Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. Juli 2018


"Ich ziehe ein sehr positives Fazit"

Ausgabe Nummer 45 (2015)

Bilanz zur Expo in Mailand

Die Weltausstellung in Mailand ging am Samstag, 31. Oktober, zu Ende. Besonders zum Schluss der Ausstellung war das Besucherinteresse überwältigend. Im Interview zieht Urs Schneider, Präsident von Agro-Marketing Suisse (AMS), Bilanz.

    Jonas Ingold: Welches Fazit ziehen Sie aus der Expo für die
    Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft?
Urs Schneider: Ein sehr positives, die Zielsetzungen wurden erreicht und es war richtig, dass sich die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft am Schweizer Auftritt beteiligte.

    Entsprechen die Besucherzahlen Ihren Erwartungen?
Total rund 20 Millionen Besucher an der Expo und zwei Millionen davon in den Innenräumen des Schweizer Pavillons sprechen für sich. Die Erwartungen wurden erfüllt. Am Ende war der Besucherandrang gigantisch. Am Anfang und in den heissesten Sommerwochen hätte es Kapazitäten für noch mehr Besucher gehabt. Welt- oder Landesausstellungen verlaufen oft so. Erst nach einer Anlaufzeit und wenn viele Leute begeistert nach Hause gehen, kommen gegen Ende immer noch mehr Leute. In Mailand kam dazu, dass wohl viele den heissesten Sommerwochen ausweichen wollten.

    In der Schlussphase der Expo ist es zu einem enormen
    Besucherandrang gekommen. Wie konnte im Schweizer Pavillon
    darauf reagiert werden?
250 000 bis 300 000 Besucher pro Tag waren eine riesige Herausforderung und auch im Schweizer Pavillon kam es zu erheblichen Wartezeiten. Das Personal von Präsenz Schweiz, das Restaurantpersonal unseres Partners Palexpo und auch die für die AMS im Einsatz stehenden Leute hatten einen enormen Einsatz zu leisten.

    Ist es auch gelungen, die Besucherinnen und Besucher für
   
Schweizer Agrarprodukte nachhaltig zu begeistern?
In zwei Umfragen, die bei den Restaurantgästen durchgeführt wurden, bewerteten 87 Prozent die Qualität des Essens als gut oder sehr gut und 91 Prozent von ihnen würden das «Ristorante svizzero» weiterempfehlen. Auch die 1,7 Millionen bezogenen Postkarten mit originellen Sujets zu 13 verschiedenen Schweizer Produkten dürften ihre Wirkung haben. Ich denke schon, dass da nachhaltig positive Effekte erzielt wurden. Wichtig war uns auch, die Land- und Ernährungswirtschaft als innovativen und zukunftsorientierten Teil der Schweizer Wirtschaft zu präsentieren und das ist sicher gelungen. Der Landwirtschaftsteil hat zu einem positiven Image des Schweizer Gesamtauftritts seinen Beitrag geleistet. Ausserdem hätte das Konzept mit den essbaren Türmen ohne Apfelringli viel weniger gut funktioniert.

    Besonders die erwähnten Apfelringli waren äusserst begehrt.
    Haben Sie mit einem solchen Andrang gerechnet?

Ich habe schon erwartet, dass die Apfelringli gut ankommen. Vom ersten Tag an waren sie dann auch heiss begehrt. Dreimal wurde im Verlauf der Expo die Ausstellungsplattform gesenkt. Jedes Mal waren die Regale der Apfelringli als Erstes leergefegt. Dies veranlasste den Chef von Präsenz Schweiz, Botschafter Nicolas Bideau, die Apfelringli als die «Stars des Schweizer Pavillons» zu bezeichnen. Erfreulich ist, dass es Diskussionen gibt, ob getrocknete Äpfel nicht andere ungesündere Pausensnacks ersetzen könnten.

    Die ersten Apfelringli waren nach 16 Tagen weg. Wie haben Sie
    es geschafft, dass die Besucherinnen und Besucher schliesslich
    nachhaltiger damit umgegangen sind und die Ringli so länger
    vorhanden blieben?

Tatsächlich wurden die Apfelringli immer bewusster gegessen und trotz immer mehr Besuchern reichte die verfügbare Menge jedes Mal länger. Das Konzept hat sich herumgesprochen, es wurde in Medien thematisiert und im Turm wurde es sowohl mündlich wie auch visuell noch besser erklärt. In der zweiten Hälfte der Expo hörte man im Apfelringliturm oft Bemerkungen wie «Ich nehme nur eines» oder «Wir teilen» oder gar «Wir verzichten, wir lassen den nach uns kommenden auch noch etwas». Solche Bemerkungen und das Verhalten zeigen, dass das Konzept verstanden wurde und es scheint mir – das ist ein Aufsteller – die Menschen sind lernfähig. Seit dem 10. Oktober ist der Apfelringli-Turm aber endgültig leer und das mahnt uns, die Ressourcenproblematik ernst zu nehmen.

