Ausgabe Nummer 47 (2005)
Im Schatten des Bundeshauses
Zehntausend Bäuerinnen und Bauern an der Bauernkundgebung in Bern eine Reportage
Im Schatten des Bundeshauses
WTO, Freihandelsabkommen und AP 2011 bedrohen die Existenz der Schweizer Landwirtschaft. Mit der Kundgebung vom Donnerstag, 17. November, haben Schweizer Bäuerinnen und Bauern in Bern beeindruckend ihre Einigkeit sichtbar gemacht.

Es weht ein kühler Wind, Bauern und Bäuerinnen
stehen im Schatten des Bundeshauses. (kb)
Ganz klar, als Redaktorin des Thurgauer Bauer muss ich persönlich an der Demonstration in Bern dabei sein. Die unbändige Abenteuerlust einer Zwanzigjährigen habe ich ehrlich gesagt nicht mehr und hoffe, keine Tränengaserfahrungen zu machen. Im Laufe des Tages erfahre ich, wie bei der letzten Bauernkundgebung in Bern Mütter mit Kinderwagen mitten in Gewaltausschreitungen gerieten, die von der Polizei mit Tränengas aufgelöst wurden. Mir blieb also nur zu hoffen, dass mein Stossgebet zwischen Duschen und Zähneputzen erhört wurde.
Los gehts
Es ist noch dunkel. Ein Reisecar fährt um die Kurve und hält an. Bin ich zu spät? Kraftvoll trete ich in die Pedale, Rucksack vom Packträger, Velo abschliessen und los gehts! Die meisten sind schon eingestiegen. Wir warten noch drei Minuten, denn noch fehlt einer. Dann fahren wir ohne ihn ab. Glück gehabt.
Spannung, wie wird der Tag verlaufen? Werden Volk und Regierung durch die heutige Bauernkundgebung aufgerüttelt? «Das hängt davon ab, wie es die Medien aufnehmen», meint Markus Hausammann neben mir. Wir hoffen, dass die Demonstration ohne Gewalt über die Bühne geht. Dann gibt es Gipfeli, und Barbara Scherrer sorgt für Kaffe. Die Bäuerinnen und Bauern im Car sind hellwach. Sie schwatzen und diskutieren angeregt, die Stimmung ist gelöst. Es herrscht Schulreisestimmung.
Beeindruckende Gemeinsamkeit
Wir kommen gerade rechtzeitig in Bern an. Massen strömen, begleitet von Treicheln- und Glockengeläut, hinunter zum Bärengraben: Gruppenweise, nach Kantonen geordnet. Schon bald taucht die Thurgauer Fahne, getragen von Andreas Binswanger, auf. Hier schwappt die Stimmung der grossen Gemeinsamkeit auf mich über. Das sind viel mehr Menschen, als ich erwartet hätte! Die Polarluft hat den Himmel blau gefegt und die Sonne leuchtet viel versprechend, als Bäuerinnen und Bauern über die Brücke, am Bärengraben vorbei, in die Bundeshauptstadt einmarschieren. Geordnet geht die Menschenmenge auf der Strasse, die Trottoire bleiben frei für die Passanten. Als wir durch die Gassen der Altstadt schreiten, wird das Treicheln- und Glockengeläut von den Hauswänden zurückgeworfen und schwillt zu einem überwältigenden Dröhnen an. Einige Bauern haben vorgesorgt und Gehörschütze in die Ohren gesteckt. Ich tu es ihnen gleich und stopf mir etwas Papiertaschentuch ins Ohr. Ernsthaft, feierlich und lautstark geht der bäuerliche Zug Richtung Bundesplatz. Ein bewegender Moment. Der Marsch ist sichtbares Zeichen der Verbundenheit zwischen Bäuerinnen und Bauern des ganzen Landes. Unvergesslich.

Rund 200 Thurgauer Bauern und
Bäuerinnen marschieren in Bern.
