Ausgabe Nummer 14 (2006)

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In kleinen Schritten Ideen verwirklichen

Tag der Thurgauer Bauernfamilien fand unter dem Motto: «Neue Wege gehen, von der Idee bis zum Erfolg» statt

In kleinen Schritten Ideen verwirklichen

Am Tag für die Thurgauer Bauernfamilien begegneten sich sechs Bauersleute und Patrick Rohr, um zusammen über ihre Ideen und persönlichen Erfahrungen mit Veränderungen zu berichten. Eingeladen wurden sie vom Thurgauer Bauernverband (TBV), der seinen Bäuerinnen und Bauern mit diesem Anlass Zuversicht geben will. 120 Personen haben vergangenen Samstag an der Begegnung teilgenommen.

Patrick Rohr beantwortet die Fragen
von Andreas Binswanger, der das
Podium moderierte. Lotti Allenspach
(links) und Marianne Reusser
Schnider und ihr Mann Christof
Schnider Reusser (er fehlt auf dem
Bild): ihr Weg führte weg von der
Landwirtschaft. (kb)

Patrick Rohr, bekannt aus der Sendung «Quer», nimmt die Bäuerinnen und Bauern ernst und sagt auch deutlich, was er von der aktuellen Medienkritik gegen die Landwirtschaft hält: «Wenn man in den Medien liest, dass die Bauern die Faust im Sack machen, stimmt das nicht. Ich spüre eine grosse Liebe und unglaubliche Freude und Leidenschaft zum Beruf.»
Eine Brücke zum landwirtschaftlichen Publikum schlägt der prominente Fernsehmoderator mit einem kleinen Alltagsgegenstand: Er will von den anwesenden Bauernfamilien wissen, wozu eine Büroklammer noch gebraucht werden kann – ausser um Blätter zusammenzuheften. In kurzer Zeit entsteht eine Ideensammlung, mit unkonventionellen, aber durchaus brauchbaren Anwendungen. Leider fehle im Alltag oft die Zeit, gute Ideen zu entwickeln, und unter Druck kreative Ideen zu finden ist meist schwierig, das weiss Rohr aus Erfahrung.

Bauer aus Leidenschaft

Die Zeit, seinen Gedanken freien Lauf zu geben, damit Ideen entstehen können, findet der junge Bauer Thomas Lehner bei einfachen Arbeiten. Er schwört auf zwei Standbeine in der Landwirtschaft: «Mein Herz schlägt für die Zucht. Aber das rentiert zu wenig, darum produziere ich auch Kirschen und Aprikosen.» Ein Leben ohne Landwirtschaft kann er sich heute nicht vorstellen. So geht es auch seinem Berufskollegen Fritz Waldspurger. In diesem Punkt sind sie sich einig. Unterschiedlich sind aber ihre Ansichten, wie der Weg zum Erfolg aussieht. Waldspurger hat seinen Betrieb bewusst von mehreren Standbeinen auf einen Betriebszweig spezialisiert, um damit den Arbeitsanfall zu reduzieren. Seine Quelle für neue Ideen ist vor allem seine Frau. Das Bauersein sieht er für sich persönlich als einzig gangbaren Weg, und er besitzt Zuversicht: «Ich glaube, es hat Zukunft, etwas aus der Natur zu erwirtschaften.»

Weg von der Landwirtschaft

Ganz anders verläuft die Geschichte, die Lotti Allenspach erzählt. Schmerzlich war es für sie und ihren Mann, sich von der Landwirtschaft zu lösen und auch schwierig, im Alter von 56 Jahren nochmals eine neue Arbeit zu finden. Ein Schritt auf dem neuen Berufsweg war die Weiterbildung als Rotkreuzhelferin. Heute arbeitet die ehemalige Bäuerin als Pflegerin. Aber die Entscheidung, der Landwirtschaft den Rücken zu kehren, fiel ihr schwer, und auch heute trauert sie dem Vergangenen ab und zu nach. Ganz will sie den Kontakt zur Landwirtschaft nicht aufgeben. Darum arbeitet sie während der Obsternte als Waagmeisterin, wo sie wenigstens während der Erntezeit auf bekannte Gesichter trifft.
Ihr Rat an die anwesenden Bauernfamilien ist: «Habt Mut zu neuen Wegen und auch den Mut, zu Fehlentscheiden stehen zu können.»
Wieder anders hat das junge Ehepaar Marianna Reusser Schnider und Christof Schnider Reusser seinen Weggang vom Bauernstand erlebt. Ein wichtiger Wegweiser auf dem neuen, gemeinsamen Weg war Reussers Beruf als Kindergärtnerin, den sie auch nach der Heirat beibehalten hatte. Als Bauernfamilie betreute das Ehepaar neben den eigenen Kindern auch Pflegekinder, und mit der Zeit wurde klar, dass beiden diese Arbeit liegt. Nach Weiterbildungen als Heilpädagogin und einem Studium zum Pädagogen haben die beiden ihre gemeinsame Berufung gefunden – die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Was bringt die Zukunft?