    Im Restaurant sollten die Besucherinnen und Besucher auf die
    Schweizer Produkte aufmerksam gemacht werden. Wie lief dieses?

Am Anfang harzte es etwas, dann lief es immer besser und am Schluss hervorragend. Das Restaurant und die Gartenwirtschaft werden am Schluss weit über 130 000 Essenskonsumationen verzeichnen. Die «Pizzoccheri del Valposchiavo» und das «Fondue moitié-moitié» waren im Restaurant am Begehrtesten, in der Gartenwirtschaft stiess das «Raclette» auf Begeisterung – und dies trotz unglaublich hohen Temperaturen in den Sommermonaten. Über 3000 Flaschen und über 10 000 Gläser Schweizer Wein im Offenausschank wurden konsumiert, dazu kommen 7000 Einheiten Süssmost.

    Das Tablet im Restaurant wurde letzten Zahlen zufolge äusserst
    gut aufgenommen. Plant AMS dieses weiterhin in Messe-Restaurants
    einzusetzen, z. B. an der «Grüne Woche» im kommenden Januar?

Gemäss unseren Erhebungen nutzten 80 Prozent der Besucher die Tablets. Sie stellten für uns eine wichtige Kommunikationsmassnahme des Auftritts dar. Neben Informationen zu den Angeboten konnten sich die Gäste damit auch über Schweizer Spezialitäten, die Schweizer Landwirtschaft oder generell über die Schweiz informieren. Im Swiss Quiz wurden über 56 000 Fragen beantwortet. Die Tablets werden auch künftig in AMS-Restaurants eingesetzt, die Programmierungsarbeiten für die Internationale Grüne Woche Berlin im Januar, laufen bereits auf Hochtouren.

    Welches waren die grössten Schwierigkeiten während der Expo?
    Gab es etwas, das Sie so nicht erwartet hätten?
Dass es zu Wartezeiten kommt, damit musste man rechnen. Dass sie aber so lange sein werden, hat mich überrascht. Es sollte generell mehr Ausstellungen und Pavillons mit einem Durchlauf haben. Auch beim Schweizer Pavillon hätte es für die Besucherführung wahrscheinlich optimalere Lösungen gegeben. Die vier verschiedenen Ausstellungen – jeweils mit einem eigenen Eingang – gaben vielen Besuchern die Möglichkeit, zumindest einen Teil des Schweizer Pavillons zu besichtigen, ohne lange anzustehen. Das war in den meisten anderen Länderpavillons gar nicht möglich.

    Zu Beginn der Expo war oft Skepsis gegenüber der Organisation
    der italienischen Gastgeber zu hören und es gab Zweifel, ob alles
    rechtzeitig fertig wird. Wie haben Sie dies erlebt?

Ich war an der Eröffnungsfeier. Ohne die Schlagzeilen im Vorfeld, hätte man kaum etwas bemerkt von nicht fertigen Pavillons. Die Italiener sind halt Meister im Improvisieren. Auf dem Ausstellungsgelände wurde dasjenige, das noch nicht fertig war, gut cachiert. Im Umgelände, z. B. bei den Zufahrtsstrassen, waren noch viele Baustellen sichtbar. Beeindruckt hat mich damals der nicht fertige und nicht besetzte Pavillon von Nepal. Dort wurden die Bauarbeiten nach dem schweren Erdbeben eingestellt und der Pavillon am Anfang unbesetzt belassen. Er stand da, wie ein Mahnmal, das uns die Macht der Natur vor Augen führte.

    Abgesehen vom Schweizer Pavillon. Welcher Länderauftritt hat
    Sie besonders beeindruckt?

Jeder Pavillon hatte seinen eigenen Charme und Reiz. Es gab wirklich unglaublich viel Interessantes und architektonisch Grossartiges zu sehen. Vergleiche sind schwierig. Kasachstan und die Vereinigten Arabischen Emirate, die Gastgeber der nächsten kleinen und grossen Weltausstellungen, haben sich sehr ins Zeug gelegt und sehr interessante Ausstellungen präsentiert. Deutschland war spannend. Gut gefallen hat mir auch Angola mit seiner Vielfalt und Farbenfrohheit oder Marokko, das sehr gut aufzeigte, was das Land produziert. Italien als Gastgeber war vielfältig vertreten und faszinierte mit dem Baum des Lebens und bot mit dem allabendlichen Wasser- und Lichtspiel ein wunderschönes Schauspiel.


Interview von Jonas Ingold, LID







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