Ausgabe Nummer 6 (2010)

zurück zur Übersicht

Interreg IV, gemeinsam gegen Feuerbrand:

Projektschwerpunkt Kulturmassnahmen

 

In Apfel- und Birnbäumen, die keine Feuerbrandsymptome zeigten, konnte man das Feuerbrandbakterium Erwinia amylovora nachweisen. Dies ist eines der Zwischenergebnisse aus dem Interreg IV-Projekt.

 

Organisationen aus den Ländern Deutschland, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz arbeiten im Rahmen des Interreg IV-Projektes zusammen an der Bekämpfung des Feuerbrandes (www.feuerbrandbodensee. org). Schwerpunktmässig werden die Bereiche Wirkstoffe, tolerante Sorten sowie Kulturmassnahmen angeschaut. In diesem Artikel werden die Zwischenergebnisse aus dem Bereich Kulturmassnahmen vorgestellt. Weitere Berichte zu dem Gebiet «Sorten» sowie «Wirkstoffe » werden folgen.

 

Zwischenergebnis 2008 bis 2009

Im Interreg IV-Projekt «Gemeinsam gegen Feuerbrand» wurden in den Jahren 2007 und 2008 in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und Zürich sowie im Bundesland Vorarlberg durch die länderübergreifende Projektgruppe Kulturmassnahmen Versuchsfl ächen beziehungsweise Bäume ausgeschieden.
Die Untersuchungen an den Versuchsparzellen beziehungsweise Bäumen sollen Antworten geben auf die Frage der notwendigen Kulturmassnahmen im Feldobstbau, um die einheimische Rohstoffproduktion für Mostereien auf Hochstamm längerfristig sicherzustellen. Der Erhalt der Hochstammbäume leistet zudem einen wichtigen Beitrag zur Prägung des Landschaftsbildes im Bodenseeraum. Eine wichtige Frage ist in diesem Zusammenhang, welches Gefahrenpotenzial von einmal mit Feuerbrand befallenen Hochstammbäumen auf die Kernobstbäume der Umgebung ausgeht? Eine zweite Frage befasst sich mit der Abklärung des Einfl usses der Art der Sanierungsmassnahme auf dem Befallsfortschritt respektive auf den Befall in den Folgejahren. Ein dritter Projektteil soll klären, ob sich in einem Gebiet mit hohem Befallsdruck junge tolerante Hochstammsorten befallsfrei entwickeln können.
Die acht Versuchsfl ächen in der Schweiz sowie die acht Versuchsfl ächen in Vorarlberg haben alle eine unterschiedliche Vergangenheit, was das Thema Feuerbrand anbetrifft. Das Spektrum reicht von überalterten ungepfl egten Beständen mit teils hochanfälligen Sorten bis hin zu Parzellen mit gepfl egten Neupfl anzungen von robusten Sorten. Mit Ausnahme der jungen Hochstammbestände (zwei Parzellen, ohne Blüte bis einschliesslich 2008) wiesen alle Parzellen im Jahr 2007 einen mittleren bis starken Feuerbrandbefall auf. Rodungen wurden keine vorgenommen. Der Rückschnitt reichte von Ausbrechen der braunen Blütenbüschel bis zum teilweise mehrmaligen Rückschnitt ins symptomlose Holz. Auf einigen ausgewählten Standorten wurden keine Sanierungsmassnahmen vorgenommen. Im Jahr 2008 fi el das Ausmass der Blüteninfektionen aufgrund der teils schwachen Blüte (Alternanzjahr im Feldobstbau) und den Witterungsbedingungen während der Blüte etwas geringer aus als im Jahre 2007.
Im Jahr 2009 ist bis Ende Oktober bei den Versuchsbäumen nur sehr wenig sichtbarer Feuerbrandbefall festgestellt worden. In unmittelbarer Nähe der Versuchsbäume von zwei Parzellen sind Birnbäume mit Altbefall vorhanden. Befallsfortschritt ist bei diesen Birnbäumen deutlich erkennbar. Apfelbäume von hochanfälligen Sorten, die im Jahr 2007 sehr starken Befall aufgewiesen hatten, sind auch bei reichlicher Blüte im Jahr 2009 und unterschiedlichen Kulturmassnahmen in den Jahre 2007 und 2008 ohne sichtbaren Feuerbrandbefall. Im Vergleich zu den Jahren 2008 und 2007 blühten sehr viele Hochstammbäume bereits vor der Periode mit einer sehr hohen Infektionsgefahr ab, zudem erreichte das berechnete Erregerinfektionspotenzial nicht das Ausmass der beiden Vorjahre. Das Jahr 2009 konnte daher für Feldbeobachtungen bei ungünstigen Blüteninfektionsbedingungen genutzt werden.
Seit Juli 2008 wurden die Versuchsbäume in den einzelnen Parzellen neunmal auf Latenzbefall beprobt. Eine Probe besteht aus symptomlosen Trieben (Neuzuwachs und ein- bis zweijährige Triebe) und, soweit vorhanden, aus symptomatischem Pfl anzenmaterial. Vom Ballonstadium bis Ende Blüte bestanden die Proben aus Mischproben von Blüten. Die Untersuchungen der Schweizer Proben erfolgten an der Universität Konstanz. Insgesamt wurden 1235 Proben analysiert. Die 650 Proben aus Vorarlberg wurden von der AGES in Wien untersucht.

