Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Oktober 2018


Je billiger desto grösser der Preisdruck

Ausgabe Nummer 31 (2017)

Was dürfen importierte Produkte kosten?

Immer wieder wird die Frage gestellt, was importierten Produkte kosten dürfen. Je billiger Importprodukte im Nahrungsmittelbereich sind, desto grösser wird der Druck auf die inländischen Produzentenpreise.

Bundesrat Johann Schneider-Ammann machte kürzlich sehr brisante Aussagen bezüglich der Bekämpfung der Hochpreisinsel im Hochlohnland Schweiz. «Die Politik hat zwei Möglichkeiten, für Unternehmen bessere Rahmenbedingungen zu schaffen, nämlich die Bürokratie zu reduzieren und Schranken für den Handel zu beseitigen oder gering zu halten». Eine Aussage, welche aufhorchen lässt und bezüglich der Landwirtschaft brisant ist. Ohne den Grenzschutz bei Milch, Fleisch, Gemüse und Früchten oder auch Getreide und Ölsaaten gäbe es ohne den heutigen Strukturen keine Inlandproduktion mehr. Deshalb drängt sich die Frage auf, ob der Volkswirtschaftsminister mit der Aussage die Schranken für den Handel zu beseitigen, nicht auch diese sensiblen Agrarerzeugnisse meint, und dabei hofft, dass das Schweizer Stimmvolk dem Gegenvorschlag der Ernährungsinitiative zustimmt. Immer wieder sind es Konsumentenorganisationen, die mit Preisvergleichen auf die grossen Preisspannen zwischen der Schweiz und dem angrenzenden Ausland hinweisen, und womit auch der Einkaufstourismus erklärt wird. So können heute trotz Zöllen beispielsweise Importjoghurts bei Discountern und Grossverteilern günstiger als inländische angeboten werden. Wohl versichert der Schweizer Konsument immer wieder, dass er gerne bereit sei für Schweizer Produkte mehr zu bezahlen. Doch wenn es dann ums Geld geht, ist der Griff zum billigeren Produkt schnell gemacht. Man muss sich deshalb bewusst sein, dass mit dem verstärkten Preisdruck auf die Nahrungsmittelpreise weiter an der Spirale nach unten gedreht wird.
«Werden grundsätzlich importierte Erzeugnisse durch verschiedene Massnahmen in der Schweiz noch billiger, so geraten die analogen gleichwertigen inländischen Erzeugnisse ebenfalls unter Druck.»
Die Gründe für die hohen Schweizer Preise sind grundsätzlich auf alle Glieder der Versorgungskette bis hin zu den Konsumenten mit ihren oftmals eher gewerblichen Strukturen und unzähligen Labels zurückzuführen. Allein schon die Bewerbung und Vermarktung der verschiedenen Labels kostet landesweit Millionen von Franken, welche der Produzent zu tragen hat. Wenn in einer Metzgerei ennet der Grenze das Kilogramm Schweinebraten 3,99 Euro kostet, so muss sich jeder Metzger oder Detaillist in der Schweiz fragen, wie dies möglich ist, da dieser Preis nicht einmal seine Bruttomarge deckt, geschweige dem Schlachtpreis entspricht. Alle weiteren Stellen nach der landwirtschaftlichen Produktion stehen entsprechend unter Druck, mit mehr Verkaufsvolumen diesem Margendruck zu begegnen. Dies heisst grössere und umsatzstärkere und dadurch viel weniger Verarbeitungs- und Veredlungsbetriebe sowie Läden.

Sorgenkind Milch
Diese tragische Entwicklung spürt gerade die Milchproduktion, welche in der Schweizer Landwirtschaft die wichtigste Rolle spielt und auch im direkten Zusammenhang mit der gesamten Kalb- und Rindfleischproduktion steht. Doch dieses weisse Gold hat in den letzten Jahren viel an Glanz verloren und das europäische Umfeld liess den Milchpreis in den Keller fallen. Dies nachdem man mit der Liberalisierung des Käsehandels ab 2007 mit der EU auf neue grosse Exportmärkte hoffte. Seither nahm die Schweizer Bevölkerung um 834 206 Einwohner (+ 8,5 %) zu, die Milchmenge stieg lediglich aber nur um 3,4 % an. Gleichzeitig verlor die Schweiz wertvolle Marktanteile, indem die Pro-Kopf-Produktion um 16 kg auf 394 kg (– 3,9 %) sank. Die Milchverwertung bezüglich dem liberalisierten Käse stagnierte gar auf demselben Niveau wie vor 10 Jahren. Den zusätzlichen Inlandbedarf an Milcherzeugnissen und vorhandene inländische Marktanteile insbesondere beim Käse werden mit steigenden Importen abgedeckt. Konkret konnte die Schweiz ihre Exportmenge um 10 895 t (+18,4 %) steigern, wobei 8942 t (+18,5 %) zusätzlich in die EU und 1979 t (+17,9 %) auf die übrige Welt entfielen. Gleichzeitig schaffte es die EU, ihre Exporte in die Schweiz um 55,9 % (+20 872 t) zu steigern. Die jüngsten Marktdaten für die erste Jahreshälfte 2017 bestätigen den Trend mit rückläufigem Export und steigendem Import. Es ist somit der Milchwirtschaft nicht gelungen, im Inland die Marktanteile anteilsmässig zu halten, respektive zusätzliche Märkte zu erobern. Einkaufstourismus und vor allem Billigimporte machten hier der Schweizer Milchwirtschaft einen Strich durch die Rechnung. Ein wesentlicher Kostentreiber bezüglich der inländischen Milcherzeugnisse sind die eher kleinen gewerblichen Strukturen in der Schweizer Milchwirtschaft. In der Schweiz verarbeiten rund 600 Käsereien 1 200 000 t Milch zu 100 000 t Rohmilchkäse und weitere 90 Gross-, Mittel- und Kleinmolkereien 2,2 Mio. t zu weiteren Milchprodukten.

Viele andere betroffen
Wird der Zoll- und Grenzschutz in den Bereichen wie Fleisch, Früchte oder Gemüse nur leicht gelockert, so drohen der Produktion bereits markante Preissenkungen. Fallen beispielsweise die Zölle auf Brot- wie Futtergetreide oder auch auf importiertem Speiseöl weg, so haben diese Erzeugnisse keine Marktchancen, weil die Erlöse um 30 bis 50 % einbrechen würden. Wenn man aber an der Schraube für weniger Administration und Auflagen dreht, werden auch ganz andere bisher «geschützte» Märkte ebenfalls betroffen sein. Nicht nur die Landwirtschaft und die Schweizer Löhne (flankierende Massnahmen) geniessen einen strikten Grenzschutz, sondern es gibt noch viele mehr. So ist beispielsweise das inländische Personen- und Gütertransportgewerbe vor ausländischer Konkurrenz geschützt, indem Busse und Lastwagen mit ausländischen Kontrollschildern keine Binnentransporte in der Schweiz ausführen dürfen.


Roland Müller




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