Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
7. Dezember 2018


Je breiter, desto schlimmer

Ausgabe Nummer 2 (2017)

Antibiotikaresistente Bakterien sind für Rückversicherer so schwerwiegend wie Erdbeben, sagte Roger Stephan am Agrarzyklus in Weinfelden.

Die Problematik rund um antibiotikaresistente Bakterien und der hochkarätige Referent Roger Stephan, Direktor des Instituts für Lebensmittelsicherheit und –hygiene der Universität Zürich, waren Grund genug, dass sich mehr als 100 Interessierte zum ersten Abend des diesjährigen Agrarzyklus der Volkshochschule Mittelthurgau in Weinfelden einfanden. Nicht nur Leute aus der Landwirtschaft, auch viele Konsumentinnen und Konsumenten interessierten sich für das Thema und stellten nach dem Referat engagiert Fragen an den Fachmann. Roger Stephan schilderte gleich zu Beginn seiner Ausführungen, dass er eigentlich plante, als normaler Tierarzt in einem Berggebiet zu arbeiten und mit dem Skibob von Hof zu Hof zu fahren. Doch sein Interesse an der Komplexität der Lebensmittelsicherheit habe ihn in die Forschung und schliesslich zum Institutsleiter an der Universität Zürich geführt. Heute beschäftigt ihn und seine Mitarbeiter, dass jährlich rund 2 Millionen Menschen an dem sterben, das sie essen. Und dies nicht nur in Drittweltländern, sondern auch in der Schweiz. Das sei Ansporn genug, die Forschung auf diesem Gebiet voranzutreiben, so Stephan.

Der Kampf muss geführt werden
Multiresistente Bakterien als Damoklesschwert zu bezeichnen, sei gar nicht so falsch, erklärte Stephan. Auch die Weltgesundheitsorganisation WTO gehe nach neuesten Zahlen in der EU von jährlich 25 000 Todesfällen und 2,5 Millionen zusätzlichen Spitaltagen, bedingt durch antibiotikaresistente Bakterien, aus. «Es ist eine drohende Gefahr, der wir alle dauernd ausgesetzt sind und die uns jederzeit treffen kann», sagte der Fachmann ernst. Auch wenn Antibiotika in der Schweiz, im Vergleich zum Ausland, relativ zurückhaltend eingesetzt werde, müsse der Kampf gegen resistente Bakterien vehement geführt werden. In der Schweiz komme man bei 1000 Einwohnern auf neun Tagesdosen, in Frankreich seien es bereits 30. Man gehe davon aus, dass in der Schweiz pro Jahr rund 70 000 Infektionsfälle auftreten und bei rund 2000 Menschen zum Tode führen. Wenn weltweit nichts gegen die immer grösser werdende Zahl von antibiotikaresistenten Bakterien unternommen werde, könnten Menschen in dreissig Jahren an Krankheiten, welche von Bakterien ausgelöst werden, sterben. Ostasien und Südamerika verzeichnen mit Abstand die höchsten Zahlen der Todesfälle. Mangelnde Hygiene, fäkale Ausscheidungen im Wasser, fehlende Rahmenbedingungen für die Anwendung von Antibiotika, Verkauf, Konsum und Einnahme treiben die antibiotikaresistenten Bakterien in die Höhe. Deshalb sei vom Verzehr von Importgemüse aus Indien, Thailand und Vietnam abzuraten.

Antibiotika wirkt nicht mehr
Wenn multiresistente Bakterien, sogenannte ESBLKeime, in den menschlichen Körper gelangen, bestehe die Gefahr, dass im Fall einer Infektion Antibiotika nicht mehr wirken. Komme hinzu, dass die Keime ihre Antibiotikaresistenzen leicht an andere Bakterien weitergeben. «Die Selektion von antibiotikaresistenten Bakterien hängt immer direkt oder indirekt mit der Anwendung einer Wirksubstanz zusammen », erklärte Stephan. Deshalb sei es so, dass je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto wahrscheinlicher Resistenzen festgestellt werden. Problematisch seien Breitband-Antibiotikas, welche heute häufig zum Einsatz kommen. Dazu sagt er: «Je breiter die Wirkung eines Antibiotikums, desto schwerwiegender ist eine Resistenz dagegen.» Konsumenten seien angehalten, die Regeln gemäss www. sichergeniessen.ch einzuhalten. Die heutige Situation sei eine Aufgabe, die nur im Netzwerk aller Beteiligten angegangen werden könne, Schuldzuweisungen bringen nichts.


Ruth Bossert




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