Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
14. September 2018


"Ich bin ein aktiver Zuhörer"

Ausgabe Nummer 8 (2016)

In der Gemeinde Langrickenbach, im Eggethof, ist Urs Schär (55) zu Hause. Der Meisterlandwirt engagiert sich nicht nur im Vorstand des VTL, sondern auch im Gemeindewesen und politisiert für die SVP im Kantonsrat.

Der Weiler Eggethof liegt etwas versteckt zwischen Langrickenbach und Oberaach. Wer nun meint, auf ein verschlafenes Nest zu stossen, wird schnell eines Besseren belehrt. So herrscht auch bei der Familie Schär oft reger Betrieb; sind alle zuhause, trifft man auf Ehefrau Elsbeth, Tochter Nina (20), Sohn Andy (18), Tommy (10), die japanische Praktikantin Ryoko und Hund Milly.
Familie Schär bewirtschaftet je eine Hektare Tafelbirnen und Tafeläpfel, 250 Hoch- und Halbstamm Obstbäume, 1,5 ha Weizen und Mais, und im Stall oder auf der Wiese sind je nach Wetter 37 Milchkühe anzutreffen. Deren Milch wird in der Käserei Eggethof zu Emmentaler Käse verarbeitet.

Zeit nehmen um auszuspannen
Damit der Überblick behalten wird, braucht es einiges an Organisation. Denn wenn keine Stall-, Feldoder Wiesenarbeit ansteht, betätigt sich Urs Schär gerne politisch und für die Allgemeinheit. Er ist seit bald zehn Jahren Vizegemeindepräsident von Langrickenbach und mindestens eben solange im Vorstand des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft aktiv. Dort steht er seit 2009 dem Ressort Tierhaltung und Fleisch vor. «Zu meinen Aufgaben gehört unter anderem auch die Arbeit als OK-Präsident der Grillkurse auf dem Bauernhof. Diese führen wir seit bald 20 Jahren durch», so Schär nicht ohne Stolz. «Mit den Grillkursen fördern wir die Regionalität, bringen die Bevölkerung zu den Bauern und zeigen, wo Genuss entsteht.» Zu den weiteren Tätigkeiten gehört auch das OK-Präsidium der Vierrassenschau an der Wega, welche bereits so beliebt ist, dass sie längst überregionalen Zuschauer-Zulauf erhält.

SVP Kantonalpolitik
Seit August letzten Jahres ist Urs Schär auch Kantonsrat der SVP, und vertritt dort die bäuerlichen Anliegen. Nervös machen ihn die bevorstehenden Wahlen nicht. «Aber ich hoffe natürlich, dass ich am 10. April für weitere vier Jahre gewählt werde.» Er sei ein aktiver Zuhörer sagt er von sich. «Bei Diskussionen höre ich mir immer erst beide Seiten an, bevor ich mir eine Meinung bilde. Das ist in der heutigen Zeit enorm wichtig.» Besonders in der Diskussion könnten viele Vorurteile aus der Welt geschaffen werden, und plötzlich entstehe ein ganz anderes Bild über etwas. «Gerade in den Skiferien hatte ich wieder interessante Diskussionen. Ich konnte mehreren Personen verständlich machen, dass wir Bauern nicht subventioniert werden, sondern Direktzahlungen für unsere Leistungen erhalten und längst nicht mit allem einverstanden sind, was die Agrarpolitik mit uns macht. Dadurch konnte ich ihnen ein anderes Bild über unsere Arbeit in und für die Landwirtschaft vermitteln.»

Arbeiten bis 67?
Bei den vorgesehenen Kürzungsmassnahmen des Bundes werde es in den nächsten Jahren je länger je schwieriger, die Einkommenssicherheit für die Landwirtschaft zu garantieren, zeigt sich Schär besorgt. Somit hätten dann auch Junge immer weniger Ansporn, einen landwirtschaftlichen Beruf zu wählen. So ist ihm auch ein Anliegen, dass eines Tages einer seiner Söhne den Hof weiterführt. «Ich hoffe, die Nachfolgeregelung zeichnet sich in den nächsten zehn Jahren ab. Da ich davon ausgehe, dass wir über kurz oder lang sowieso bis 67 Jahren arbeiten müssen, haben wir ja noch etwas Zeit.»

Für soziale Anliegen einsetzen
Zeit ist bei Familie Schär ein kostbares Gut. Ihnen stellt sich eine nicht alltägliche Herausforderung, welche eine gute Organisation des Familienlebens, Freizeit oder Urlaub bedingt. Tochter Nina hat eine cerebrale Bewegungsstörung, ist in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Auch deshalb setzt sich Schär für eine langfristige Sicherung der Sozialwerke zur Stärkung der Bedürftigen ein. Um die tagtägliche Organisation etwas zu vereinfachen, haben Schärs seit elf Jahren japanische Praktikanten. Dieser Kontakt kam damals über Agroimpuls zustande.

Japanisch, Deutsch, Englisch
Bevor eine Praktikantin zur Gastfamilie kommt, lernt sie vorab etwas Deutsch, damit die Verständigung gewährleistet ist. Wenns schwierig werde, könne man sich aber auch in Englisch unterhalten. Und wie steht es mit dem Kulturschock? «Existiert nicht», so Schär. «Es ist für sie äusserst interessant, unsere Kultur kennen zu lernen. Man darf nichts erwarten, wenn sie kommen. Es ergibt sich alles mit der Zeit. Lustig werde es, wenn sie mit ihrem japanischen Akzent Schweizerdeutsch lernen wollen . Viele ehemalige Praktikanten stehen plötzlich wieder vor unserer Tür, wenn sie nach Jahren eine Schweizer-Reise oder eine Hochzeitsreise machen. Schmunzelnd erinnert sich Schär an eine ganz besondere Begebenheit: «Einmal kamen zwölf japanischen Praktikanten, welche in der Schweiz verteilt arbeiteten, für eine Abschlussparty zu uns nach Hause. Sie kochten die ganze Nacht lang und am nächsten Tag veranstalteten wir ein halbes Dorffest mit all den Leckereien. Selbst sei er noch nie in Japan gewesen. Augenzwinkernd meint er: «Noch nicht, aber vielleicht kann ich es ja ins Auge fassen, wenn ich mit 65, 66 oder 67 Jahren pensioniert werde.»


Daniel Thür










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