(Verena Scherrer)
Köpfe, nichts als Köpfe
Beim Bundesplatz ist es schwierig, den Überblick zu bekommen. Nun muss ich mich entscheiden, geh’ ich mitten ins Gedränge rein, oder suche ich mir als Pressevertreterin einen erhöhten, sicheren Platz abseits? Entscheidend ist: Ich will diesen Tag miterleben, wie er wirklich war. Also rein ins Gewühl. Wir werden von Hansjörg Walter begrüsst. Aber sehen kann ich ihn nicht, von der Bühne ist kein Blick zu erhaschen. Köpfe, Köpfe, nichts als Köpfe. Misstrauisch beäuge ich den jungen, schwarz gekleideten Glatzkopf neben mir, wird der Radau machen? Nein. Alles bleibt friedlich. Fast schäm’ ich mich der Verdächtigung. Da, zweimal beobachte ich, wie sich was in einem Fenster im Bundeshaus tut: Ein Mann guckt hinter dem Vorhang hervor. Wer ist es? Die Frage bleibt ungeklärt.
Ansprachen und Forderungen
Sieben Ansprachen wurden gehalten: Hansjörg Walter, Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes (SBV), Ruth Streit, Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes, Peter Gfeller, Präsident der Schweizer Milchproduzenten, John Dupraz, Vizepräsident des Schweizerischen Bauernverbandes, Evelin Matzinger, Jungbäuerin Zürich, Christophe Ackermann, Jungbauer aus dem Jura, sowie Josiane Daepp, Mitglied des Vorstands und Präsidentin der Sektion Jura der Westschweizer Konsumentenschutzorganisation. Moderiert hat Jacques Bourgeois, Direktor des SBV.
Bäuerinnen und Bauern stehen im Schatten des Bundeshauses
Gfeller macht darauf aufmerksam, dass die in der Bundesverfassung verankerten Aufgaben nicht erfüllt werden können, die WTO mit ihren Agrarelefanten bezeichnet er als Katastrophe. «Wir glauben nicht mehr an das Geschwätz, das einen freien Wirtschaftshandel im Agrarbereich fordert.» Für ihre Produkte erhalten die Bauern gerade 10 Prozent des Konsumentenpreises, 90 Prozent verschlingen Verarbeitung und Handel, die Margen der Grossverteiler sind zu hoch.
Jungbäuerin Matzinger erinnert, dass in kaum einem Land so wenig für Nahrungsmittel ausgegeben wird, wie in der Schweiz: gerade acht Prozent des Einkommens. Und obschon die Landwirtschaft 25 Prozent billiger produziert, sind die Preise in der gleichen Zeitspanne um 15 Prozent gestiegen. Jungbauer Ackermann bemängelt die grossen administrativen Aufwändungen. Er sagt zynisch, die Schweiz verdient mit Chemie und Versicherungen, aber nicht mit der Landwirtschaft.
Daher weht der Wind. Ernüchterung überkommt mich. Jetzt kommen die Forderungen (siehe Kasten Forderungskatalog) an den Verwaltungsapparat was bewirken sie? Werden Bundesrat und Parlament überhaupt auf die Kundgebung eingehen? Ein kühler Wind weht über den Platz. Der Schatten des Bundeshauses verhindert, dass die Sonne uns hier zu wärmen vermag.
Politiker wach läuten
Zum Abschluss der Demonstration dröhnen auf dem Bundesplatz während fünf Minuten Treicheln und Glocken. Auch wenn sie hinter den Fenstern versteckt bleiben, dieses Zeichen müssen die Politiker und Politikerinnen gehört haben! Die Masse löst sich langsam auf. Da und dort entstehen kleine Grüppchen. Welsche stehen gemütlich zusammen; Brot und Wurst aufschneidend, Weisswein trinkend. Etwas wehmütig beneide ich ihr «savoir vivre». Wir Thurgauer kehren wohl organisiert zurück, Car und bestelltes Mittagessen warten auf uns. Im nahen Landgasthaus werden die rund 200 Thurgauerinnen und Thurgauer innert einer Stunde verpflegt. Zufrieden und müde fahren wir heim. Während der Fahrt erwähnt Radio DRS 1 um halb fünf, dass 10 000 Bäuerinnen und Bauern auf dem Bundesplatz waren. Doch den Kampf um die Medienaufmerksamkeit gewinnt heute der Fussball mit unserer Nationalmannschaft.
