Ausgabe Nummer 44 (2004)
Immer weniger Bauern leisten immer mehr
| Darum braucht die Schweiz eine eigene Landwirtschaft | |||
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Immer weniger Bauern leisten immer mehr
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| Die fortschreitende Globalisierung, sich verschärfende Interessenkonflikte auf nationaler und internationaler Ebene sowie eine zunehmende Distanz zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung führen dazu, dass in der Öffentlichkeit immer wieder Fragen über die Aufgaben der Bauern und über die Kosten der Landwirtschaft für den Staat auftauchen. In seinem Dossier «Darum braucht die Schweiz eine eigene Landwirtschaft» greift das LID diese Fragen auf und zeigt, warum eine funktionierende Landwirtschaft auch in Zukunft für die Schweiz wichtig ist. | |||
| Der Bund hat gemäss Artikel 104 der Bundesverfassung dafür zu sorgen, dass die Landwirtschaft durch eine nachhaltige und auf den Markt ausgerichtete Produktion einen wesentlichen Beitrag leistet zur: sicheren Versorgung der Bevölkerung, Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und zur Pflege der Kulturlandschaft, dezentralen Besiedlung des Landes. Weiter ist im Artikel 104 festgehalten, dass der Bund das bäuerliche Einkommen durch Direktzahlungen zur Erzielung eines angemessenen Entgelts für die erbrachten Leistungen, unter der Voraussetzung eines ökologischen Leistungsnachweises (ÖLN), ergänzen soll. In der öffentlichen Wahrnehmung sind aber die erwähnten Leistungen der Schweizer Bauern nicht mehr klar. Man betrachtet die Bauern nur noch als Leistungsempfänger und nicht mehr als Leistungserbringer, das heisst, die finanziellen Leistungen des Bundes und nicht die Leistungen der Bauern stehen im Vordergrund.
Was aber genau erbringen die Landwirte für Leistungen? Die Landwirtschaft erfüllt Aufgaben, die über die reine Nahrungsmittelproduktion hinausgehen. In diesem Zusammenhang wird auch von der Multifunktionalität der Landwirtschaft gesprochen. Die Bauern produzieren nicht nur qualitativ hochwertige und sichere Lebensmittel, sondern erbringen auch Leistungen im Bereich der Landschaftspflege, der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und der dezentralen Besiedlung. Daneben sind die Anstrengungen im Bereich Tierschutz oder Ökologie nicht zu vergessen. Die Landwirtschaft bringt dem Tourismus 2,5 Milliarden Franken Die Leistungen der Landwirtschaft gehen aber darüber hinaus. Die Studie «Externe Leistungen der bäuerlichen Landwirtschaft in Bayern» zeigt auf, dass die unter dem Begriff «Bäuerlichkeit» zusammengefasste Grundhaltung der Menschen im ländlichen Raum positive Nebenwirkungen im Naturbereich, im Produktionsbereich sowie im Lebensbereich mit sich bringt. Der Begriff «Bäuerlichkeit» ist als eine Art kulturelle Grundhaltung definiert, die durch eine zeitlich aufwändige Beziehung zum Lebendigen gekennzeichnet ist. Nachgewiesen wurden Wirkungen der «Bäuerlichkeit» auf Ökosysteme, Grundwasser, Abfallaufkommen, Naherholung sowie auf Agrarstruktur, Wirtschaftskraft, demografische Entwicklung, Gesundheit, Kriminalität sowie Sozialhilfe. Eine Vielzahl dieser Effekte erbringen tagtäglich auch die Landwirte in der Schweiz. In der erwähnten Studie wurden diese externen Effekte für die Landwirtschaft in Bayern erstmals auch beziffert. Dabei entstünde, wenn sich die Landwirtschaft nur noch auf die rein agrarische Produktion konzentrieren würde, pro Jahr ein Verlust von 7,35 Milliarden D-Mark. Demgegenüber stehen 14 Milliarden D-Mark aus erzeugten Nahrungsmitteln (vergleiche Moos-Nüssli 1999). Wer sind die «Profiteure» all dieser Leistungen? An erster Stelle sind die Schweizer Konsumenten aufzuführen. Sie können von den in ihrer Region angepflanzten und produzierten Nahrungsmitteln profitieren. Zudem haben sie eine attraktiv gestaltete Landschaft, welche sie für ihre Erholung (gratis) nutzen können. Mit der Erholung ist auch schon der zweite grosse «Profiteur» gefunden: Der Schweizer Tourismus. Mit Bildern von gepflegten grünen Matten, weidenden Kühen oder schneeweissen Skipisten wird in den Werbeprospekten die schöne Landschaft angepriesen. Für die Gestaltung, Hege und Pflege der Schweizer Kulturlandschaft sind die Bauern verantwortlich. Durch deren Arbeit wird der Tourismus erst möglich gemacht. Eine Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) beziffert den Nutzen der Landschaft für den Schweizer Tourismus auf mindestens 2,5 Milliarden Franken. Die Einnahmen aus dem Tourismus würden sich um zwei Milliarden vermindern, wenn sich die Qualität der Landschaft verschlechtern würde. An dritter Stelle profitiert die Industrie und Forschung und somit die gesamte schweizerische Wirtschaft von den Leistungen der Landwirtschaft. Durch die Landwirtschaft können in den vor- und nachgelagerten Sektoren gesamthaft rund 271 000 Arbeitsplätze (Stand 