Nochmals an einem anderen Ort steht Therese Huber. Zusammen mit ihrem Mann bewirtschaftet die Bäuerin einen gemischten Betrieb. Er arbeitet zusätzlich Teilzeit als Besamungstechniker, sie engagierte sich neben der Arbeit auf dem Hof als Sektionspräsidentin für den Landfrauenverein Hefenhofen-Sommeri. Vor knapp einem Monat wagte Huber hier einen grossen Schritt, für den sie all ihren Mut zusammennehmen musste: Sie übernahm das Amt als Präsidentin des Thurgauer Landfrauenverbandes.
Wie die nächsten zehn Jahre aussehen werden, kann sie sich jetzt noch nicht vorstellen. Ihre Kinder sind bald erwachsen und fliegen aus, den Hof werden sie wohl nicht übernehmen. Für die nähere Zukunft wünscht sich die engagierte Bäuerin, dass sie den Hof noch eine Weile so weiterführen können wie bisher.

Fritz Waldspurger (links) und Thomas
Lehner können sich ein Leben ohne
Hof nicht vorstellen. Für Therese
Huber ist ungewiss, wie die Zukunft in
zehn Jahren aussehen wird. (kb)

Einen Schritt zurück machen

Patrick Rohr zeigt sich beeindruckt von diesem Vormittag mit den Thurgauer Bäuerinnen und Bauern. Er habe viel aus dem gelernt, das erzählt wurde, auch für seine Sendung «Quer». Er vergleicht die landwirtschaftliche Produktion mit der Fernsehproduktion, in der er tätig ist. Dort spürt auch er den Druck der ausländischen Konkurrenz mit den Privatsendern und ihren billigen Produktionen.
Offen erzählt er auch von den schwierigen Erfahrungen, die er bei seinem Start in der Politsendung «Arena» gemacht hatte und wie er die plötzlich auftauchenden Hindernisse überwunden hat. Zeit, sich auf den neuen Job vorzubereiten, habe er damals keine gehabt. Unbeschwert, mit der Einstellung‚ es werde dann schon gehen, sei er bei der Arena als neuer Moderator eingestiegen. Dass dazu so wenig Vorbereitung notwendig sei, war eine Fehleinschätzung. Das zeigte ihm dann spätestens die Kritik der Medien; sie war lange Zeit vernichtend. Das alte Arena-Konzept hatte hervorragend zu seinem Vorgänger Filippo Leutenegger gepasst, funktionierte aber mit seiner Persönlichkeit überhaupt nicht. In dieser schwierigen Situation sei er dann einen Schritt zurückgegangen und habe überlegt, was man mit der Sendung sonst noch machen könne. Hier hilft das Beispiel mit der Büroklammer: «Versucht man etwas scheinbar Alltägliches aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, kommen gute Ideen», ist Rohr überzeugt. Das Arena-Konzept hat er dann in kleinen Schritten so verändert, bis es endlich zu ihm passte, und tatsächlich, der Erfolg kam.

Weg von der Opferrolle!

Abschliessend mahnt Medienprofi Patrick Rohr die Thurgauer Bäuerinnen und Bauern, dass sie sich nicht als Opfer sehen sollen. «Auch wenn man unter Druck steht, exponiert und kritisiert wird, darf man sich nicht als Opfer sehen, sonst bleibt man das Opfer», weiss er aus seiner schwierigen Anfangszeit in der Arena. Die Bauern sollen zu Taten schreiten und aktiv etwas machen und, auch wenn die Situation schlecht aussehe, das Beste daraus machen.

Kathrin Bäurle