigen alten Menschen sind mobiler und zahlreicher als früher. In 30 Jahren werden 50 Prozent noch mehr Betagte unterwegs sein als heute. Sicher, viele ältere Personen sind gehbehindert. Ohne Rollator können etliche nicht mehr aus dem Haus. Diese fahrbaren Gehhilfen erfreuen sich darum grosser Beliebtheit. Für den oben skizzierten Senior ist das Reisen in die Stadt noch gar kein Problem. Nur der Name der Speisegaststätte ging verloren.

Die Krankenschwester (=Pflegefachfrau) ist im Zimmer einer 95-Jährigen. Plötzlich «gudderet» deren Magen laut und deutlich. Spontan meint die Helferin: «Määrci, dää macht au no en ziimliche Lärme!» Prompt folgt die Antwort: «Joo, dää mo da äbe no benutze, so lang er no cha. Da isch jetzt dänn bald verbii!»

Ist diese Sachlichkeit und dieser Humor nicht bewundernswert? Die weise Betagte lebt dem Abschied entgegen. Sie weiss es, und sie sagt es. Sie nimmt sich selbst an, speziell Alter, Schwächen, Grenzen. Damit steigt die Bereitschaft, das kleine Alltagsglück mit Ironie und Witz zuzulassen.

Mittagessen im Pflegeheim. Eine Seniorin hat sich hübsch gemacht. Die Serviceangestellte macht ihr ein Kompliment: «Si sind schöön aagleit!» Schnell meint die Erfahrene: «Bim Zmittagässe isch äbe d?Konkurränz bsunders gross!»

Das Kompliment der Servicefrau ist lobenswert. Es geschieht in unserer gehetzten Zeit zu wenig. Solche Zückerchen sind nämlich Schmiermittel in allen Beziehungen. Sich pflegen, sich selbst wichtig nehmen und sich selbst nicht zu wichtig nehmen ist in allen Altersstufen zentral. Überall lauern Neiderinnen. Sogar beim Mittagessen im Pflegeheim.

Der Frischpensionierte besorgt öfters gleich nach dem Frühstück die Einkäufe für den Haushalt. Nur ein einziges Mal ist er kurz vor Mittag auf dem Weg zum Coop. Der Nachbar witzelt: «Heini, goosch scho wider go poschte?» Die Antwort: «Nänei, jetzt gang i nu go umtuusche, was i falsch poschtet ha!»

Das Gedächtnis hat nachgelassen. Zettelchen sind nötig.Trotzdem geschehen Fehler. Das Alter und seine speziellen Besonderheiten dürfen nie Tabuthema sein. Neue Probleme tauchen auf. Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten unter den Zusammenlebenden benötigen Gespräche. Kompromisse sind nötig. Einander Raum und Abstand geben ist besser als sich in jedes Detailchen einzumischen. ? Die Pensionierung ist nicht der Anfang vom Ende, sondern der Anfang einer neuen Lebensphase. Diese dauert nochmals 20 bis 30 Jahre.Tendenz steigend. Sie kann unter Umständen die schönste Zeit eines reichen Lebens sein.

Ein Rentner steht im Dorfladen vor dem Gestell mit Zahnpastatuben und brüllt (viel zu laut) ins Handy zu seiner Frau: «Weli Marke mon i jetz bringe? Nöd, dass dänn wieder e Tummi häsch!»

Alte Menschen gehören in die Öffentlichkeit, sonst werden sie klein und still. Die Einsamkeit ist nicht die grosse Katastrophe. Auch junge Menschen, auch Ehepaare erleiden drückende Alleinseinzeiten. Der Mangel an sozialer Teilhabe macht unzufrieden, unglücklich. Eine kleine Aufgabe beflügelt, zum Beispiel das Einkaufen.

Ein Besuch fragt die 90-Jährige: «Sind Sie Diabetikerin?» Das Echo überrascht: «Nei, i bi e Schwiizeri!»

Wird in den Medien über das Alter geschrieben, sind es meist Negativberichte, also Parkinson, Alzheimer, Senilität, steigende Pflegekosten. Das Alter gilt als Problemphase, Jammerzeit, letzte Katastrophe. Sogar die Werbung zeichnet einseitig Leiden: Blasenschwäche, Rückenoder Kreislaufprobleme, Schmerzen, Kukident, Sehhilfen, Hörgeräte. Natürlich existieren diese dunklen Seiten. Aber nicht nur.Wer besingt die sonnigen Zeiten des Alters?

Eine Greisin ist meist böse und unzufrieden. Es gibt Tage, da sagt sie kein einziges freundliches Wort. Einmal riss einer Pflegerin der Geduldsfaden und sie schockierte in deutlichen Worten: «Also Frau XY, wänn Si so immer mit üüs schimpfed und bös sind, dann säged mer sicher noch Ihrem Tod: Gott sei Dank, isch si gschtorbe! Wänn Si sich aber e bitzli ändered, dänn säged mer: Schaad, isch si gschtorbe! Mer händ si gärn gha!» ? O Wunder, die deutlichen Worte brachten Verbesserungen.

Ende der 50er-Jahre hiess es: Was muss die Gesellschaft für die Alten tun? Die Heime waren Verwahrungsanstalten, möglichst ausserhalb des Dorfes gelegen. Den Betagten, die oft ein hartes und arbeitsreiches Leben hinter sich hatten, wurde aufgetragen, möglichst passiv zu sein und sich ruhig zu verhalten. Heute sind die 80- Jährigen oft gesünder und vitaler als damals die 60-Jährigen. Heute heissts: Was können Senioren für sich, für ihresgleichen und für die Gesellschaft tun? Klar gibt es alte Menschen, die verbittert leben. In ihren Aktivjahren erlitten sie Kränkungen. ? Statt unverschuldete Vorwürfe immer zu schlucken, kann in der Pflege eine korrekte Meinungsäusserung durchaus sinnvoll und positiv sein.

Zur 95-Jährigen kommt regelmässig die 88-jährige Schwester auf Besuch. Jedesmal, spätestens nach einer halben Stunde, streiten sich die zwei betagten Frauen mit lauter Stimme. Eine Pflegerin will besänftigen: «Isch da nöd schaad, wänn Si immer noch churzer Zyt scho chifled mitenand?» Da wehrt sich die Ältere vehement: «Joo, hälfeds mer nu! Diä do isch nämli ganzi siebe Johr jünger. Diä sött mer doch folge. Aber immer wider macht si da, wo sii wott.»

Woher kommt die unrealistische Vorstellung, (wenigstens) alte Leute sollten ohne Konflikte und Streitigkeiten auskommen? Grundsätzlich gibt es doch bei ihnen die gleiche Bandbreite von Auseinandersetzungen wie bei allen Menschen. Neu dazu kommen etwa Ablösungsprobleme, Generationenzwiste, Paarkrisen in Zweitehen, Erbschaftssorgen.Auch alte Verletzungen können nochmals hochbrodeln. Damit müssen alte Menschen leben. Und deren Umgebung: Angehörige, Pflegepersonal. ? Vielleicht helfen Klärungen.Vielleicht zerplatzen falsche Ängste wie Seifenblasen, verschwinden dumme Einbildungen. Vielleicht können schwere, unlösbare Probleme wenigstens ein bisschen erträglicher gemacht werden. Sogar mit Humor? Schön wärs!

Walter Ritter