Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
9. April 2020


Ich lebe meinen Traum

Ausgabe Nummer 12 (2020)

Schon als kleines Mädchen wollte ich auf einem Bauernhof leben. Leider waren meine Eltern keine Landwirte und wir besassen keinen Hof. Mein zweites zuhause war dann auch der Bauernhof in der Nachbarschaft. Dort wurde ich mit dem Kuhvirus infiziert, lernte den Umgang mit den Tieren und auch das Melken. Ich konnte mir eigentlich nichts Schöneres vorstellen, als auf einem Bauernhof zu leben und mit Tieren zu arbeiten.

Zu meinem Glück besassen meine Grosseltern einen kleinen Stall und etwas Weideland. Wie viele Mädchen, träumte ich vom eigenen Pferd und vielleicht auch von einem Prinzen, das weiss ich nicht mehr so genau! Mein erstes eigenes Tier war ein Esel, den ich über alles liebte. Der Bauer in meiner Nachbarschaft schenkte mir noch eine Ziege und ein Schaf.
Bei der Berufswahl kam Landwirt nicht mehr infrage. Ein Mädchen kann doch nicht Landwirt lernen und schon gar nicht ohne eigenen Hof! Ich machte eine Lehre als Pharma-Assistentin.
Später traf ich dann doch noch meinen Prinzen! Seit 20 Jahren lebe ich jetzt schon auf dem Haldenhof und es gefällt mir sehr. Wir haben 4 gesunde Kinder und jede Menge Tiere, wie ich es mir doch schon immer gewünscht habe.

Milchkühe, Schafe und Poulets
Seit nun fast einem Jahr gehört Zander zu unserer Kuhherde und ist zu einem prächtigen Simmentalermuni herangewachsen. Nach kurzer Eingewöhnungszeit hat er sich bestens integriert und seinen Platz in der Herde gefunden. Auch seine Arbeit hat er schnell erkannt und wir freuten uns, als der Tierarzt zahlreiche Trächtigkeiten bestätigte. Im Dezember konnten wir unseren halben Kuhbestand trocken stellen und schon bald erwarteten wir die ersten Kälber. Zum Auftakt gab es bereits Zwillinge. Ich freue mich immer auf den Nachwuchs, obwohl das für mich mehr Arbeit bedeutet. Das Melken der frisch gekalbten Kühe und das Tränken der Kälber gehört in meinen Arbeitsbereich. Diesen Job mache ich sehr gerne, wie auch das Betreuen der Kalberkühe. So viele frisch geborene Kälber auf einmal hatten wir noch nie. Leider erkrankten fast alle an Durchfall. Nun mussten die Kälber intensiver betreut werden. Alle 3 bis 4 Stunden tränkte ich sie, auch in der Nacht. Der Aufwand hat sich aber gelohnt!
Mein «Hobby» sind die Schafe. Im Januar lammte ein grosser Teil unserer Auen ab und seit diesem Jahr gibt es dabei noch eine zusätzliche Aufgabe. Ab 2020 müssen wir jede Geburt und jeden Standortwechsel der Schafe und Ziegen der TVD melden, so wie bei den Rindern. Für die älteren Tiere musste ich eine zweite elektronische Ohrmarke nachbestellen. Dazu erstellte ich eine Tabelle und tippte mehrere Hundert Ohrmarkennummern ab und musste die Tiere auch noch erstregistrieren. Was in der Theorie so logisch und einfach tönt, ist in der Praxis nicht immer so einfach. Einige Unklarheiten, Fehler und Missverständ- nisse habe ich mit Agate geklärt. Manchmal etwas gestresst und übel gelaunt schrieb ich «ihr» ein Mail. Schon nach kurzer Zeit meldete «sie» sich und mit sympathischem, ruhigem Berndeutsch erkundigte «sie» sich freundlich nach dem Problem und behob dieses auch.
Ein ungutes Gefühl – und auch etwas Angst um unsere Tiere – bereitete uns die Anwesenheit des Wolfes. Die Muttertiere mit ihren kleinen Lämmern haben wir zu Hause im Stall. Aber dieser Wolf erbeutete seine Opfer immer in Ställen. Darum zäunten wir über Nacht die Schafställe zusätzlich mit Flexinet und Strom ein. Das machen wir noch immer, weil wir noch keine Information erhalten haben, ob alle Risse in der Umgebung vom gleichen Wolf waren.

Ein Herz für mutterlose Schafe
Die Pflege der Schafe beansprucht viel Zeit. Bis alle gefüttert, die Herden auf der Weide kontrolliert, nachgezäunt und die Flaschenlämmer getränkt sind, ist schon der halbe Morgen gelaufen. Ich habe eine Schwäche für mutterlose oder überzählige Lämmer, und so sind wir schon wie eine Auffangstation für solche Tiere. Seit zwei Jahren besitzen wir auch noch einige Ziegen. Die lustigen und lebensfrohen Gitzi bereiten uns auch Freude. Wenn diese abgesetzt sind, versuche ich, den Ziegen noch ein Lamm «anzuhängen ». Manchmal klappt es ohne Probleme, bei einigen braucht es mehr Geduld.

Unser Grosi, der Hühnerprofi
Die Betreuung der Mastpoulets übernimmt Grosi. Sie ist immer noch sehr aktiv und unser «Hühnerprofi ». Sie kocht auch gelegentlich für die ganze Familie und ist immer zur Stelle, wenn viel Arbeit ansteht. Auch Grossvater übernimmt noch einige Aufgaben.

Im Moment noch keine Zeit für Hobbys
Im Moment habe ich keine Zeit für Hobbys, aber doch schon einige Ideen, was ich vielleicht irgendwann einmal machen könnte. Zurzeit wirke ich unterstützend, wenn unsere Kinder ihren Hobbys nachgehen. Wir begleiten sie an Wettkämpfe. Dabei komme ich auch in Kontakt mit landwirtschaftsfremden Personen und ich merke, dass mir das auch wichtig ist.


Text und Fotos: Isabell Gera










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