Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Oktober 2018


Innerschweizer Obstbauern besuchten den Thurgau

Ausgabe Nummer 37 (2015)

Neue Entwicklungen im «mechanischen Baumschnitt » interessieren schweizweit. Deshalb reisten am 25. August 2015 38 Obstbauern und -bäuerinnen in die Ostschweiz. Sie besuchten zwei renommierte Obstbaubetriebe, die eigene Erfahrungen mit dem mechanischen Schnitt gemacht haben. Bei prächtigem Wetter empfing Thomas Hungerbühler, Neukirch- Egnach, die Luzerner und Zuger Obstbauern sowie weitere Lieferanten der Obsthalle Sursee. Am Nachmittag besichtigte die Reisegruppe den Betrieb von Beat Beerli in Müllheim und Hörhausen.

Die Reise organisierten Louis Sutter, Fachstellenleiter Obstbau des Kantons Zug und Berater der Obsthalle Sursee, sowie Markus Hunkeler, Obstbauberater des Kantons Luzern. Unter den Besuchern waren auffallend viele junge Obstbauern. Einige Teilnehmer hatten schon erste Erfahrungen mit dem mechanischen Schnitt im eigenen Betrieb gemacht, besonders bei Kirschen. Betriebe mit mehrjährigen Erfahrungen und grossflächigem Einsatz sind aber dünn gesät. Frei nach dem Motto «von den Besten lernen» kamen neugierige Obstbauern der Zentralschweiz an den Bodensee. Sie hatten eine richtungsweisende Wintertagung zu diesem Thema und wollten nun sehen, wie der Fruchtbehang nach solchen Eingriffen effektiv aussieht.
Thomas Hungerbühler, Neukirch-Egnach, begrüsste die Reisegruppe auf seinem Hof und begann seinen Werdegang. Er habe sein Hobby zum Beruf machen dürfen. Sein Hollandaufenthalt in den frühen Achtzigerjahren sei für ihn prägend gewesen, wie auch die Beraterkontakte zu Jan Houter und Fritz Nüberlin. 1990 hatte er den elterlichen Hof übernommen und drei Jahre später Hagelnetze aufgebaut. 2000 war für ihn ein Schlüsseljahr, weil er Johann Nicolaï, den Züchter der Clubsorte Greenstar kennenlernte. Kurz darauf pflanzte Thomas Hungerbühler die erste Anlage. 2008 gründete er mit den Baumschulen Beat Lehner, Wellhausen und Markus Kobelt, Buchs die Fruture GmbH, um neue Apfelsorten wie Redlove an den Markt zu bringen. Gegenwärtig stehen in seiner Versuchsanlage hinter dem Haus 140 Sorten. Eine gute Investition war 2009 der Wasserspeicher mit 5500 m3 neben dem Hof, besonders in einem heissen Jahr wie diesem. Sein Betrieb konnte in den letzten Jahren kontinuierlich auf 30 Hektaren wachsen, da Obstbaubetriebe in der Umgebung altershalber aufgegeben wurden. Gegenwärtig baut Thomas Hungerbühler je 7 Hektaren Kirschen und Birnen an, der Rest sind Apfelkulturen mit den Hauptsorten Greenstar, Gala und Redlove.

Wann ist der richtige Schnittzeitpunkt
Es gab viel zu diskutieren, wann der rechte Zeitpunkt sei. Das unterscheide sich daran, was der Obstbauer mit dem mechanischen Schnitt bezwecken will, so Hungerbühler. Licht in den Baum, Farbe auf den Früchten, Knospenansatz fürs Folgejahr, Triebkraft steuern, Schnitt- oder Auspflückstunden reduzieren, mehr Platz bei der Ernte, Ertrag mit den Arbeitsstunden optimieren, das sind nur ein paar Gründe für den mechanischen Schnitt. Hungerbühlers Ziel: «Etwas mehr Triebe und Wuchs für ordentliche Erträge, was 2 bis 3 mm mehr Fruchtdurchmesser bringt, bei weniger Handarbeit. Bei mir zählt der Frankenertrag und nicht der Kiloertrag pro m2».
Beim Spritzen und Mulchen wird mit 9,8 km/h gefahren. Alle Spritzmittel und Blattdünger werden mit 120 l Wasser pro Hektare ausgebracht, aber mit den passenden Zusätzen wie beispielsweise «Sticker». Er führt alle wichtigen Pflegearbeiten selbst aus, was einen gewissen Zeitdruck erzeugt, dem er aber mit dem mechanischen Schnitt begegnet.
Kirschen und Birnen werden in der Regel nach der Ernte mechanisch geschnitten, Äpfel Mitte bis Ende August, je nach Niederschlägen. Am längsten Tag, bei 14 Blätter am Langtrieb, in der Nachblüte, in der Rotknospe oder Winterruhe den Schnitt vorzunehmen, hat sich bei wenigen Sorten und Situationen als ideal erwiesen. Sorten wie Breaburn, die am einjährigen Holz gut tragen, sind besonders prädestiniert für mechanischen Schnitt. 40 Handschnittstunden sind bei ihm jährlich durchschnittlich nötig, um hängendes Holz oder «gestaute Langtriebe» zu reduzieren und starkes Handauspflücken zu umgehen.