2001) angeboten werden. Die Ackerkulturen gestalten die schweizerische Landschaft Wer im Frühsommer durch die ländlichen Gebiete fährt und aus dem Fenster schaut, kann sie sehen: Grüne (und vor der Ernte gelbe) Weizenfelder, gelb blühende Rapsfelder, saftig grüne Wiesen oder weitläufige Rebkulturen prägen eine vielfältige Landschaft, wie wir sie in der Schweiz gewohnt sind. Auf rund einem Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche wird Ackerbau betrieben, Reben und Obstanlagen nicht eingerechnet. Der Rest besteht aus Natur- und Kunstwiesen, auf welchen die Bauern den grössten Teil des Futters für ihre Tiere produzieren. Brot- und Futtergetreide findet sich auf fast zwei Dritteln des Ackerlandes. Danach werden in abnehmender Reihenfolge Mais, Zuckerrüben, Raps, Kartoffeln und Gemüse angepflanzt. Die restliche Fläche teilen sich Sojabohnen, nachwachsende Rohstoffe (zum Beispiel Chinaschilf), Sonnenblumen, Brache, Futterrüben und Hülsenfrüchte. Für den Anbau dieser Kulturen erhält der Bauer Flächenbeiträge. Ein Telefon beim LID zeigt die Sensibilität der Schweizer Bevölkerung im Bereich der Direktzahlungen auf. Herr Lutz (Name geändert) erkundigt sich, wann der Raps geerntet werde. Hintergrund dieser Frage ist ein Feld in seiner Nachbarschaft, das sich optisch nicht mehr so attraktiv präsentiert wie im Frühsommer, als das Feld in gelber Blüte stand. Er hegt den Verdacht, dass der Bauer den Raps nur gesät hat, um die Anbauprämien (sprich Subventionen) zu erhalten. Das Endprodukt interessiere ihn nicht. Laut Auffassung von Herrn Lutz lässt der Landwirt das Feld vergammeln. Der Bauer produziere für den Abfall. Schnell ist das Missverständnis aus dem Weg geräumt: Rapsfelder sehen kurz vor der Ernte etwas unansehnlich aus, und der Drusch erfolgt erst Mitte Juli. Herr Lutz ist mit der Antwort zufrieden. Als kritischer Zeitgenosse will er das Feld aber weiter beobachten. Von der abwechslungsreichen und reichhaltigen Palette an Ackerkulturen der Landwirte profitieren die Konsumenten, der Tourismus und somit die ganze Schweiz. Zudem weisen die angebauten Kulturen im Verlauf der Saison ihre charakteristische Farbe auf. Sei es beim Getreide erst grün und dann gelb oder beim Raps, wo die Farbe sogar dreimal wechselt, nämlich von grün zu gelb und dann zu braun. Ein Landwirt ernährt 62 Personen 1990 versorgte ein Bauer 44 Personen mit Nahrungsmitteln. 2001 waren es bereits 62 Personen. Dieser Vergleich macht deutlich, dass die Gesamtproduktivität in der Landwirtschaft massiv zugenommen hat. Die gesamte produzierte Menge an Nahrungsmitteln stieg aufgrund des technischen und biologischen Fortschritts stark an. Gleichzeitig hat sich die Anzahl Bauernbetriebe von 93 000 (1990) auf etwa 68 000 (2001) reduziert. Das Sprichwort «Weniger ist mehr» trifft den Sachverhalt also genau. Weniger Bauern leisten mehr die Produktivität steigt. Dazu kommt noch die ständige Erweiterung der Angebotspalette nebst agrarischen Produkten bieten die Bauern heute vermehrt auch Dienstleistungen an; etwa Brunch auf dem Bauernhof, Landdienst, Schlafen im Stroh oder Lama-Trekking, um nur einige davon zu nennen. Die schweizerische Landwirtschaft hat den Verfassungsauftrag, mit ihrer Produktion einen wesentlichen Beitrag zur sicheren Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu leisten. Der Anteil der Inlandproduktion am inländischen Gesamtverbrauch wird allgemein als Selbstversorgungsgrad definiert. Die einheimische Landwirtschaft produzierte im vergangenen Jahrzehnt im Durchschnitt 61,3 Prozent der im Inland verbrauchten Nahrungsmittel (gemessen in Kalorien). Im Bereich pflanzliche Nahrungsmittel lag dieser Wert bei 43,3 Prozent, bei den tierischen Nahrungsmitteln bei 95 Prozent. Von Jahr zu Jahr sind Schwankungen festzustellen. Dies trifft vor allem auf die stark witterungsabhängigen Erträge im Pflanzenbau zu. Besonders in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre wurden grössere Ausschläge registriert. 2001 lag der Selbstversorgungsgrad bei 59 Prozent und war damit drei Prozentpunkte tiefer als 2000. Den Ausschlag gaben die wesentlich geringeren Ernten im Pflanzenbau, welche den Anteil der im Inland produzierten Nahrungsmittel in diesem Bereich von 47 auf 41 Prozent drückten. Bei tierischen Produkten lag der Inlandanteil 2001 bei 94 Prozent gegenüber 91 Prozent im Jahre 2000. Dieser angesprochene Selbstversorgungsgrad ermöglicht es Herrn und Frau Schweizer, einen abhängig vom jeweiligen Produkt grösseren oder kleineren Teil des pro Kopf und Jahr anfallenden Nahrungsbedarfs durch inländische Produkte zu decken. Beispielsweise stammt beim Gemüse nur knapp 60 Prozent aus inländischer Produktion. Noch drastischer ist das Bild im Bereich der pflanzlichen Öle und Fette. Nur rund 20 Prozent dieser Produkte werden in der Schweiz angebaut. Stephan Scheuner, LID |
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