 

Zwischenergebnis

– Es gibt Latenzbefall! Apfelbäume und Birnbäume können Träger des Feuer19 brandbakteriums Erwinia amylovora sein, ohne dass Symptome sichtbar sind. Die Zellzahl in nicht symptomatischem Gewebe kann bis zu 108 Zellen/g Gewebe betragen. Bis Dato konnte kein signifi kanter Einfl uss zwischen einzelner Sorten und dem Ausmass der Kulturmassnahmen festgestellt werden. Hochanfällige Apfelsorten weisen jedoch in der Tendenz im befallenen nicht symptomatischen Gewebe eine höhere Zellzahl auf als robuste Sorten.
– Weitere Wirtspfl anzenarten wurden im Interreg IV-Projekt nicht untersucht.
– Mit der Analysemethode Real Time PCR werden sowohl lebende wie tote Bakterien nachgewiesen. Methoden zur Quantifi zierung dieses Verhältnisses sind an der Universität Konstanz in Entwicklung.
– Latenzbefall können auch Bäume aufweisen, die selber nie optisch sichtbaren Feuerbrandbefall aufwiesen. Die Zellzahl bei diesen untersuchten Proben ist aber geringer. Derzeitige Vermutung: Ansteckung durch die befallenen Bäumen in der unmittelbaren Umgebung.
– Sanierungsmassnahmen müssen zum Ziel haben, das Infektionspotenzial möglichst tief zu halten.

 

Offene Fragen:

– Welche Gefahr geht von latent befallenen Bäumen aus? Werden sie zu neuen Infektionsquellen?
– Gibt es eine Art Toleranzwert von Zellzahlen im Gewebe hinsichtlich der Symptombildung (Erreger im Gewebe jedoch keine Symptombildung/sehr viele Erreger im Gewebe und Ausprägung von Symptomen)? Existieren hinsichtlich Toleranzwert Sortenunterschiede (robuste versus hochanfällige Sorten)?
– Wann und mit welcher Intensität sollte ein Rückschnitt durchgeführt werden?

 

Ausblick 2010

Am Versuchslayout werden nur kleine Optimierungen vorgenommen. Zusätzlich zum festgelegten Untersuchungsprogramm werden die oben erwähnten Fragen bei der Feld- und Laborarbeit bestmöglichst mitberücksichtigt. Je nach Witterung und Verlauf der Infektionsbedingungen während der Blüte 2010 können die offenen Fragen weiter untersucht werden.

 

BBZ Arenenberg, Pfl anzenschutzdienst, Hermann Brenner, Urs Müller