Kirschen mit verschiedenen Baumformen.
Auf dem Betrieb sieht man eine äusserst interessante Entwicklung in der Kirschenerziehung von Spindeln, V-Formen, Schrägpflanzungen und UFO-Anlagen (Upright Fruiting Offshoot = Aufrechte Fruchtäste am Ableger). «Man sieht den Anlagen die Beobachtungsgabe des Betriebsleiters an», meinte Jacky Wildisen, Pflanzenschutzberater bei Stähler und selber Kirschenprofi. Während seine Erntehelfer am Pflücken sind, ist Thomas Hungerbühler bereits wieder mit der Schere oder dem Seitenschneider in den abgeernteten Kulturen unterwegs. Pflanzabstände von 3 mal 1,5 m seien für ihn am besten geeignet für den mechanischen Schnitt, so Hungerbühler. Wegen des engen Reihenabstandes ist man gezwungen, die Bäume schlank zu halten. Eine Hektare benötigt etwa zwei Stunden für den mechanischen Schnitt. Mit einem Stundenansatz von 240 Franken entstehen Kosten von rund 500 Franken pro Hektare, was rund 80 Stunden pro Hektare mal 25 Franken = 2000 Franken pro Hektare Handarbeit ersetzt. Bei Stammkunden schneidet er inzwischen jährlich 50 bis 60 Hektaren mechanisch.

Beat Beerli, Hörhausen
Nach dem Mittagessen im Landgasthof Seelust, Wiedehorn, Egnach, führte der Car die Reisegruppe nach Müllheim, wo sie von Beat Beerli empfangen wurden. 2005 hat er den elterlichen Betrieb mit drei Hektaren Anlagen in Hörhausen übernommen. Sukzessiv baute er ihn auf 22 Hektaren Äpfel und 2 Hektaren Kirschen aus. Die ältesten Apfelbäume sind 8 Jahre alt, die Kirschenanlage zum Teil 15 Jahre. 2009 kam ein Betrieb in Müllheim von 6 Hektaren Anlagen mit Bewässerung dazu. Im umgebauten Bauernhaus stehen 18 Zimmer für Polen und Slowaken bereit. Die Anlagen wurden erneuert. Die meisten Bäume sind auf 3,4 mal 1,1 m gepflanzt. Die wichtigste Sorte ist Gala mit 5 Hektaren, gefolgt von Golden mit 4, Diva und Summerred mit je 3, Redlove mit 2,5, Breaburn und Jonagold mit je 2, und Greenstar wie übrige mit je 1 Hektare. Mit Kollegen habe er viel über «schöne Bäume» diskutiert. Schlussendlich müsse es im Betrieb praktisch ablaufen, so Beerli. Im Aufbau der Anlage schneiden drei Polen an jedem Baum nach einem bestimmten Schema immer drei gleiche Schnitte. Seine Gala wurden im fünften Jahr zum ersten Mal maschinell geschnitten. Es wird auch mit dem Fadengerät Fruchtausdünnung gemacht, das braucht schlanke, hohe Bäume. Breaburn, Diva und Gala gingen besonders gut mit dem mechanischen Schnitt. Wurzelschnitt mache er in der Folge weniger, weil Wachstum verloren geht. Neu pflanzt Beat Beerli die Bäume 3,4 mal 0,63 m, was 4000 Bäume pro Hektare ergibt. Die Investitionen benötigen hohe Anfangserträge. Engpflanzungen geben schön kurzes Fruchtholz, das ist wichtig, weil die Früchte sonst gerne nur noch an der Peripherie wachsen.
Beim Apéro mit «Redlove-Schaumwein» verdankte Louis Sutter den Einblick in die Betriebe. Die Innerschweizer Besucher zeigten sich beeindruckt vom Thurgauer Obstbau und nahmen viele positive Eindrücke mit.


Paul Wirth,
Berg































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