Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Oktober 2018


IOBC-WPRS Meeting am BBZ Arenenberg

Ausgabe Nummer 42 (2017)

Der frühe Vogel fängt den Wurm

Engagierte Forscher des integrierten Pflanzenschutzes im Freilandgemüsebau tagten vom 2. bis 6. Oktober 2017 bei Agroscope Wädenswil und am BBZ Arenenberg. Die Internationale Tagung findet alle zwei Jahre statt. Dabei kommen Berater und Wissenschaftler zusammen, um angewandte Forschung und Grundlagenforschung im integrierten Pflanzenschutz im Freilandgemüsebau vorzustellen und zu diskutieren.

Für jeden etwas dabei
Die Teilnehmer wurden am ersten Tagungstag bei Agroscope Wädenswil empfangen und bekamen einen Einblick in deren Forschung und Tätigkeiten zum integrierten Pflanzenschutz im Freilandgemüsebau in der Schweiz. Das anschliessende Seminar, mit wissenschaftlichen Vorträgen und Diskussionen, wurde am BBZ Arenenberg in Salenstein TG durchgeführt. Auf dem Programm standen Themen von europäischem Interesse zum integrierten Pflanzenschutz im Freilandgemüsebau.

Kulturell vielfältig ist er bekanntlich, der schöne Arenenberg und wusste auch den gestandenen Wissenschaftlern zu gefallen. Bei einem geführten Rundgang durch Schule, Gärten, Weinkeller und Schloss fand ein geselliger Austausch statt, etwas abseits des sonst sehr wissenschaftlich geprägten Alltags der Gäste aus ganz Europa.

Der frühe Vogel fängt den Wurm ist das Motto von Xavier Mesmin aus Frankreich. Er forscht nach natürlichen Gegenspielern, welche die Eier der Kohlfliegen und deren Larven verzehren. Dabei untersuchte er Käfer, die im Feldbau vorkommen und stellte fest, dass diese im Frühling bei der stärksten Eiablage der Kohlfliege einen erheblichen Beitrag zur natürlichen Reduktion der Kohlfliegeneier leisten. Zudem zeigte sich, dass eine reduzierte Bodenbearbeitung im Juni und August des Vorjahres, einen positiven Einfluss auf das Vorkommen der nützlichen Käfer-Gegenspieler im Folgejahr hat. Ebenso «zerstört» eine frühe Bodenbearbeitung im Frühling viele der nützlichen Käfer, welche unter anderem Kohlfliegeneier auf ihrem Speiseplan haben. Die Suche nach dem «frühen Vogel, welcher den Wurm, beziehungsweise das Ei frisst», geht also weiter.
Ebenfalls in Frankreich wird an der push-pull-Strategie gegen die Kohlfliege gearbeitet. Fabrice Lamy gelang es in einem Broccoli-Feldversuch die Kohlfliege mittels Eucalyptusextrakt aus der Kultur zu pushen und in den attraktiven Chinakohl zu «pullen », der als dicht gepflanzter Lockgürtel um das Feld angelegt wird. Dabei resultierte eine beachtliche Abernte-Rate von 73 % beim Broccoli und 65 % beim Chinakohl.
Belen Cotes forscht an der Uni Kopenhagen nach pathogenen Pilzen, die als natürlicher Feind gegen die Kohlfliege eingesetzt werden können. Kohljungpflanzen wurden mit dem Gegenspieler-Pilz inokuliert und unter verschiedenen Bedingungen getestet. Die so behandelten Pflanzen zeigten sich sehr attraktiv für die Eiablage der Kohlfliege. Die guten Ergebnisse im Laborversuch liessen sich leider im Feldversuch bisher nicht bestätigen. Das Verhalten der Kohlfliege ist komplex und die Studien werden weitergeführt.
Daniel Wilson untersucht an der Universität Warwick in Grossbritannien den Befall von Feldgemüse mit Läusen. Das Ziel seiner umfassenden Studien ist unter anderem die Weiterentwicklung eines Frühwarnsystems, welches die Produzenten vor dem ersten Einflug und dem Hauptflug der Grünen Pfirsichblattlaus warnt, um Pflanzenschutzmassnahmen möglichst gezielt und integriert ausführen zu können. Nelli Rempe-Vespermann untersucht am Julius- Kühn-Institut in Deutschland die Biologie der Gegenspieler der Karottenminierfliege. Die Larven des Schädlings verursachen Schäden im oberen und mittleren Teil von Karotten und dies vorwiegend von Mai bis August. Drei verschiedene Schlupfwespen sind als natürliche Gegenspieler bekannt. Ebenso intensiv und aufwendig ist die Untersuchung von biologischen Möglichkeiten zur Bekämpfung der Lauchminierfliege.
Auch Phytopathologen arbeiten intensiv an integrierten Möglichkeiten des Pflanzenschutzes. Malgosia Jedryczka forscht am polnischen Institut für Pflanzengenetik in Poznan nach Resistenzen gegen die gefürchtete bodenbürtige Pilzkrankheit Kohlhernie. Je nach Land sind verschiedene Pathotypen vorhanden. Der Pilz kann sämtliche Kreuzblütler als Wirtspflanze nutzen und seine Sporen können 20 Jahre lang im Boden überleben. Von Kohlhernie sind mittlerweile 10 % der weltweit angebauten Kreuzblütler- Kulturen betroffen.

«Von Rosenkohl bis Saatzucht»
Zur Auflockerung der intensiven Seminararbeit fand ein Tagesausflug in der Region Untersee und Rhein statt. Walter Koch begrüsste die Forscher in Stammheim bei der Rathgeb BioProdukte AG. Der diesjährige immense Druck von Kohlmottenschildläusen im Broccoli- und besonders im Rosenkohlanbau stellen eine Herausforderung dar, welche auch die fachkundigen Besucher aufhorchen liess. Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht.
Weiter ging es zu Ott Gemüsebau nach Basadingen, wo Hans Ott persönlich die Gäste durch seine Gewächshauskulturen (Tomaten, Gurken) und seine Heiz- und Wasseraufbereitungsanlage führte.
Amadeus Zschunke wusste mit seinen Ausführungen und einem ausführlichen Rundgang zur Gemüsezüchtung bei Sativa Rheinau zu begeistern. Dass die kleine Schweiz noch biologisches Gemüsesaatgut vermehrt und züchtet, war den ausländischen Gästen nicht bekannt. Besser bekannt war da schon der Rheinfall in Schaffhausen, dessen Besuch den Abschluss des Ausflugs bildete. Durch den Klimawandel und den Wegfall von Wirkstoffen gewinnt der integrierte Pflanzenschutz wieder an Bedeutung. Kohlhernie, Thrips, Weisse Fliege, Kohlfliege und Co. beschäftigen ganz Europa. Es sind Schaderreger, die mit Fallenüberwachung, Feldkontrollen und Warndienstinformationen gezielter angegangen werden können. Dazu ist aber Grundlagenund angewandte Forschung nötig. Es ist wichtig und begrüssenswert, dass sich die Forschung auf diesem Gebiet gut vernetzt und ausführlich austauscht. Nur so können Instrumente zur integrierten Arbeitsweise für Gemüseproduzenten entwickelt werden. Forschung benötigt Zeit, Ausdauer und Ressourcen. In Zeiten der immer grösser werdenden Auflagen im Bereich Pflanzenschutz darf hier nicht gespart werden.


Margareta Scheidiger
BBZ Arenenberg
















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